Lange kursierten die Gerüchte nur im Internet , in einzelnen Medien und – hinter vorgehaltener Hand – im politischen Betrieb Hannovers und Berlins. Doch seit die Süddeutsche Zeitung am Samstag groß über den juristischen Abwehrkampf von Bettina Wulff gegen Verleumdungen berichtete, die ehemalige First Lady habe früher im Rotlichtmilieu gearbeitet, ist kein Halten mehr. Mit der Argumentation, sich nur mit der Weitergabe der haltlosen Unterstellungen zu beschäftigen, berichten nun die Medien, auch ZEIT ONLINE, über den Fall.  

Interessanter ist aber, dass der erfahrene Investigativjournalist Hans Leyendecker und ein Kollege in der SZ schreiben, die vermeintliche Geschichte über Wulffs zweite Frau sei bereits seit 2006 von CDU-Leuten in Hannover gestreut worden – um dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten zu schaden. Denn der hatte schon damals außer- und innerhalb der Partei nicht nur Freunde, sondern auch zahlreiche Feinde. Manche gönnten ihm sein Amt und sein neues privates Glück nicht, andere wollten womöglich seinen weiteren politischen Aufstieg verhindern. So wiesen am Rande der Bundesversammlung 2010, auf der Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde, CDU-Politiker Journalisten gezielt auf die Gerüchte hin. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt…

Solche Intrigen von vermeintlichen Parteifreunden gibt es immer wieder. So wurde auch der schleswig-holsteinische CDU-Spitzenkandidat und Landesvorsitzende Christian von Boetticher auf diese Weise 2011 von den eigenen Leuten aus dem Amt getrieben. Er hatte engen Vertrauten erzählt, dass er über das Internet eine Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen geknüpft hatte. Als einige in der Partei ihn als Ministerpräsidenten-Kandidaten loswerden wollten, weil sie ihn für eine Fehlbesetzung hielten, nutzten sie dieses Bekenntnis und stachen es gezielt an die Medien durch. Von Boetticher war erledigt.

Waigel ist bis heute verbittert

Ähnlich erging es Theo Waigel bereits Anfang der neunziger Jahre. Er konkurrierte damals mit Edmund Stoiber um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Als Stoiber den CDU-internen Zweikampf zu verlieren drohte, ließ er verbreiten, dass Waigel mit der ehemaligen Skiläuferin Irene Epple liiert sei, obwohl dieser noch verheiratet und seine Frau schwer krank war. Zwar waren Waigels private Verhältnisse in München seinerzeit durchaus bekannt, die Zeitungen hielten sich aber mit Rücksicht auf die tragischen Umstände bewusst zurück.

Stoiber kannte hingegen keine Zurückhaltung, als es um die Macht ging. Waigel verlor das Duell. Diesen Angriff unter der Gürtellinie, gegen den er sich nicht wehren konnte, hat er seinem CSU-Rivalen nie verziehen und aus seiner Verbitterung darüber später auch keinen Hehl gemacht. Wer könnte das nicht verstehen?

Auch die Affäre von Horst Seehofer wurde wohl von eigenen Leuten in Umlauf gebracht. Immerhin arbeitete seine Geliebte als Sekretärin des ehemaligen CDU-Generalsekretärs und Bundestagsabgeordneten Laurenz Meyer . Einige in der Partei und in der Fraktion dürften deshalb davon gewusst und ihr Wissen genutzt haben, um dem CSU-Vorsitzenden eine Scharte beizubringen. Seehofer jedoch überstand den Skandal.

In anderen Ländern wie etwa Großbritannien sind solche politischen Schlammschlachten mithilfe des Privatlebens schon lange Usus. Bei uns sind es bisher Einzelfälle. Bemerkenswert ist, dass sie vor allem im bürgerlichen Lager vorkommen. Von Sozialdemokraten und Grünen erwartet das Publikum kein keusches Leben. Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit ihren zahlreichen Ehen sind beste Beispiele. Bei Konservativen dagegen ist das Empörungs- und Angriffspotenzial immer noch wesentlich größer.

Und so können sich Konservative jetzt auch gleich doppelt empören: dass angeblich eine Ex-Escortdame im Schloss Bellevue wohnte. Und dass böse Medien und noch bösere Blogger das auch noch verbreiten. Dabei müssten sie sich ob ihrer Bigotterie zuvorderst an die eigene Nase packen.