Ein wärmeres Image für die Linkspartei , das ist der Traum von Katja Kipping und Bernd Riexinger . Wenn es nach den beiden neuen Vorsitzenden geht, soll die Partei im Bundestagswahlkampf nicht mehr so miesepetrig daher kommen, sondern stets konstruktive Lösungen aufzeigen. Die Linke könne gern auch mal "kreative/provokante Alternativen" formulieren, heißt es in einem internen Strategiepapier der beiden mit Blick auf 2013. Eine "einladende Tonalität" solle der Linke-Wahlkampf haben, fordern die Parteivorsitzenden, nicht auf "martialische oder altbackene oder gar bierernste Weise gestaltet werden".

Angst um die "Älteren in Ostdeutschland"

Doch von der Wärme, die die Partei ab sofort nach außen strahlen will, ist im Umgang miteinander noch nichts zu spüren. Das zeigen auch die heftigen, teils zynischen Reaktionen auf die Kipping-Riexinger-Strategie. Das interne Papier blieb nicht lang intern, kursiert seit einigen Tagen in der Partei und wird dabei heftig kritisiert. Am weitesten ging wohl Steffen Bockhahn, Landesvorsitzender der Linke in Mecklenburg-Vorpommern . Bockhahn schrieb der Parteiführung einen frechen Brief und twitterte diesen zudem in alle Welt . In dem Schreiben mahnt er unter anderem, dass durch eine "Abkehr von traditionellen Elementen der Wahlkampfführung" die treuen "Älteren in Ostdeutschland" als potenzielle Wähler verloren gehen könnten.

Vor allem aber findet Bockhahn, dass die von Kipping und Riexinger vorgegebenen Bedingungen für mögliche Regierungskoalitionen der Linke gegen bisherige Partei-Positionen verstoßen. Nur drei "Haltelinien" haben die Parteichefs in ihrem Strategiepapier benannt: Ein mögliches rot-rot-grünes Bündnis müsse für eine friedliche Außenpolitik stehen, für eine sanktionsfreie Mindestsicherung ("Kein Mensch darf unter 1000 Euro fallen!") und eine "couragierte Besteuerung" von Reichen. Im Parteiprogramm, das vor gut einem Jahr verabschiedet wurde, sind deutlich mehr Bedingungen formuliert.

Bockhahn erregt noch etwas anderes: Bei der Linken sei es bisher Konsens gewesen, "dass zum Leben wenigstens 1.400 Euro notwendig sind", schreibt er an seine Parteichefs: "Nun bei etwa zwei Dritteln der Summe zu verbleiben, kann Fragen aufwerfen(....) Im Übrigen klingt es mir ein wenig so, als würde auf diese Weise die Forderung nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen durchgesetzt werden."

Das ist ein unverhohlener Angriff auf Parteichefin Kipping, die sich seit Jahren für das Bedingungslose Grundeinkommen ausspricht. Weil dieses aber in der Linkspartei umstritten ist, hat sie bei Antritt als Chefin gelobt, diese Forderung nie im Namen der Partei zu formulieren, sondern ihre Meinung stets als eine persönliche zu kennzeichnen.

Nun muss man zur Einordnung des Bockhahnschen Frontalangriffs auf die neue Vorsitzende wissen, dass der Rostocker ein Getreuer des Stralsunders Dietmar Bartsch ist. Bartsch hatte viel früher als Kipping Ambitionen auf den Parteivorsitz angemeldet, war aber beim Parteitag in Göttingen im Juni knapp gescheitert .

Der mecklenburgische Landesvorsitzende will sich einen Tag nachdem er seinen Brandbrief getwittert hat, nicht mehr zu seiner Kritik äußern. Er setze auf "interne Verständigung", lässt er sein Büro mitteilen. Seit Dienstag trifft sich die Bundestagsfraktion zur Klausur, am Samstag kommt der Parteivorstand zusammen, um über das Strategiepapier zu diskutieren. Bockhahn wird da außen vor sein, er ist nicht Mitglied in dem 44-köpfigen Gremium. Doch er ist nicht der einzige, der die von den Parteivorsitzenden formulierten "Haltelinien" für mögliche Regierungsbeteiligungen für zu lasch formuliert hält.