Angela Merkel vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss in Bonn © Tobias Schwarz/Reuters

Es gibt einen Moment an diesem Tag im Untersuchungsausschuss , da darf Angela Merkel in ihre Paraderolle. "Ihre beiden Aussagen ergänzen sich", vermittelt sie zwischen Unions-Obmann Reinhard Grindel und der Grünen-Abgeordneten Dorothea Steiner, die kurz davor sind, wegen einer strittigen Aussage Grindels den Beratungsausschuss einzuberufen. Die beiden lassen ab, alles atmet auf – und Angela Merkel zeigt, wer hier der populärste Politiker im Land ist.

Einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um die Frage zu klären, ob die Bundesregierung unter Helmut Kohl den Endlagerstandort Gorleben aus politischen Motiven vorangetrieben habe – das schien lange dem Versuch zu ähneln, die Deutsche Fußballmeisterschaft durch ein Gremium aller 18 Bundesligisten aushandeln zu lassen.

Der Ausschuss wurde von SPD , Grünen und Linken zu einer Zeit eingesetzt, als Fukushima noch ein Industriestädtchen an der japanischen Küste und die Bundesregierung im Begriff war, die rot-grüne Laufzeitbegrenzung aufzuheben. Das Gremium war zu seinem Beginn Arena einer der prägendsten Auseinandersetzungen des deutschen Westens.

Doch nachdem die Ostdeutsche Merkel mit dem Atomausstieg Tatsachen schuf, blieb eigentlich nur noch zu besprechen, wo der Atommüll gelagert werden soll. Und der Ausschuss, der eigentlich mal viel mehr ansprechen sollte als nur die Endlagerfrage, ist wieder auf sein Kernthema zurückgeworfen. Und das in zweierlei Hinsicht.

Ein BGR-Gutachten erwähnt Gorleben gar nicht

An diesem Donnerstag war Angela Merkel als frühere Umweltministerin unter CDU-Kanzler Helmut Kohl vorgeladen. Doch sie steht auch einer Regierung vor, die zurzeit mit der Opposition über eine neue Endlagersuche verhandelt. Die Umweltminister Altmaier und Röttgen sprachen bisher nur von einer ergebnisoffenen Prüfung aller Standorte . Doch sollte Gorleben ernsthaft erwogen werden, ist der Graben wieder offen, den Merkel zuschüttete.

Es dauert ein Weilchen, bis das angesprochen wird. Denn auf der Tagesordnung stehen Fragen, die Merkel ebenfalls in Bedrängnis bringen könnten: Warum hat Merkel 1996 ein Gutachten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) – es wurden mögliche Alternativen für eine Endlagerung durchgesprochen – mit den Worten kommentiert, Gorleben bleibe nach dieser Expertise "erste Wahl", obwohl die Wissenschaftler den Salzstock überhaupt nicht erwähnt hatten? Und wieso setzte sie sich für eine – für die Opposition riskante – Teilerkundung ein, nachdem klar wurde, dass langwierige Enteignungen notwendig würden, um den ganzen Salzstock zu erforschen?

Besonders die Gutachtenfrage ist knifflig für die Kanzlerin. Die Linke spielt einen Mitschnitt eines Radiointerviews aus dem Südwestfunk vor. Zu hören ist die damalige Umweltministerin Merkel: "Das Wichtigste aus diesem Gutachten ist, dass es keinen Standort in der Bundesrepublik Deutschland gibt, der besser geeignet ist als der derzeitige Standort Gorleben."

Merkel zeigt in den viereinhalb Stunden der Vernehmung abwechselnd drei Reaktionen: Leises Insistieren, erregtes Aufzählen, spöttisches Abmoderieren. Nach dem Radiomitschnitt wechselt sie alle drei in schneller Folge. Vielleicht habe sie sich unpräzise ausgedrückt. Und erste Wahl bedeutete nur, dass der Salzstock einen Forschungsvorsprung gehabt habe und die in der Studie erwähnten möglichen Standorte wären erst zum Zuge gekommen, wenn Gorleben sich als ungeeignet erwiesen hätte.