UrwahlGrüne im Speed-Dating-Wahlkampf

Drogenerfahrungen, der liebe Gott, die große Weltpolitik: Die grünen Urwahl-Kandidaten präsentieren sich der Basis – zum Teil ziemlich kurios. Von L. Caspari, Hannover von 

Werben um die grüne Basis: Die weniger bekannten zusammen mit den prominenten Kandidaten auf dem Podium in Hannover.

Werben um die grüne Basis: Die weniger bekannten zusammen mit den prominenten Kandidaten auf dem Podium in Hannover.  |  © Peter Steffen dpa/lni

Claudia Roth hat ihre Bewerbungsrede im Zug nach Hannover geübt. "Drei Minuten Redezeit sind nicht viel, ich kann mich doch nur so schwer kurzfassen“, seufzt die Parteichefin der Grünen . Es ist Freitagabend kurz vor halb sieben und der Saal, den der Landesverband Niedersachsen angemietet hat, ist gut gefüllt. Viele Mitglieder sind gekommen, um dem ungewohnten Spektakel beizuwohnen: Gleich geht’s los beim ersten Urwahl-Forum der Grünen.

Es ist ein Novum, auch für die bundesdeutsche Parteiengeschichte. Noch nie zuvor haben allein die Mitglieder einer Partei darüber entschieden, wer sie in den Wahlkampf führt. Doch weil die Parteispitze sich intern nicht auf ein Führungsduo einigen konnte , dürfen nun alle rund 60.000 Grünen bis Ende Oktober abstimmen. Das Ergebnis ist offen, einzige Bedingung der Parteisatzung ist, dass das Führungsduo aus einem Mann und einer Frau bestehen muss.

Anzeige

15 Grüne rangeln nun um die zwei Posten – neben den vier Partei-Promis Roth, den Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt – sind elf von ihnen bislang unbekannte Kommunalpolitiker. Einer von ihnen ist Werner Winkler aus Waiblingen .

"Normalos" gegen Promis

Winkler, Jahrgang 1964 und durch die Stuttgart-21-Proteste erst zu den Grünen gekommen, gibt kurz vor der Veranstaltung ein Fernsehinterview nach dem nächsten. Ob er nervös ist, fragt ein Journalist: "Nö", sagt Winkler. Mit dem Mitbewerber Franz Spitzenberger hat er eine Fahrgemeinschaft aus dem Süden Deutschlands nach Hannover gebildet. Seine Bewerbungsrede habe er vorher lediglich einem guten Freund vorgetragen. Und ihm sei es ein Herzensanliegen, dass in dem Spitzenduo zur Bundestagswahl ein "Normalo" vertreten sei. "Wenn Jürgen Trittin noch zurücktritt, dann habe ich eine Chance", sagt Winkler augenzwinkernd.

Fünf Bewerber der Grünen-Basis fehlen übrigens in Hannover. Sie hätten familiäre oder berufliche Verpflichtungen in der Heimat, sagt eine Parteisprecherin. Also geht es ohne sie los: Die Kandidaten nehmen auf der Bühne Platz, dort stehen zehn schicke weiße Barhocker im Halbkreis. Die Reihenfolge der Redner wurde gelost, jeder hat genau drei Minuten Zeit sich und seine politischen Ideen zu präsentieren. Es soll bloß keiner glauben, den Vertretern der Parteiführung unter den Bewerbern würde ein Vorteil gewährt.

Drei Minuten, um die Welt zu retten

Winkler darf als erster sprechen, er braucht genau 2 Minuten und 59 Sekunden. Eine Punktlandung. Winkler mahnt, ein Ehrenamtlicher solle die Partei in die Bundestagswahl führen: "Uns hören die Bürger anders zu als den Profis." Die so angesprochenen neben ihm lächeln ein wenig bitter. Nach Winkler kommt Roger Kuchenreuther vom Kreisverband Bamberg-Land. "Als Wassermann war ich schon immer an Politik, Ökologie und Gesellschaft interessiert", sagt er – und wechselt plötzlich zur US-Wahl. "Ich glaub einfach, dass Obama wieder gewählt wird."

Es folgt der 24-jährige Patrick Held aus Bayreuth-Stadt. Held, das weiße Baseball-Cap tief ins Gesicht gezogen, beginnt seine zeitlich limitierte Ansprache mit theatralischer Stimme. "Was würdest Du sagen, wenn du drei Minuten bekommst, um die Welt zu retten?" Er könne "nicht länger zuschauen, wie der Klimawandel unsere Freunde in den Entwicklungs- und Schwellenländer abschlachtet." Ähnlich apokalyptisch äußern sich fast alle Basis-Bewerber. Ihre teils kuriosen Ausführungen werden vom Publikum mit herzlichem Lachen quittiert. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Freaks sind", sagt ein Zuhörer.

Leserkommentare
  1. Bis die Grünen von der Schröder'schen Pseudolinken Politik abrücken und sich den wirklichen Problemen der Menschen im Land widmen (Arbeit, Wohnen, Absicherung, Bildung etc.), sind sie für mich und für viele, glaube ich, weniger wählbar.

    Bis dahin wähle ich lieber das Original - die Linke.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich hab auch so einen: bis die xxx nicht lernen dass es ein Zeichen von Respekt vor Amt und Wähler ist sich ordentlich zu kleiden sind Grüne und Linke für mich unwählbar.

    So, nachdem ich schon beim Bild Zustände bekommen habe, muß ich mir jetzt den Artikel eben auch noch antun ...

    Entfernt. bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag leisten möchten. Danke, die Redaktion/ls

    Naja, was bewirkt die Wahl der Linkspartei denn? Bei der letzten BT-Wahl kamen sie auf sensationelle 12% und nichts ist passiert, da die Partei lieber viel verspricht, aber sich vor Kompromissen und Verantwortung drückt. Derzeit schwimmt sie durch ihren Kurs bei rund 6%, zeitweise knirschte sie an der Hürde entlang. Ich wüßte daher nicht, was die Wahl bringen sollte. Rot-Grün erscheint mir für solche Fragen, wenn ich auf die Landespolitik als Beispiel schaue, das geringere Übel als vier weitere Jahre Merkel. Daß die Linkspartei wohl in absehbarer Zeit nie die alleinige Mehrheit bekommen wird, da es immer viele Leute geben wird, die nicht vom Staat abhängig sind, sondern diesen lediglich finanzieren, wird ja wohl keiner verleugnen wollen. Und das Koalitionsgeflirte sah ja so aus: "Macht genau das, was wir als kleinste Partei im 3er-Bündnis vorstellen, und ihr werdet den Kanzler stellen dürfen". Sobald es aber mal um Kompromisse geht, z.B. Rüstungsexporte nur an NATO-Mitglieder und nicht mehr in Drittstaaten, läßt man die Koalition platzen, weil das "Erfolgsrezept" der Linkspartei daraus besteht, nicht anfällig zu sein im Sinne von "aber vor x Jahren haben die doch mal ...". Weder Original noch originell. (Muß man um mittags wirklich Wahlkampf im Internet betreiben?)

  2. Eigentlich ist es ja erfrischend, was das bei den Grünen passiert. Ich hätte es eigentlich sehr gerne gesehen, wenn sich Frauen aus der zweiten Reihe erhoben und den Platzweibern, Künast und Roth, den Platz streitig gemacht hätten. Trittin ist wohl mit Abstand der beste Kandidat den sie haben, daneben eine kompetente Frau, die nicht zu jeder Kamera rennt, dass hätte was gehabt.

  3. Die Grünen stellen sich nun als basisdemokratisch hin und feiern sich dafür. Im Grunde ist das nur ein Wahlkampftrick, damit die basisdemokratische Grundstimmung in der Bevölkerung aufgefangen und in Wählerstimmen ungesetzt wird. Letztlich steht aber jetzt schon fest, wer die Partei in den Wahlkampf führen wird und das ist Trittin und der bundespolitische Klüngel. All die anderen Kandidaten werden wahrscheinlich mit dem ein oder anderen Mittel an den Rand gedrängt werden. Einen ersten Vorgeschmack lieferte gestern Abend Herr Beck. Daher ist das Ganze eine reine Wahlkampfshow

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Freaks sind"

    Tja. Ich hingegen sehe nichts anderes.
    Muß schön sein, sich etwas kindliche Naivität bewahren zu können.

  4. ich hab auch so einen: bis die xxx nicht lernen dass es ein Zeichen von Respekt vor Amt und Wähler ist sich ordentlich zu kleiden sind Grüne und Linke für mich unwählbar.

    So, nachdem ich schon beim Bild Zustände bekommen habe, muß ich mir jetzt den Artikel eben auch noch antun ...

  5. 5. sic...

    "Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Freaks sind"

    Tja. Ich hingegen sehe nichts anderes.
    Muß schön sein, sich etwas kindliche Naivität bewahren zu können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie sind doch nur unterprivilegiert bzgl. Ihres Wohnorts, lieber Westerland - das erklärt Ihr 'Tja. Ich hingegen sehe nichts anderes'. Für mich gibt es genau einen Grund, ein letztes Mal mit der Erststimme grün zu wählen und der heißt Christian Ströbele, mein Direktkandidat (der Rest der Grünen ist zum Laufen, 'goldene Drachen', ayayayay)

    Das sahen 2009 46,7% der Wähler in meinem Wahlkreis so ähnlich, während nur 27,4% auch mit ihrer Zweitstimme grün wählten. Christian Ströbele mag nach Ihrer Vorstellung ebenfalls nicht hinreichend 'ordentlich gekleidet' sein, er macht aber, wozu er gewählt wurde. Nämlich u.a. in Untersuchungsausschüssen sitzen, notwendige kleine und größere Anfragen ans Parlament stellen, Lügner, Vertuscher und Heuchler nerven und seinen Wählern Rede und Antwort stehen. Ströbele beantwortet Emails binnen 24 Stunden und zwar selbst und mit Tippfehlern.

    Macht Ihr Direktkandidat das auch? So als Zeichen des Respekts vor Ihnen als Wähler? Oder wählen Sie eher dessen Schneider?
    Grüße!

    Kann Ihnen leider nur zustimmen - auch wenn Ihre Wahlalternativen vermutlich ganz anders aussehen als meine.

    Politiker wie Ströbele darf man sich wünschen, erwarten darf man das wohl nicht.
    Wo ich mein Kreuzchen mache, hat es von der Sorte auch nur einen und der ist dazu noch 'ne Frau ;-)

    Ich kenne meinen Direktkandidaten nichtmal, bin in den vergangenen Jahren zu oft umgezogen.

    Btw.: Derzeit wieder im Bundesland das von Hannelore und den Grünen zurück in die Schuldensteinzeit regiert wird.

    Gab da gerade eine Anfrage zu den Kosten für Berater und Gutachten:

    http://www.dradio.de/dlf/...

    Schätze "Schwanzbeißen nordrhein-westfälischer Schweine" ist aktuell nicht das drängendste Problem der Jugendlichen die ich hier so herumhängen sehe.

    Grüße zurück
    :-)

  6. Gibts sa auch eine ...na wir wissen schon. Ist ja auch nicht verboten, dem eigenen Geschlecht - auch bei Frauen - zuzuneigen.
    O Gott der arme Jürgen Trittin. Nur Männer wollen auch an die Spitze. Bitte Claudi - sie freut sich immer wenn sie so genannt wird, machen Sie mal PLatz.
    [...]
    Der Papst hat tatsächlich sehr unfreundlich gekuckt, als Katrin Göring Eckhardt ihn begleiten mußte.
    Also wenn ich grün wäre, meine Stimme hätte sie.
    In der Ruhe liegt die Kraft.

    Gekürzt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  7. 7. [..]

    Entfernt. bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag leisten möchten. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kenne persönlich einige Vertreter der Linkspartei, die ehemalige Mitglieder der SPD und sogar der Jungdemokraten waren.

  8. Die Jungen wilden können nur Trittin verdrängen?

    Habe ich das richtig gehört, männliche Kandidaten aus der 2. Reihe können aufgrund der Frauenregelung bei den Grünen nur Trittin Konkurrenz machen?

    Schlechte weibliche Politiker bleiben also, obwohl talentiertere männliche Politiker vorhanden sind?

    Die Grünen sind ohnehin wegen der Schröder-Affinen Ära nicht wählbar, aber diese sexistische Parteisatzung ist der Hammer. Frauen bevorteilt, ohne Sinn und Verstand!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service