Die junge Frau mit den blonden Locken fühlt sich als sei sie einem liebgewonnenem Freund begegnet. "Ich mag ihn sehr", sagt sie über den kleingewachsenen Mann, der sich mit seinen breiten Schultern durch die Menge schiebt. Dass sie gerade dem Bundespräsidenten die Hand geschüttelt hat, will sie nicht so recht glauben. Dieses Vertraute, die unglaubliche Nähe scheinen viele gespürt zu haben, die Joachim Gauck bei seinem Gang durch die Menschen begleitet und beobachtet haben. "Sympathisch", "authentisch", "aufrichtig interessiert“, jeder hat nur Positives zu berichten.

Es ist fast so, als habe Gauck eigentlich nur zur gemütlichen Gartenparty am Wochenende eingeladen und nicht ins Schloss Bellevue. Dabei ist der Park aufwendig hergerichtet, zwanzig weiße Zelte für die verschiedenen Organisationen, die sich vorstellen, zwei große Bühnen für die Live-Musik. Es gibt Eis, Kuchen, Wurst, Matjes. 10.000 Menschen sind gekommen, um Gauck zu sehen.

"Umringt wie ein Star ist er", sagt Frauke Frodl von der Björn Schulz Stiftung. Stolz ist sie, dass der Bundespräsident spontan und fast ungeplant zu ihrem Stand gekommen ist. Hier stellt sich das Kinderhospiz Sonnenhof vor, das von der Stiftung gestützt wird. Gauck setzt sich in das Zelt auf eine der Bierbänke und gibt zwei Mädchen am Tisch die Hand. "Wie gefällt euch das Fest?", fragt er die beiden. Die 12-Jährige grinst und schiebt ihm nur ein selbstgemaltes Bild über den Tisch. "Ein Autogramm, bitte". Einmal mehr fischt der 72-Jährige den Stift aus dem Jackett. Er wirkt gut gelaunt, wenn auch ein wenig müde.

Es ist ziemlich warm in dem Zelt und Gauck trägt dunklen Anzug und Krawatte. Trotzdem nimmt er sich die Zeit, die Mitarbeiterinnen der Stiftung zu fragen, wie ihre Arbeit aussieht und ihnen für ihr Engagement zu danken. Dann drängen ihn die Bodyguards sanft zum nächsten Stand. "Er will uns im Hospiz einmal besuchen kommen", sagt Frodl. Das hat er ihr versprochen. Sie glaubt es ihm.

Zwei Tage Bürgerfest schlauchen auch ihn

Auch bei Julia Oberst von der Stiftung Lesen hat Gauck vorbeigeschaut. "In einer Minute ist er da", hieß es auf einmal. Als das Staatsoberhaupt dann kommt, umringt von einer Menschentraube und Fernsehkameras, nimmt er sich auch für sie Zeit. Er schaut über die vielen Kinderbücher auf dem Tisch und greift sich zielsicher das einzige Nicht-Kinderbuch. Es ist ein Roman, den die Ausstellerin in den Pausen gelesen hat. Als Oberst ihm das gesteht und ein bisschen rot wird, muss er lachen. Doch schon ist die nächste Gesprächspartnerin am Tisch. Eine Frau hat sich zu ihm durchgekämpft. Gauck bietet ihr ein Stückchen Bank neben sich an und sie fängt an zu erzählen. Ganz privat, von ihrem Mann, ihrem Leben in der DDR. Gauck hört zu.

Mittags ist Gauck die Erschöpfung langsam anzusehen. Zwei Tage Bürgerfest schlauchen auch ihn. Er schlendert noch zu dem ein oder anderen Stand, gibt Autogramme – dann zieht er sich zurück, Mittagspause im Schloss. Am Nachmittag tritt er dann wieder hinter den spiegelnden Türen, die zum Garten führen, hervor. Neben ihm steht seine Lebensgefährtin Daniela Schadt und er hat seine beiden Vorgänger, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog mitgebracht.

Sofort ist sie da – die ehrfürchtige Stille, die Gaucks Auftritte vor Bürgern stets zu begleiten scheinen. Als er den Arm hebt und noch einmal die Gäste begrüßt, ist ein Raunen zu hören. Die Gruppe von gegenwärtigen und ehemaligen Staatsoberhäuptern geht die Treppe hinunter, die Menge teilt sich, eine Frau ruft: "Sie sind ein Präsident zum Anfassen!" Joachim Gauck lacht und beweist für heute ein letztes Mal seinen Charme: "Ich war heute aber wirklich genug zum Anfassen."