Als Rainer Brüderle am Mittwoch im Morgengrauen das erste Fernsehinterview gab, wurde hinter ihm eine friedliche Szene eingeblendet: Schiffe auf dem ruhig dahinplätschernden Rhein , der Dom von Mainz . Dieses Jahr findet die Klausur der Bundestagsfraktion in Brüderles Heimat Rheinland-Pfalz statt. Die 93 FDP-Abgeordneten träfen sich zu einer "seriösen Tagung" in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, sage der Fraktionschef mit betont ernstem Blick. Für "Spielchen" sei keine Zeit, betonte er in den wenigen Minuten seines Statements gleich dreimal.

"Spielchen", das ist Brüderle-Sprech für die neu entflammte Personaldiskussion um Parteichef Philipp Rösler , für die Putschgerüchte , wonach der Fraktionsvorsitzende plant, bald gemeinsam mit Christian Lindner die Spitze der Partei zu übernehmen. Brüderle fühlte sich genötigt, zu dementieren: "Wir machen keine Doppelpacks und sonst was. Wir sind ein Team". Rösler habe seine "volle Unterstützung."

Das Machtwort des innerparteilich beliebten Fraktionsvorsitzenden dürfte allerdings an der Situation nicht viel ändern. Die Personalspekulationen werden in diesen Tagen immer wieder in Gang gesetzt – und Brüderle ist nicht ganz unschuldig daran.

Genscher arbeitet an einer Zukunft ohne Rösler

Rösler wiederum schafft es einfach nicht, seine Leute in den Griff zu bekommen. Stetig werden die Medien aus den Reihen der FDP  mit neuen Schlagzeilen versorgt: FDP-Querulant Wolfgang Kubicki bezeichnet Röslers Widersacher Lindner ungestraft als "geborenen neuen Bundesvorsitzenden" und der Alt-Liberale Hans-Dietrich Genscher gibt zum Auftakt der Fraktionsklausur ein Interview, in dem er Brüderle einen "absoluten Trumpf für die Partei" nennt, der "zunehmend an Gewicht nicht nur für sich selbst" gewinnt.

Über den Parteivorsitzenden hat Genscher weniger Gutes zu berichten: Es sei schade, dass Rösler "so unterschätzt wird". Dem Vernehmen nach soll der ehemalige Außenminister seit Wochen heimlich Gespräche über die Zukunft seiner Partei führen – selbstredend soll diese Zukunft ohne den amtierenden Parteivorsitzenden stattfinden.

Rösler schaut den Absetzbewegungen ratlos zu

Spätestens seitdem die Rösler-Kritiker Kubicki und Lindner mit ihrer Profilierung gegen den Parteichef Wahlen gewannen, ist es in der Partei schick geworden, sich vom Vorsitzenden abzugrenzen. Hinzu kommt: Angesichts der immer noch katastrophalen Umfragewerte schaut inzwischen jeder Liberale nur noch auf sich selbst. Sollte die FDP bei der Bundestagswahl in einem Jahr den Sprung ins Parlament noch schaffen, wird die Sitzzahl der Partei nach derzeitigem Umfragestand mindestens halbiert sein. Schon jetzt gibt es ein Gerangel um aussichtsreiche Listenplätze.

In der Parteiführung sind nicht wenige genervt von den ständigen Querschüssen. Die FDP sei immer eine Partei gewesen, die Führung kaum annehme, sagen Vorstandsmitglieder. Doch das Problem sei eben auch, dass Rösler dem Treiben ratlos zuschaue. Seine innerparteilich umstrittenen Äußerungen zur Euro-Krise haben die Absetzbewegung der eigenen Leute noch verstärkt. In der FDP regiert Unzufriedenheit und gegenseitiges Misstrauen, wie auch zu Beginn dieser Woche wieder zu beobachten war.

Ohne Absprache mit Rösler forderte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ein Verbot für den Aufkauf von Steuerhinterzieher-Daten. Generalsekretär Patrick Döring, ein Vertrauter Röslers, verkündete daraufhin am Montag vor der versammelten Hauptstadtpresse, das Partei-Präsidium sei mehrheitlich gegen den Vorstoß der Ministerin und sowieso hätten er und Rösler von diesem unerhörlichen Alleingang erst aus der Zeitung erfahren.