Claudia Roth hat ihre Bewerbungsrede im Zug nach Hannover geübt. "Drei Minuten Redezeit sind nicht viel, ich kann mich doch nur so schwer kurzfassen“, seufzt die Parteichefin der Grünen . Es ist Freitagabend kurz vor halb sieben und der Saal, den der Landesverband Niedersachsen angemietet hat, ist gut gefüllt. Viele Mitglieder sind gekommen, um dem ungewohnten Spektakel beizuwohnen: Gleich geht’s los beim ersten Urwahl-Forum der Grünen.

Es ist ein Novum, auch für die bundesdeutsche Parteiengeschichte. Noch nie zuvor haben allein die Mitglieder einer Partei darüber entschieden, wer sie in den Wahlkampf führt. Doch weil die Parteispitze sich intern nicht auf ein Führungsduo einigen konnte , dürfen nun alle rund 60.000 Grünen bis Ende Oktober abstimmen. Das Ergebnis ist offen, einzige Bedingung der Parteisatzung ist, dass das Führungsduo aus einem Mann und einer Frau bestehen muss.

15 Grüne rangeln nun um die zwei Posten – neben den vier Partei-Promis Roth, den Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt – sind elf von ihnen bislang unbekannte Kommunalpolitiker. Einer von ihnen ist Werner Winkler aus Waiblingen .

"Normalos" gegen Promis

Winkler, Jahrgang 1964 und durch die Stuttgart-21-Proteste erst zu den Grünen gekommen, gibt kurz vor der Veranstaltung ein Fernsehinterview nach dem nächsten. Ob er nervös ist, fragt ein Journalist: "Nö", sagt Winkler. Mit dem Mitbewerber Franz Spitzenberger hat er eine Fahrgemeinschaft aus dem Süden Deutschlands nach Hannover gebildet. Seine Bewerbungsrede habe er vorher lediglich einem guten Freund vorgetragen. Und ihm sei es ein Herzensanliegen, dass in dem Spitzenduo zur Bundestagswahl ein "Normalo" vertreten sei. "Wenn Jürgen Trittin noch zurücktritt, dann habe ich eine Chance", sagt Winkler augenzwinkernd.

Fünf Bewerber der Grünen-Basis fehlen übrigens in Hannover. Sie hätten familiäre oder berufliche Verpflichtungen in der Heimat, sagt eine Parteisprecherin. Also geht es ohne sie los: Die Kandidaten nehmen auf der Bühne Platz, dort stehen zehn schicke weiße Barhocker im Halbkreis. Die Reihenfolge der Redner wurde gelost, jeder hat genau drei Minuten Zeit sich und seine politischen Ideen zu präsentieren. Es soll bloß keiner glauben, den Vertretern der Parteiführung unter den Bewerbern würde ein Vorteil gewährt.

Drei Minuten, um die Welt zu retten

Winkler darf als erster sprechen, er braucht genau 2 Minuten und 59 Sekunden. Eine Punktlandung. Winkler mahnt, ein Ehrenamtlicher solle die Partei in die Bundestagswahl führen: "Uns hören die Bürger anders zu als den Profis." Die so angesprochenen neben ihm lächeln ein wenig bitter. Nach Winkler kommt Roger Kuchenreuther vom Kreisverband Bamberg-Land. "Als Wassermann war ich schon immer an Politik, Ökologie und Gesellschaft interessiert", sagt er – und wechselt plötzlich zur US-Wahl. "Ich glaub einfach, dass Obama wieder gewählt wird."

Es folgt der 24-jährige Patrick Held aus Bayreuth-Stadt. Held, das weiße Baseball-Cap tief ins Gesicht gezogen, beginnt seine zeitlich limitierte Ansprache mit theatralischer Stimme. "Was würdest Du sagen, wenn du drei Minuten bekommst, um die Welt zu retten?" Er könne "nicht länger zuschauen, wie der Klimawandel unsere Freunde in den Entwicklungs- und Schwellenländer abschlachtet." Ähnlich apokalyptisch äußern sich fast alle Basis-Bewerber. Ihre teils kuriosen Ausführungen werden vom Publikum mit herzlichem Lachen quittiert. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Freaks sind", sagt ein Zuhörer.