CDUHelmut Kohl darf ins Museum

Spendenaffäre, war da was? Die CDU feiert ihren Übervater und die Ära Helmut Kohl. Doch zwischen den Zeilen sind die Zerwürfnisse von einst noch immer spürbar. von 

Helmut Kohl neben einem Druck der Sonderbriefmarke mit seinem Porträt

Helmut Kohl neben einem Druck der Sonderbriefmarke mit seinem Porträt  |  © Christian Marquardt - Pool / Getty Images

Spätestens am Veranstaltungsort begreift auch der Letzte, worum es an diesem Abend geht, welcher Ton hier angeschlagen wird. In das Deutsche Historische Museum hat die CDU geladen, und in der Eingangshalle hängt noch das Plakat der gerade beendeten Ausstellung über Friedrich den Großen – den deutschen Überkönig.

Erst der große Fritz, nun der große Helmut. Das ist die Preisklasse, in die die CDU nun Helmut Kohl endgültig einordnen will . Zur Feier seiner Regierungsübernahme am 1. Oktober vor 30 Jahren hat sie einen Festakt unter dem selbstbewussten Titel Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas auf die Beine gestellt. Man darf diesen Abend als groß angelegten Versuch der Partei verstehen, Kohl in ihr eigenes historisches Museum umzusiedeln – ins Reservoir ihrer vergangenen Erfolge, auf das der ewige Kanzler auch ein wenig ins Heute strahle.

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Dementsprechend werfen die Festredner im Museum mit Superlativen nur so um sich. Der ehemalige US-Präsident George Bush erklärt Kohl in einer Videobotschaft zum "größten Staatsmann, den Europa je hatte". Der britische Ex-Premier John Mayor ruft "Für immer Kohl!" in die Kamera, und für den früheren spanischen Regierungschef Felipe Gonzales ist er "der größte Kanzler seit Bismarck".

Kohl ist ein Riese, auch am heutigen Abend. Er sitzt in der ersten Reihe, eingerahmt von seiner Frau und einem Begleiter, daneben sitzt Bundeskanzlerin Angela Merkel . Und weil seine 1,96 Meter durch den Rollstuhl sitzend noch ein bisschen größer werden, überragt er tatsächlich alle: Sein großer Kopf ist auch von ganz weit hinten noch zu sehen.

Schäuble kommt – trotz allem

Etwa zehn Meter weiter sitzt ein anderer Großer der CDU in seinem Rollstuhl: Wolfgang Schäuble . Seitdem Kohl ihn, den damals schon designierten Nachfolger, ins zweite Glied zurückdrängte und sich in der Spendenaffäre der CDU gegen ihn stellte, herrscht zwischen den beiden eine Nicht-Beziehung. Als Schäuble seinen 70. Geburtstag feierte, kam Kohl trotz Einladung nicht. Trotzdem ist Schäuble zur Kohl-Feier gekommen. Er rollt just in dem Moment auf seinen Platz, als Hans-Gert Pöttering , ehemaliger Präsident des europäischen Parlaments und heute der Moderator, ihn namentlich begrüßt. Der Applaus für Schäuble ist sehr lang, länger sogar als für Kohl selbst. Alle im Saal scheinen erleichtert, dass nicht noch einmal alte Wunden aufgerissen werden.

Schäuble ist übrigens nicht der einzige, der zu spät kommt. Familienministerin Kristina Schröder eilt auch erst nach Veranstaltungsbeginn die Treppe hinauf, kurz darauf folgt Dagmar Schipanski , die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Union. So zahlreich ist die Politprominenz, dass Moderator Pöttering nur einzelne Minister und Ministerpräsidenten stellvertretend nennt, um den Zeitrahmen nicht zu sprengen.

Den Ton am besten treffen zwei ausländische Redner des Abends. "Die Amerikaner werden Ihr Vermächtnis nie vergessen!", ruft der US-Botschafter Philip D. Murphy Kohl pathetisch zu. Jean-Claude Juncker , der Vorsitzende der Euro-Gruppe, bleibt eine Nummer sachlicher, aber nicht weniger eindrücklich. "Er hat mir Europa beigebracht, dafür bin ich ihm lebenslang dankbar." Und: "Pass auf dich auf."

Leserkommentare
  1. Es war doch der Druck der Ostdeutschen, der dafür gesorgt hat, dass es zur Einheit kommt. Und wenn man die Einheit (was übrigens ein Beschluss der DDR-Volkskammer war), weglässt, was bleibt dann noch? Außer gebrochenen Wahlversprechen („keine Steuererhöhungen“; „Blühende Landschaften“) nicht viel.

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    Sicher, das Hauptverdienst, der Wiedervereinigung den Weg bereitet zu haben, kommt der DDR-Bevölkerung zu. Und ja, so richtig sympathisch ist mir Kohl auch nie gewesen, und unter seiner Kanzlerschaft wurden hauptsächlich Probleme ausgesessen (was Merkel ja auch sehr gut kann), was u.a. dazu geführt hat, daß unter seiner Kanzlerschaft die Schere zwischen Arm und Reich erstmals bedrohlich auseinander zu klaffen begann. War ja schließlich auch eine schwarz-gelbe Koalition. Froh bin ich auch, ihn nicht als direkten Hausnachbar zu haben! Er kann sicherlich ein recht unangenehm-dominanter Mensch sein...

    Dennoch: Das Verdienst, die deutsche Einheit in trockene Tücher gepackt zu haben, kommt ihm unbestritten zu! Das hätten die meisten seiner Politiker-Zeitgenossen (ausgenommen vielleicht Helmut Schmidt) mit großer Wahrscheinlichkeit vergeigt!!!

    Oder wie Wolf Biermann sagt: "dass dieser Kohl klüger war als wir alle zusammen damals"

    • zeie
    • 04. Oktober 2012 5:25 Uhr

    Ich glaube, es gab zwei entscheidene Parteien auf dem Weg zur Deutschen Einheit:

    1) Gorbatschow mit seinem Glasnost (und einer Sowjetunion, die wohl dringend Bündnispartner und Geld brauchte um nicht pleite zu gehen.)
    Und Gorbatschow mit seiner Mitteilung - wohl schon vor dem Beginn der Wendebewegung - dass keine russ. Panzer mehr in den Satelitenstaaten gegen die Bevölkerung rollen sollen.

    2) Die Bürgerrechter der DDR.

    Kohl war meiner Meinung nach ein korrupter Verbrecher und eine Art Klein-Dikator, der sich leider zur falschen Zeit in der falschen Position war.

    Hätten die Generation meiner Eltern, hätten die Bürgerrechter damals mal gewusst, in welch widerliche Skandale und schwarze Kassen damals schon in der BRD ans Tageslicht gekommen sind.
    Ich war damals 11 Jahre alt und der Meinung, jetzt kommt ein System, Demokratie, in dem man wählen kann und vorher aufgeklärt wird, was man wählt. Er hat das Gegenteil gemacht.

    Er tritt seit x Jahrzehnten Artikel 21 GG mit Füssen und sagt, dass Männer ehrenwert seien, die mit ihm das selbe tun - ja, die von ihm verlangt haben, für Geld, das zu tun. Nach seinem Rechtsverständnis sind seine Ehrenwörter weit wichtiger einzuhalten als das GG. Er hatte wohl auch das Recht, diese Ehrenworte überhaupt abzugeben.

    Ich finde, er hat den Willen der Mütter und Väter des Grundgesetzes mit Füssen getreten, indem er aus der Wiedervereinigung eine Beitritt gemacht hat. Beitritt gemacht und Wiedervereinigung gesagt. Gut aufgepasst bei Orwell.

  2. Immerhin ist der Artikel eine nicht ganz so einseitige und unerträgliche Hagiographie, wie ich sie in den Springer-Medien lesen musste. Den Regierungswechsel von 1982 als historischen Freudentag zu feiern, kann auch nur der CDU einfallen.

    6 Leserempfehlungen
    • pappel
    • 28. September 2012 11:49 Uhr

    zucke bei der Phrase "Kanzler der Einheit" immer noch zusammen.
    Es ist gruselig mitzuerleben, wie Geschichtsschreibung jetzt schon verfälscht wird. Noch ein paar Jahre und wir werden sehen wie Kohl alleine die Mauer niederriss und wir im Osten nur dumm geschaut haben.
    Für mich ist Kohl immer noch das Symbol, dass deutsche Politik auf höchsten Ebenen kaufbar ist.

    12 Leserempfehlungen
  3. Einer der sein Ehrenwort gibt um nicht in einen Prozess mit hinein gezogen zu werden ist kein Vorbild und erst recht kein Held (wie Ihn einige gerne sehen). Er hat in Deutschland einen riesigen Schuldenberg aufgetürmt, die Arbeitslosigkeit war hoch und es gibt noch mehr zweifelhafte Geschichte über Herrn Kohl.

    Soll er seinen Ruhestand genießen. Sein Vermächtnis lebt in Teilen mit unserer Kanzlerin weiter (leider)...

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  4. ... Farce. Kohl war nie ein großer Politiker. Dieses Aufblasen zeigt ein trauriges Gesicht der CDU.
    Wie Merkel war Kohl ein gerissener Parteipolitiker - auf Kosten einer tatsächlichen Wiedervereinigung Deutschlands, auf Kosten der - v.a. späteren ostdeutschen - Vertriebenen aus Ostpreußen, Sudetenland usw. oder auf Kosten nicht nur politischer Werte wie Bescheidenheit und Redlichkeit.

    5 Leserempfehlungen
  5. - vor dreißig Jahren als BP gewählt (eigenartiges Jubiläum)
    - überzogene Lobreden (könnten auch peinlich unangenehm berühren)
    - Redezeit für Geehrten (der sich nicht mehr unbeeinträchtigt ausdrücken kann)

    das alles mag im Familien- und Freundeskreis willkommen sein, zur Versöhnung sogar sehr angebracht, aber nicht als Großereignis-Show.

    Den beiden Kommentaren vor mir stimme ich zu...

    3 Leserempfehlungen
    • hkeske
    • 28. September 2012 12:03 Uhr

    De mortuis nihil nisi bene - aber er lebt doch noch. Hat das keiner gemerkt? Hat man ihn deshalb nicht nach seinen Spendern gefragt?

    Was für eine abstoßende Veranstaltung.

    6 Leserempfehlungen
    • bernjul
    • 28. September 2012 12:04 Uhr

    Das einzige was ich von Herrn Kohl noch hören möchte, sind die Namen der Spender:
    http://de.wikipedia.org/w...

    7 Leserempfehlungen

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