Kann das sein? Da trifft sich die Partei, die dafür bekannt ist, ständig und auf allen technisch nur irgendwie möglichen Wegen zu kommunizieren, in Blogs, Foren und Chats, auf Mailinglisten, Twitter und internen Plattformen wie Mumble oder Liquid Feedback, und die allererste Erkenntnis, auf die sich alle einigen können, ist: "Wir Piraten müssen endlich mehr miteinander reden!"

Kurz nach zwölf Uhr mittags ist es, als die Berliner Piratin Jessica Zinn das auf einem weißen Sofa unter einem Stoffdach sitzend sagt und von allen Seiten zustimmendes Nicken kassiert. Es ist der, zumindest auf den ersten Blick, überraschende Auftakt eines wirklich ungewöhnlichen Parteitreffens. Für ein Wochenende ziehen sich knapp hundert Piraten zur Selbstbespiegelung zurück, reden über ihre Partei- und vor allem ihre Streitkultur. Flauschcon haben sie das genannt , abgeleitet vom Piraten-Wort Flausch, das eigentlich Lobes- oder Unterstützungsäußerungen für Mit-Piraten im Internet bezeichnet.

Dazu haben sie eine Art Mehrzweckhalle in Bielefeld angemietet, sie so mit Sofas, Stoffbahnen, Teppichen, Liegestühlen und weicher Beleuchtung ausgestattet, dass es wie eine Mischung aus Talkshow-Studio und Esoterik-Lounge aussieht. "ZDF-Fernsehgarten der Piraten" nennen es einige bei Twitter . Samstagvormittags sprachen sie dort über "Aggregatzustände in der Piratenpartei ", später folgten Workshops zu juristischen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei und zu gewaltfreier Kommunikation.

Nötig ist eine solche Veranstaltung, weil die Piraten in letzter Zeit vor allem mit internen Streitereien Schlagzeilen gemacht haben. Und auch, weil sie selbst unter diesen Konflikten leiden. Vor allem die sogenannten Shitstorms machen ihnen zu schaffen: Im Internet braut sich in kürzester Zeit ein Sturm beleidigender Äußerungen gegen einzelne Piraten oder Gruppen zusammen und vergiftet so das Klima in der Partei. Das einzudämmen, hat sich die Flauschcon indirekt zur Aufgabe gemacht.

Ein Bällchenbad als Ideal des Politikverständnisses

Vorstandsmitglieder berichten davon, dass ihre Parteifreunde plötzlich nur noch über sie reden statt mit ihnen. Sie beklagen, dass Abgeordnete oder Leute aus der Führung der Partei plötzlich als "die da oben" behandelt, alle Erwartungen auf ihnen abgeladen werden. "Der ist wie Atlas, der plötzlich die ganze Welt tragen muss", sagt einer über den bekannten Berliner Abgeordneten Christopher Lauer. Das schaffe eine Kluft, die allen schade. Deshalb also die erste Erkenntnis: mehr miteinander reden.

Ein paar Meter neben der Bühne liegt das eigentliche Zentrum der Flauschcon : das Bällchenbad. Fast alle Piraten steigen irgendwann in das Becken mit den Tausenden bunten Plastikbällen, dann kichern sie, bewerfen sich ein bisschen oder bleiben einfach ein paar Minuten mit geschlossenen Augen liegen. Viele Kinder sind dabei, und sie werden ganz offensichtlich gebraucht: Irgendwann im Laufe des Nachmittags sortieren ein paar ehrgeizige Erwachsene die unzähligen Bälle nach Farben, kaum sind sie fertig, kommen die Kinder und versetzen das bunte Becken wieder in das ursprüngliche, unübersichtliche, Chaos.

Das Bällchenbad ist der Sehnsuchtsort der Piraten, das Ideal ihres Politikverständnisses: Hier sind sie, die sie doch oft so eigen und anders sind, alle gleich und gleichwertig.

Zur Mittagszeit steht Richard Grüll an einem Stehtisch neben der Bielefelder Mehrzweckhalle und löffelt einen Teller Gemüsesuppe. Grüll ist 63 Jahre alt und seit einem Jahr Pirat. "Seitdem versuche ich zu verstehen und damit umzugehen, wie die miteinander kommunizieren", sagtt er. "Das ist nicht immer ganz einfach. Und manche Sachen sind wirklich total daneben. Aber das Gute ist: Sie reden miteinander."

Hierarchisierung gefährdet den Kern der Partei

In gewisser Weise ist Grülls Sicht typisch für das, was die Piratenpartei in ihrer jüngsten Erfolgsphase ausgezeichnet hat. Nicht das Was der Politik ist ihm wichtig, sondern das Wie. "Wie man diesen oder jenen Stadtteil anstreichen oder abreißen soll, ist mir doch egal", sagt Grüll. "Hauptsache, es geschieht so, wie die Menschen es wirklich wollen, und nicht wie sich das irgendwelche Politiker in ihren Amtsstuben ausgedacht haben."

Warum genau die Piraten deshalb die bessere Wahl sein sollen , kann er nicht genau erklären. Dafür können es kurz darauf Johannes Ponader und Marina Weisband umso besser. Der politische Geschäftsführer und seine berühmte Vorgängerin diskutieren die Frage: Was macht der Erfolg mit uns und wie gehen wir damit um?

Weisband beschreibt eindrücklich das Dilemma der neu entstehenden Hierarchien in der Partei: Piraten, die von ihr und anderen denken: "Wenn ich die wähle, dann kann die das alles und macht alles richtig. Diese Erwartung muss enttäuscht werden. Und dann schlägt das in Wut um." Shitstorms ist für sie die moderne Form des Lästerns: "Wenn früher an Stammtischen übel gegen Politiker gepöbelt wurde, haben die Politiker das nicht gehört. Wenn das aber jetzt bei Twitter passiert, dann bekommen wir das direkt mit – und es verletzt uns."

Weisband und Ponader gelingt es zusammen mit der Runde, das Politikverständnis der Partei, ihren Markenkern, so deutlich herauszuarbeiten, wie das die Piraten seit Langem nicht mehr geschafft haben. Wenn wir die Politik menschlicher machen wollen, müssen wir die Politiker unter uns auch menschlicher behandeln", sagt Weisband. Und Ponader: "Macht uns nicht zu dem Unerreichbaren, was ihr in uns hineinprojiziert. Wir sind schließlich angetreten, damit auch sensible Menschen ohne dickes Fell in die Parlamente kommen." Es ist das Dilemma der Partei: Ihre Netzwerkstruktur und die Verehrung alles Basisdemokratischen geraten in Gefahr durch die zunehmende Hierarchisierung, die Wachstum und Erfolg fast zwangsläufig mit sich bringen.

Menschliche Politik wollen sie machen

Deshalb sei der Begriff "Flausch" auch keine "Hippie-Kacke", wie Weisband immer wieder sagt, sondern stünde für die Art, wie Piraten miteinander umgehen und wie sie menschliche Politik verstehen. Sie und einige andere versuchen so, das für eine ganz bestimmte Form der Online-Kommunikation erfundene Wort kurzerhand zum Label für alles Positive an der Piraten-Kultur umzuwidmen. Das zeigt, wie professionell sie mittlerweile Politik machen.

Die Flauschcon profitiert davon, dass sie gleich auf zweierlei Weise exklusiv ist. Zum einen treffen sich hier nur die Piraten, die sich sowieso mögen. Ihre Gegner und vor allem diejenigen, die immer wieder mit Shitstorms der Partei zu schaffen machen, sind gar nicht erst gekommen. "Es ist ein bisschen wie in der Kirche", sagt Pirat Grüll. "Wenn der Pfarrer über die Gottlosigkeit predigt und darüber, dass so wenige in die Kirche kommen, dann erreicht er damit ja auch nur die, die schon bei ihm in der Kirche sitzen."

Zum anderen ist es bequem für die Piraten, all die Sachthemen, an denen sich die meisten Konflikte und Shitstorms ja entzünden, zumindest für ein Wochenende auszublenden. Kernenergie, Euro-Krise, Grundsicherung: All das steht ab Montag wieder auf der Tagesordnung. Allein der Vorsatz, in Zukunft netter zueinander zu sein, hilft da wenig.