An guten Witzen über sich selbst mangelt es in der Piratenpartei ni cht. Einer geht so: "Wären die Piraten ein Bahnunternehmen, würden Schaffner und Lokführer streiten, in welche Richtung der Zug fahren soll." Ein Witz, in dem viel Wahrheit steckt : Kommen Parteimitglieder der Piraten zusammen, um sich auf Inhalte zu einigen, endet das oft im fröhlichen Chaos.

So auch in Essen, wo die Partei an diesem Wochenende auf einer Europa- und Wirtschaftskonferenz erste Entwürfe für ein Wirtschaftsprogramm ausarbeiten wollte. Zu Schuldenkrise, Steuerpolitik und Finanzmarktregulierung haben die Piraten bisher wenig zu sagen . Das muss sich schleunigst ändern: In zwei Monaten auf dem Bundesparteitag in Bochum will die Partei ein erstes Programm für die Bundestagswahl beschließen.

Und ein entscheidendes Wahlkampfthema steht schon jetzt fest: Die Euro-Krise. Auch in einem Jahr wird der Euro noch nicht gerettet und Griechenland noch nicht schuldenfrei sein. Wahrscheinlich werden weitere Hilfskredite in Milliardenhöhe geflossen und Banken gestützt worden sein. "Wirtschaftsthemen dominieren die Berichterstattung“, sagte Laura Dornheim, eine der Vorkämpferinnen des wachsenden Wirtschaftsflügels der Piraten. "Wir brauchen da unbedingt eigene Konzepte.“

Zumal sich für die Partei ein harter Kampf um den Einzug ins Parlament andeutet. Im April konnte sich noch jeder dritte Deutsche vorstellen, bei einer Bundestagswahl die Piraten zu wählen, in Umfragen schlossen sie mit zwölf Prozent schon fast zu den Grünen auf. Inzwischen sehen die Zahlen düsterer aus: In neuen Sonntagsfragen dümpelt die Partei bei sieben Prozent.

Partei kämpft mit Newcomer-Problem

Ewige Personalquerelen, Mobbing-Vorwürfe und reihenweise Rücktritte von entnervten Führungsleuten haben Sympathisanten vergrault. Vor allem aber kämpft die Partei mit einem typischen Newcomer-Problem: Wenn der Zauber des Neuen verfliegt, wird der Blick frei auf den harten Kern, die Inhalte. Und die sind vor allem in der Wirtschaftspolitik dünn. Nach sechs Jahren Parteiarbeit gibt es noch kein überregional beschlossenes Wirtschaftsprogramm. In Interviews müssen Führungsleute wie der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer auf Fragen zur Wirtschaft regelmäßig passen und eingestehen: " Das kann ich noch nicht beantworten.“

Dabei ist Wirtschaftskompetenz eigentlich vorhanden: Nach Essen sind viele studierte Volkswirte und Wirtschaftsinformatiker gekommen, dazu Parteimitglieder, die in Banken und Versicherungen arbeiten. Außerdem luden die Piraten renommierte Ökonomen wie den Chef des Euro-Rettungsfonds ESFS Klaus Regling und den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger zum Online-Chat.

Herausgekommen ist dabei bisher wenig. Das Problem ist wie so oft bei der basisdemokratieverliebten Piratenpartei: Bis sich eine klare Haltung durchsetzt, vergehen stundenlange Internetkonferenzen, zähe Diskussionen auf Mailinglisten und zahllose Treffen in Arbeitsgruppen. Dass jemand wie Peer Steinbrück mit einem kleinen Team ein Papier zur Finanzmarktregulierung ausarbeitet und eine Diskussion lostritt, ist bei den Piraten unvorstellbar.

Die Mitmachpartei hat eine ausgeprägte Allergie gegen Machtstrukturen entwickelt, die für Politikneulinge noch immer attraktiv ist, erfahrene Mitglieder inzwischen aber gehörig nervt . Niemand wolle mehr Verantwortung übernehmen, heißt es. Aus Angst vor ständigen Anfeindungen. So werden Fachexperten ausgebremst und Entscheidungsprozesse endlos hingezogen.