Die Sonne scheint auf die Wiese vor dem Sonnenblumenhaus. Genau hier, wo einst der Mob wütete, wo sie den Hitlergruß zeigten und Scheiben einwarfen, wo sie "Deutschland den Deutschen" skandierten, steht nun der Bundespräsident und Rostocker Joachim Gauck und ruft: "Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände!"

Der Auftritt des obersten Repräsentanten des Staates ist der feierliche Höhepunkt eines Gedenkwochenendes, das Lichtenhagen und das Sonnenblumenhaus noch einmal zurück in den Fokus der Öffentlichkeit geholt hat. Und das diesen Stadtteil noch einmal aufgewühlt hat. Nach der von zugereisten Linken geprägten Demo am Samstag ist einen Tag später die große Politik nach Lichtenhagen gekommen.

Neben Gauck sitzt der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern , Erwin Sellering , ein paar Meter weiter die Grünen-Chefin Claudia Roth . Die Reden sind versöhnlich und ein wenig kämpferisch. Die vietnamesische Botschafterin lobt, Lichtenhagen sei ein Stadtteil der Integration und Toleranz geworden. Da klatschen die mehreren Hundert Zuschauer hinter den Ehrentribünen und den Absperrungen gern Beifall.

Aufarbeitung an leisen Orten

Von den Menschen aber, die in diesem vermeintlich so vorbildlichen Stadtteil wohnen, sind nur wenige da. Diejenigen unter ihnen, die sich dem Gedenken und der Aufarbeitung wirklich stellen, wählen dafür leisere, weniger sichtbare Wege und Orte.

Zum Beispiel den Pavillon vor einem Plattenbau, einen Block von der großen Gauck-Bühne entfernt. 23 Menschen sitzen hier im kleinen Gemeindezentrum zusammen, die ergraute Kerngemeinde, alles Anwohner, plus eine Hand voll Jugendliche aus der Rostocker Innenstadt. Sie feiern eine Friedensandacht für den Pogrom von 1992 .

"Wir verschweigen nicht, dass der zutage getretene Menschenhass auch Rostocker Autokennzeichen trug", sagt die junge Pastorin, und dann sprechen alle im Chor: "Ich möchte so leben, dass ich niemandem Angst mache. Ich bitte darum, dass ich selber der Angst nicht erliege."

Oder Hans-Joachim Ulbrich und seine "Jungs", wie er sie nennt. Der Filmemacher stellt seit Jahren Projekte an Schulen in Rostock auf die Beine. Unter seiner Anleitung beschäftigen sich gerade ein Dutzend Kinder und Jugendliche aus Lichtenhagen im Alter von 12 bis 22 Jahren mit dem Leben in ihrem Stadtteil. Eher nebenbei sind sie auf die Pogrome zu sprechen gekommen, und Ulbrich stellte fest: "Die wussten Null darüber Bescheid."