Jürgen Trittin und Cem Özdemir machen Politik © Tobias Schwarz/Reuters

Manchmal hilft es der Auseinandersetzung, wenn man die Lautstärke herunterdreht. Also keine schäumende Empörung über "Gutmenschen", über "Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen", oder über eine "grüne Diktatur", die den zweiten Versuch gefährde, "die Demokratie in Deutschland dauerhaft zu etablieren". Denn all diese von Manfred Güllner im Spiegel -Interview geäußerten Knallthesen Sarrazinscher Qualität sind so spannend wie ein vernutztes Sockenbündchen.

Trotzdem muss man sich mit Güllner befassen. Deshalb der Versuch, die Argumentation des Chefs des Meinungsforschungsinstituts Forsa zu verstehen, die er seinem neuen Buch offenbar zugrunde legt: Die Grünen entstammen einem antimodernen Segment der Gesellschaft. Trotzdem ist es ihnen gelungen, sich ein Milieu zu erschließen, das starke Aufmerksamkeit auf die Parteiinteressen lenken kann, vor allem Wissenschaftler und Medienmacher. Kombiniert mit Themen wie Frieden, Umweltschutz und Frauenrechten, gegen die niemand etwas haben kann, entfalten die Grünen so eine angesichts der Größe ihrer Anhängerschaft unangemessene Wirkung. Das verprellt die unteren Schichten der Gesellschaft, lässt die Wahlbeteiligung sinken und gefährdet am Ende die Demokratie.

Tatsächlich ist eine Grundlinie der Grünen eine gewisse Fortschritts- und Technikskepsis. Allerdings haben sie damit oft genug Recht behalten, etwa in der Frage der Atomkraft . Es stimmt auch, dass die Partei zunächst linksideologisch geprägt war. Nur ist das inzwischen eine ganze Weile her. Sowohl die Wiedervereinigung wie auch die Regierungsbeteiligung im Kabinett Schröder hat die Grünen stark verändert und verbürgerlicht . Und ja: Viele Wissenschaftler und Medienmacher finden die Grünen und ihre Positionen interessant. Denn was Güllner leichthin Gutmenschenthemen nennt – Frieden, Umweltschutz, Frauenrechte – sind natürlich wichtige Zukunftsfragen unserer Gesellschaft .

Vielleicht sind grüne Wähler besonders gute Demokraten

Was aber ist von Güllners Argument zu halten, die Grünen entwickelten gemessen an ihrer Größe zu viel Einfluss? Wir wissen schon lange, dass eine in der Mitte des politischen Spektrums stehende und nach verschiedenen Seiten regierungsfähige Partei Wirkung über den eigenen Kreis hinaus entfalten kann. Die FDP hat das jahrzehntelang vorgeführt. Nun nehmen die Grünen eine ähnliche Position ein. Wer den Einfluss solcher Klientelparteien als zu hoch erachtet, der darf seine Argumentation nicht gegen eine einzelne von ihnen richten, sondern muss sich mit dem Wahlsystem auseinandersetzen.

Richtig bizarr wird es, wenn Güllner feststellt, dass überall dort, wo der Stimmanteil der Grünen hoch ist, die Wahlbeteiligung umso niedriger ist. Denn dieses Argument lässt sich leicht umdrehen: Vielleicht sind grüne Wähler auch einfach besonders gute Demokraten, die selbst dann noch zur Wahl gehen, wenn andere es nicht mehr tun. Das deutete dann eher auf ein Mobilisierungsproblem der anderen Parteien hin als auf ein Demokratiedefizit der Grünen. In Ostdeutschland, wo die Wahlbeteiligung besonders niedrig ist, sind die Grünen übrigens besonders schwach.

Bleibt die Frage, ob man mit Friedens-, Umwelt- und Minderheitenpolitik die unteren Schichten der Gesellschaft verprellt. Oder vielleicht doch eher mit Hartz-Gesetzen. Die haben die Grünen der Unterschicht aufgebürdet, als sie im Bund regierten. Zudem war da noch eine weitere Partei beteiligt. Bis heute leidet die SPD unter den Folgen der (richtigen) Agendapolitik.

Die Gefahr für die Demokratie hierzulande sind nicht die Grünen. Die Gefahr ist, dass immer weniger Menschen gewählten Politikern zutrauen, sie gut zu vertreten. Wenn sich Verfechter der Demokratie lauthals die Fähigkeit zu derselben absprechen, dann untergraben sie das eigene Fundament und bestätigen die Skeptiker. Verdrossene gewinnt man so nicht zurück.