Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) © Maja Hitij/dapd

Altkanzler Helmut Schmidt hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeworfen, in der Euro-Krise zu nationalegoistisch zu agieren. Wenn Merkel in Medien anderer EU-Staaten mit einer Hakenkreuzbinde karikiert werde, sei das "zum Teil ihre eigene Schuld", sagte Schmidt in der ZDF-Sendung Maybrit Illner . Ihm widersprach Bundespräsident Joachim Gauck , der ebenfalls Gast der Sendung war.

Gauck verteidigte die Regierungschefin und sagte, er sei von "ihrer hohen Rationalität" und ihrem Handlungswillen überzeugt. Der Kurs Merkels finde in vielen Nachbarländern Deutschlands Unterstützung .

Zur deutschen Vergangenheit sagte Gauck, die Deutschen sollten auf der Grundlage von "Trauer und Scham", aber auch im Bewusstsein von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit ihren Nachbarn sagen: "Wir sind nicht mehr diese Mörder." Das Projekt Europa dürfe nicht aufgegeben werden.

"Weil wir sechs Millionen jüdische Bürger fabrikmäßig umgebracht haben"

Schmidt hingegen beharrte darauf, dass Deutschland für den Kontinent mehr in der Verantwortung stehe als alle anderen europäischen Staaten. "Weil wir sechs Millionen jüdische Bürger fabrikmäßig umgebracht haben", sagte Schmidt.

Die europäischen Nachbarländer, die die deutsche Besetzung während der Nazizeit nicht vergessen hätten, hätten heute das Gefühl, Deutschland dränge wieder ins Zentrum Europas. Dieser Eindruck müsse vermieden werden .

Sein Gesprächspartner Gauck sagte, er halte einen Volksentscheid zur Europapolitik für wenig hilfreich. Wenn in besonders problematischen Situationen nach Entscheidungen des Volkes gerufen werde, werde er skeptisch. "Das schaut dann so aus, als ob im Moment diejenigen, die sich intensiv und beruflich damit beschäftigen, nicht in der Lage sind, das Problem zu lösen", erklärte der Bundespräsident.

Eine Volksbefragung könne Entscheidungen verzögern und biete zudem Raum für populistische "Schreihälse, die dann der Bevölkerung die Höllenqualen vor Augen führen". Er traue den Menschen in Deutschland viel zu, würde ihnen aber noch mehr zutrauen, "wenn mehr Leute zur Wahl gehen und zu den jetzt möglichen Volksbefragungsszenarien auch", sagte Gauck. Da sei "oft die Beteiligung so mager, dass ich nicht annehmen kann, dass in einer besonders schweren Situation ganz viele Leute mit ganz viel Einsicht dann den richtigen Weg finden", sagte der Bundespräsident.