Soziale Gerechtigkeit : Die fast unüberwindbare Kluft zwischen Arm und Reich

Der Sozialverband Deutschland fordert mehr Verteilungsgerechtigkeit: Reiche sollen Schwachen helfen. Doch so einfach ist es nicht.

Es droht "ein Achsenbruch mit Totalschaden", sagt Adolf Bauer. Der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD) spricht nicht etwa von seinem Auto, sondern von der Stabilität der Gesellschaft. Er befürchtet, dass Ungleichheit und wachsende Armutsrisiken schon bald den sozialen Frieden hierzulande gefährden könnten. Schließlich schrumpft die Mittelschicht in Deutschland seit Jahren, dagegen wächst der Anteil derjenigen mit wenig Einkommen. An diesem Donnerstag hat er daher zu einem Gespräch über Verteilungsgerechtigkeit eingeladen – und Zahlen mitgebracht.

Mehr als 650.000 Menschen haben demnach in Deutschland ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von mindestens 112.000 Euro. Rechnet man Immobilien mit ein, dann lag das Vermögen aller privaten Haushalte Ende 2011 bei 8,2 Billionen Euro. Doch: Etwa zwei Drittel des Privatvermögens verteilen sich nur auf ein Zehntel der Bevölkerung.

Wenig Reiche, steigende Armut

Gleichzeitig sind rund acht Millionen Menschen von Hartz IV abhängig, also rund jeder zehnte Deutsche. Jede sechste Kind ist armutsgefährdet. Jeder vierte Beschäftigte arbeitet im Niedriglohnsektor und erhält einen Lohn von weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde. Zwischen 1995 und 2010 stieg die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor um mehr als 2,3 Millionen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Tendenz zur wachsenden sozialen Kluft in Deutschland zuletzt bestätigt. Man kann das drastisch zuspitzen: Deutschland hat ein Verteilungsproblem. Verteilung ist gleichzeitig ein schwieriges Wort. Es klingt nach Sozialismus, nach Ungerechtigkeit, es klingt für viele danach, dem einen etwas wegzunehmen und es einem anderen zu geben.

Eine Frage der Finanzierung

Der Sozialverbands jedenfalls benennt viele Forderungen: den Ausbau sozialversicherungspflichtiger Jobs, ein Mindestlohn nicht unter 8,50 Euro pro Stunde, die Gleichstellung der Leiharbeit mit den Bedingungen normaler Beschäftigungsverhältnisse, mehr Geld für die gesetzliche Rentenversicherung, weniger befristete Arbeitsverträge, eine Stärkung der Sozialkassen, Bildungs- und Gesundheitsangebote für einkommensschwache Familien.

Klingt gut. Nur wer soll das alles bezahlen?

Die deutsche Wirtschaft ist (noch) stark, aber Bund, Länder und Kommunen haben über zwei Billionen Euro Schulden. Rund jeder zehnte Euro im Bundeshaushalt fließt für Zinszahlungen ab. Die enorme Staatsverschuldung geht also schon jetzt zulasten anderer Ausgaben. Gleichzeitig haftet Deutschland für die Euro-Rettung und ist hier Milliardenrisiken eingegangen.

Der Sozialverband will deshalb die Vermögenssteuer wieder einführen, wenn auch mit Freibetrag. Die Steuer aus Kapitalerträgen soll mit wachsendem Einkommen steigen, der Spitzensteuersatz soll auf 56 Prozent angehoben werden. Eine europäische Finanztransaktionssteuer könnte dem Bund – so der SoVD – zusätzlich zehn Milliarden Euro jährlich in die Kassen spülen.

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Kommentare

211 Kommentare Seite 1 von 25 Kommentieren

Korrelation

Sie vermissen im Artikel nicht genannte Zusammenhänge? Das liegt vielleicht daran, dass es diese Zusammenhänge nicht gibt?

Dann wäre mal interessant, wie Sie den Zusammenhang konstruieren zwischen guter Wirtschaftslage der EXPORT-Wirtschaft und den Niedriglöhnen, die vor allem im Dienstleistungssektor herrschen. Was genau hat der Lohn der Verkäuferin, der Altenpflegerin, des Wachmanns, etc. damit zu tun?

Umgekehrt ist schwächelt der Binnenkonsum mit Schaden für die europäische Wirtschaft seit Jahren immer mehr. Das tut er genau deshalb - auch das wird seit Jahren vom Ausland angemahnt - weil die Löhne für die Wirtschaftskraft zu niedrig sind!

Und Ihre Kritik in Sachen Facebook schlägt dem Fass dann gleich noch den Boden aus: Zunächst geht es hier um die Situation in Deutschland - Facebook ist meiner Kenntnis nach kein deutsches Unternehmen. Und was genau hat der - kritisierte - Datenverkauf von Facebook nun damit zu tun, dass u.a. im Gesundheitsbereich die Löhne zu niedrig sind?

Die Ideale haben auch dunkle Seiten

Die Frage, ob Arm oder Reich, ist nur die halbe Wahrheit. Das Dilemma Renten-Mindestanwartschaft beginnt wesentlich früher. In der Jugend werden Entscheidungen gefällt, die das Leben entscheidend vorbestimmen. Nur selten gelingt es besonders Begabten, die Fehler zu überholen. Fr./Mann ohne gehobene Ausbildung, kann im Einzelhandel netto ca. € 1200-1400 verdienen. Änderung nicht zu erwarten. Drohung Ersatz € 400-Kräfte. Bei den Handwerkern ähnlich (Niveau von € 2000 -2400). Daraus später Rentenanspruch von ca. € 700 -1200. Für die Geschiedenen, die Ehe-Betrogenen, die nicht besonders Gescheiten, d.i.d. Randgebieten der Republik + die periodisch Beschäftigungslosen ist es noch verzweifelter. Ehen werden deswegen nicht geschlossen, Kinder nicht geboren, Trennungen werden trotz Bedrohung + Qual nicht vollzogen. Aber Mieten und Kosten steigen. Hellseherische Fähigkeiten sind nicht notwendig. Gründe sind klar. Ein Teil der Beschäftigungsverhältnisse ist nicht mehr in der Lage, eine Wertschöpfung für den bisherigen Lebensstandart zu erarbeiten. Die „Reichen“+Gewitzten haben immer die Möglichkeit, solche „Zustände“ auszunutzen. Quasi ein Naturgesetz. Das war auch in allen "Sozialstaaten“ so. Die Gutmenschen werden das nicht wahr haben wollen. Durch den globalen Preisvergleich werden alle Arbeitsplätze verglichen. Noch haben viele Vorteile davon. Aber d. Letzten werden schon von diesem erbarmungslosen Vergleich malträtiert. Mit Hartz4 leckt der Staat (noch+wie lange?) deren Wunden.

"Klingt gut. Nur wer soll das alles bezahlen?"

Ganz ehrlich, ich verstehe nicht, wie man einen Artikel schreiben kann in dem man zuerst Zahlen nennt wie diese "Etwa zwei Drittel des Privatvermögens verteilen sich nur auf ein Zehntel der Bevölkerung." und zwei Absätze später völlig naiv fragt "Nur wer soll das alles bezahlen?"

Die Schere geht immer weiter auf - langfristig kann das keiner wollen, denn auch das ruhigste Volk gibt sich auf Dauer nicht mit Brot und Spielen zufrieden.

Wer soll das bezahlen?

Das hören wir nun seit über zehn Jahren. Seitdem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Und immer kommt das Argument, dass das durchaus vorhandene Geld für etwas Dringenderes gebraucht würde. Das wird es auch dann auch, wie die Statistik zeigt. Für die Reichen vor allem, deren Vermögen exorbitant gestiegen sind. Wer so argumentiert wie Philipp Laage, der unterstützt den Status Quo.

Es ist immer so einfach wie man es sich macht...

Nicht mit Brot, der Neoliberalismus der Mitursache für diese Umverteilung von der Allgemeinheit hin zu Wenigen ist, sieht nur Brotkrumen für alle vor. Man fragt sich dort üblicherweise; wenn die Menschen sich kein Brot leisten können, warum essen sie nicht einfach Kuchen?

Jede Partei die neoliberale Elemente in ihrem Programm oder Vertreter einer neoliberalen Linie enthält sollte mit Entzug der Wählerstimmen bei jeder einzelnen Abstimmung bestraft werden. Es ist die einzige Möglichkeit die Politikereliten wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Als nächstes sollten gewisse Grundregeln für Politiker eingeführt werden. Z.B. mindestens 5 Jahre als ARBEITER gearbeitet haben vor dem Einstieg in die Politik. Ansonsten gibts keine Posten über dem Zettelverteiler. Direkter Einstieg aus einer Selbstständigkeit, von der Uni oder aus Führungspositionen gelten nicht als Zulassungskriterium. Dazu eine Quote für Eltern. Mindestens 50% aller Spitzenpolitiker müssen Eltern sein. Die denken anders über die Zukunft nach. Müssen (sollten) sie im Normalfall ja auch weil sie Verantwortung für ein Leben haben das noch nicht für sich sorgen kann. Als weiteres Kriterium wäre eine Quote von 50% unter 40-jähriger in Führungspositionen angebracht. Auch die verhalten sich der Zukunft gegenüber anders als 90% aller Opas und Omas.

Arbeiten ermöglichen

Es gäbe viele Möglichkeiten, Arbeit für Menschen aller Art möglich zu machen. Wie, sei zu diskutieren, z.B. absolutes Minimum an Lohn bei jeder Form von Arbeit (auch mini-Selbständigkeit etc.), Legalisierung von einfacher-nicht organisierter- Schwarzarbeit (Nachbarschaftaufträge), Selbstständigkeit mit weniger behördlichen(bürokratische/steuerliche Hürden etc etc.

Wenn die "Armen" mehr Geld haben, läuft die Wirtschaft besser (nachdem Rot-Grün die Schwarzarbeit bekämpft haben, sank die Binnennachfrage, oh Wunder!) und die Reichen verdienen noch mehr Geld. Das macht aber nichts.

Verteilung ist nicht das Mittel, sondern Fairness. Wenn ich als kleiner Selbständiger fast 500 Euro mtl. an die KV zahlen soll, und für meine Frau nochmal das gleiche, wo soll das herkommen? Da müssen wir auf KV ganz verzichten, ob es nun vorgeschrieben ist oder nicht.
Unser System hat sich so entwickelt, dass es eine Schicht gibt, die konkret die Arbeit macht und eine Schicht, die deren Arbeit verkauft. Dabei werden die Arbeitenden so stark mit Aufgaben und Abgaben belastet, dass es Sklaverei gleichkommt.Es wird soviel aus jedem heraus gepresst wie nur irgend geht. Der Normalverdiener ist immer am Existenzminimum, man muss schon deutlich darüber liegen, um sparen zu können oder sich ein wenig Luxus gönnen zu können.

Auch 13 Jahre später...

hat die Politik darauf noch keine Antworten gefunden. Hat sie denn überhaupt ernsthaft welche gesucht? Die ganzen Daten der Produktivitätssteigerungen, der Verbesserungen in der Komunikationstechnik, im IT-Bereich,u.s.w., sind doch hinlänglich bekannt und dies seit jahrzehnten. Nein da wird vom Facharbeitermangel gefaselt, die Ausblildung aber als zu teuer abgelehnt! Da brauchen wir weiteren Zuzug von Menschen, bekommen diejenigen, die schon hier sind, aber nicht vernünftig in Lohn und Brot. Bei uns hat sich eine mächtige Lobby der Mittelstandsberufe, wie Anwälte, Steuerberater, Notare, Ärzte, Apotheker, Beamte, Freiberufliche Handwerker, Großkonzerne und Unternehmer, die über gute, bis sehr gute Einkünfte verfügen, gebildet. Die lassen niemanden an ihre Töpfe ran, sei es durch Vorschriften, Zünfte, Handwerkskammer oder sonstige Instutitionen. Die Ärzteschaft und Apotheker möchte ich hier ausnehmen, weil sie die Gesundheit direkt betreffen. Was ich eigendlich damit zum Ausdruck bringen möchte, ist das diejenigen, die genug haben,ruhig was abgeben sollten. Bei den sehr Reichen soll sich die Regierenden was einfallen lassen, wie sie zu mehr Gerechtigkeit beitragen können, bzw. müßen und nicht nur immer den Weg des geringsten Widerstands gehen!!!