Joachim GauckGrillparty mit Staatsoberhaupt

Gauck zum Anfassen: Am Wochenende kamen Tausende in den Garten von Schloss Bellevue. Sie feierten den Bundespräsidenten wie einen alten Freund. von Sophie Schimansky

Die junge Frau mit den blonden Locken fühlt sich als sei sie einem liebgewonnenem Freund begegnet. "Ich mag ihn sehr", sagt sie über den kleingewachsenen Mann, der sich mit seinen breiten Schultern durch die Menge schiebt. Dass sie gerade dem Bundespräsidenten die Hand geschüttelt hat, will sie nicht so recht glauben. Dieses Vertraute, die unglaubliche Nähe scheinen viele gespürt zu haben, die Joachim Gauck bei seinem Gang durch die Menschen begleitet und beobachtet haben. "Sympathisch", "authentisch", "aufrichtig interessiert“, jeder hat nur Positives zu berichten.

Es ist fast so, als habe Gauck eigentlich nur zur gemütlichen Gartenparty am Wochenende eingeladen und nicht ins Schloss Bellevue. Dabei ist der Park aufwendig hergerichtet, zwanzig weiße Zelte für die verschiedenen Organisationen, die sich vorstellen, zwei große Bühnen für die Live-Musik. Es gibt Eis, Kuchen, Wurst, Matjes. 10.000 Menschen sind gekommen, um Gauck zu sehen.

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"Umringt wie ein Star ist er", sagt Frauke Frodl von der Björn Schulz Stiftung. Stolz ist sie, dass der Bundespräsident spontan und fast ungeplant zu ihrem Stand gekommen ist. Hier stellt sich das Kinderhospiz Sonnenhof vor, das von der Stiftung gestützt wird. Gauck setzt sich in das Zelt auf eine der Bierbänke und gibt zwei Mädchen am Tisch die Hand. "Wie gefällt euch das Fest?", fragt er die beiden. Die 12-Jährige grinst und schiebt ihm nur ein selbstgemaltes Bild über den Tisch. "Ein Autogramm, bitte". Einmal mehr fischt der 72-Jährige den Stift aus dem Jackett. Er wirkt gut gelaunt, wenn auch ein wenig müde.

Es ist ziemlich warm in dem Zelt und Gauck trägt dunklen Anzug und Krawatte. Trotzdem nimmt er sich die Zeit, die Mitarbeiterinnen der Stiftung zu fragen, wie ihre Arbeit aussieht und ihnen für ihr Engagement zu danken. Dann drängen ihn die Bodyguards sanft zum nächsten Stand. "Er will uns im Hospiz einmal besuchen kommen", sagt Frodl. Das hat er ihr versprochen. Sie glaubt es ihm.

Zwei Tage Bürgerfest schlauchen auch ihn

Auch bei Julia Oberst von der Stiftung Lesen hat Gauck vorbeigeschaut. "In einer Minute ist er da", hieß es auf einmal. Als das Staatsoberhaupt dann kommt, umringt von einer Menschentraube und Fernsehkameras, nimmt er sich auch für sie Zeit. Er schaut über die vielen Kinderbücher auf dem Tisch und greift sich zielsicher das einzige Nicht-Kinderbuch. Es ist ein Roman, den die Ausstellerin in den Pausen gelesen hat. Als Oberst ihm das gesteht und ein bisschen rot wird, muss er lachen. Doch schon ist die nächste Gesprächspartnerin am Tisch. Eine Frau hat sich zu ihm durchgekämpft. Gauck bietet ihr ein Stückchen Bank neben sich an und sie fängt an zu erzählen. Ganz privat, von ihrem Mann, ihrem Leben in der DDR. Gauck hört zu.

Mittags ist Gauck die Erschöpfung langsam anzusehen. Zwei Tage Bürgerfest schlauchen auch ihn. Er schlendert noch zu dem ein oder anderen Stand, gibt Autogramme – dann zieht er sich zurück, Mittagspause im Schloss. Am Nachmittag tritt er dann wieder hinter den spiegelnden Türen, die zum Garten führen, hervor. Neben ihm steht seine Lebensgefährtin Daniela Schadt und er hat seine beiden Vorgänger, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog mitgebracht.

Sofort ist sie da – die ehrfürchtige Stille, die Gaucks Auftritte vor Bürgern stets zu begleiten scheinen. Als er den Arm hebt und noch einmal die Gäste begrüßt, ist ein Raunen zu hören. Die Gruppe von gegenwärtigen und ehemaligen Staatsoberhäuptern geht die Treppe hinunter, die Menge teilt sich, eine Frau ruft: "Sie sind ein Präsident zum Anfassen!" Joachim Gauck lacht und beweist für heute ein letztes Mal seinen Charme: "Ich war heute aber wirklich genug zum Anfassen."

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Leserkommentare
  1. Glauben Sie liebe Autorin ernsthaft, dass die anderen Sommerfeste im Bellevue jemals anders verlaufen sind. Ich frag mich wo diese ganzen Gauck begeisterten Menschen hin sind, ich hab echt noch niemanden getroffen, der in diese Loblieder der Zeit eingestimmt hätte und bei dem was die Zeit über die Begeisterung der Menschen deutschlandweit schreibt, hätte ich das rein statistisch eigentlich müssen. Fakt ist, dieser Messias der bürgerlichen Mitte ist zu den wichtigen Fragen unserer Zeit nicht substantiell zu vernehemn, da kommt nix. Da hilft auch Ihre, mit Verlaub, Schwärmerei nix, die bei mir, nebenbei gesagt, Fremdschämen auslöst.

    18 Leserempfehlungen
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    Bisher waren es geladene Gäste und Sponsoren hatten mehr "Fläche" zum werben.
    War selbst nie dort, habe dies aber von einem Verwandten, der mal eingeladen war.

  2. Bisher waren es geladene Gäste und Sponsoren hatten mehr "Fläche" zum werben.
    War selbst nie dort, habe dies aber von einem Verwandten, der mal eingeladen war.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Seltsame Hymnen"
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    des Bundespräsidenten. Da wurde schon zu Bonner Zeiten ein Querschnitt aus allen Bevölkerungsgruppen eingeladen. Auch ich war einmal dabei. Nur wurde darüber nicht so "mit Glanz und Gloria" berichtet wie beim jetzigen Präsidenten.

  3. Diese Organisationen, die sich da vorstellen, hat er aber doch sicher eingeladen? Oder konnte da jede kommen?

    So richtig verstehe ich den Unterschied zwischen "Firmen um Geld bitten" und "Firmen um Sachspenden bitten" noch nicht. Ich verstehe auch nicht, warum es dafür keinen Etat gibt. Für den Bürger nicht. Aber doch sicher enorme Summen für die Staatsgäste?

  4. Mir sagt der Artikel folgendes: Gauck ist kinderlieb, sozial veranlagt und vom Volk geliebt.

    Vielleicht würde, zumindest der letzte Punkt, widerlegt werden, durch die von Ihnen (ZEIT) durchgeführte Befragung der registrierten Online Leser.
    (Im Februar 2012 haben Sie eine Umfrage gestartet, was man von Gauck hält.)

    Schade, dass diese Umfrage aus Marketing Gründen nie veröffentlicht wurde.

    9 Leserempfehlungen
  5. ... ich lese hier bisher nur so wenige bösartige oder sarkastische Leserkommentare zu diesem wirklich authentischen und sympathischen Mann. Na ja, andererseits, kein Wunder. Wer Gauck je live erlebt hat, mag ihn.

    2 Leserempfehlungen
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    • gokahe
    • 10. September 2012 6:44 Uhr

    Da hat sich nichts geändert, wer nicht meiner(Ihrer Meinung) ist halt oder muß bösartig sein. So sind sie halt die Gauckfans, auch für Ihn den Herrn Gauck gibt es ja nur die eine Wahrheit und das ist halt die Seine.
    gruß gokahe

    Der Mann hat eine große Strahlkraft und Charisma, unbestritten.Das kann genauso gut sein,wie gefährlich.
    Anscheinend brauchen die Deutschen ihren"König"ähnlich wie bei Guttenberg.Ich habe mir abgewöhnt,Politiker"zu mögen" Respekt müssen sie sich erarbeiten.Gauck ist ein alter Mann und hört sich gerne reden.Er redet sehr gut,er ist ein Pastor,das hat er gelernt und er ist überzeugt von dem was er sagt und tut.Ich nehme an,dass meinen Sie mit authentisch. Seine Freiheit ist eine andere als die der Bürger und er geht die meisten Themen nicht an.Er ist altmodisch und wird seine Version vertreten,von dem was er meint, dass richtig ist.(Ansichtssache)Dass er seine Arbeit gut macht und dass man ihn überall hin schicken kann ist ein Gewinn und er ist ein Sympathieträger.Er vertritt uns würdig,wie gewünscht.Wulff hat man das Amt nicht abgenommen,er war verkrampft und unsicher.In 5 Jahren sehen wir,was er geleistet hat,was übrig bleibt.Ich hoffe, er bleibt solange,denn noch einen BP Lebenslang zu besolden wäre zuviel.Aber mögen? Nein.Was ich an ihm "mag",ist-dass er ein äusserst gepflegter Mann ist und 1A gekleidet.Er ist eitel,dass ist OK. Die "First Lady" dazu ist noch etwas fad und passt nicht in mein Bild.Die Frage,ob denn ein Bundespräsident Frau und Geliebte haben sollte,bleibt offen.Befremdlich,dass hier Wulff angegriffen wurde,weil er ein 2.Mal geheiratet hat und ihm Ehebruch vorgeworfen wurde,aus christlicher Sicht.
    Wenn 2 das gleiche tun, ist es eben nicht! dasselbe.;-)

    Ich war am Sonntag mit der Spitzbübin im Tiergarten spazieren, da sagte sie: Wo kommt denn der Lärm her? Der kam vom Schloss Bellevue her. Wir sind dann da rein und wollten mit dem Herrn Bundespräsidenten ein Glas Bier auf sein Wohl trinken. So ein kleines Glas schadet ja niemandem - ich bin sicher, dass die anderen 9998 Gäste das auch so gesehen haben.

  6. von Herr Gauck mit, dann fehlt dem Artikel Wesentliches.

    Eine Leserempfehlung
  7. 7. Amen.

    Bis Freitag.

    Eine Leserempfehlung
    • Mortain
    • 10. September 2012 1:05 Uhr

    daß der Präsident das tut, wofür er bezahlt wird.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Joachim Gauck | Roman Herzog | Bundespräsident | DDR | Kinderbuch | Live-Musik
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