Spätestens am Veranstaltungsort begreift auch der Letzte, worum es an diesem Abend geht, welcher Ton hier angeschlagen wird. In das Deutsche Historische Museum hat die CDU geladen, und in der Eingangshalle hängt noch das Plakat der gerade beendeten Ausstellung über Friedrich den Großen – den deutschen Überkönig.

Erst der große Fritz, nun der große Helmut. Das ist die Preisklasse, in die die CDU nun Helmut Kohl endgültig einordnen will . Zur Feier seiner Regierungsübernahme am 1. Oktober vor 30 Jahren hat sie einen Festakt unter dem selbstbewussten Titel Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas auf die Beine gestellt. Man darf diesen Abend als groß angelegten Versuch der Partei verstehen, Kohl in ihr eigenes historisches Museum umzusiedeln – ins Reservoir ihrer vergangenen Erfolge, auf das der ewige Kanzler auch ein wenig ins Heute strahle.

Dementsprechend werfen die Festredner im Museum mit Superlativen nur so um sich. Der ehemalige US-Präsident George Bush erklärt Kohl in einer Videobotschaft zum "größten Staatsmann, den Europa je hatte". Der britische Ex-Premier John Mayor ruft "Für immer Kohl!" in die Kamera, und für den früheren spanischen Regierungschef Felipe Gonzales ist er "der größte Kanzler seit Bismarck".

Kohl ist ein Riese, auch am heutigen Abend. Er sitzt in der ersten Reihe, eingerahmt von seiner Frau und einem Begleiter, daneben sitzt Bundeskanzlerin Angela Merkel . Und weil seine 1,96 Meter durch den Rollstuhl sitzend noch ein bisschen größer werden, überragt er tatsächlich alle: Sein großer Kopf ist auch von ganz weit hinten noch zu sehen.

Schäuble kommt – trotz allem

Etwa zehn Meter weiter sitzt ein anderer Großer der CDU in seinem Rollstuhl: Wolfgang Schäuble . Seitdem Kohl ihn, den damals schon designierten Nachfolger, ins zweite Glied zurückdrängte und sich in der Spendenaffäre der CDU gegen ihn stellte, herrscht zwischen den beiden eine Nicht-Beziehung. Als Schäuble seinen 70. Geburtstag feierte, kam Kohl trotz Einladung nicht. Trotzdem ist Schäuble zur Kohl-Feier gekommen. Er rollt just in dem Moment auf seinen Platz, als Hans-Gert Pöttering , ehemaliger Präsident des europäischen Parlaments und heute der Moderator, ihn namentlich begrüßt. Der Applaus für Schäuble ist sehr lang, länger sogar als für Kohl selbst. Alle im Saal scheinen erleichtert, dass nicht noch einmal alte Wunden aufgerissen werden.

Schäuble ist übrigens nicht der einzige, der zu spät kommt. Familienministerin Kristina Schröder eilt auch erst nach Veranstaltungsbeginn die Treppe hinauf, kurz darauf folgt Dagmar Schipanski , die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Union. So zahlreich ist die Politprominenz, dass Moderator Pöttering nur einzelne Minister und Ministerpräsidenten stellvertretend nennt, um den Zeitrahmen nicht zu sprengen.

Den Ton am besten treffen zwei ausländische Redner des Abends. "Die Amerikaner werden Ihr Vermächtnis nie vergessen!", ruft der US-Botschafter Philip D. Murphy Kohl pathetisch zu. Jean-Claude Juncker , der Vorsitzende der Euro-Gruppe, bleibt eine Nummer sachlicher, aber nicht weniger eindrücklich. "Er hat mir Europa beigebracht, dafür bin ich ihm lebenslang dankbar." Und: "Pass auf dich auf."