Was für ein Auflauf! Der Pressesaal ist voll, neue Stühle werden herangeschleppt. Nachzügler drängen sich an der Tür, weil sie nicht mehr in den Raum passen. Die Fotografen gehen in Lauerposition, hektisch werden die Fernsehkameras umgeschwenkt. Gibt die Kanzlerin gleich eine Pressekonferenz? Nein, wir befinden uns bei der SPD-Fraktion : Peer Steinbrück kommt.

Der Bundesfinanzminister a. D., zur Zeit einfacher Bundestagsabgeordneter, versucht sich möglichst nichts anmerken zu lassen. Mit ernster Miene betritt er den Saal, lässt sich fotografieren, legt beide Hände ruhig vor sich auf den Tisch. Steinbrück ist gekommen, um sein Finanzkonzept öffentlich vorzustellen. Dabei sind dessen Details schon seit Tagen in der Welt . Die SPD-Thesen zur "Bändigung der Finanzmärkte" waren hochgefragt – vor allem, weil sie seine Handschrift tragen. Sie sind zwangsläufig der ganz große inhaltliche Aufschlag des Vielleicht-Kanzlerkandidaten der SPD.

Hochkonzentriert und pointiert

"Es ist nicht meine Bewerbungsmappe", widerspricht Steinbrück später. Er sei vom Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier , auch ein potenzieller Kanzlerkandidat, dazu beauftragt worden, das Papier auszuarbeiten. Doch der Rest der Troika fehlt an diesem Morgen, diese Veranstaltung ist bewusst ganz auf Steinbrück zugeschnitten. Zu seinen Ambitionen in der K-Frage lässt sich der 65-Jährige natürlich kein einziges verfängliches Wort entlocken. Längst gibt es Berichte, wonach die SPD-Troika sich intern bereits auf ihn verständigt hat . Die Parteizentrale dementiert.

Steinbrück kann es egal sein, vorerst jedenfalls. Sein Auftritt am Mittwoch ist Bewerbung genug. Steinbrück präsentiert das 30-Seiten-Papier in nur zwanzig Minuten, pointiert, hoch konzentriert, zuweilen aufgelockert durch seine etwas schnoddrige Art. Ideen zur besseren Regulierung der Finanzmärkte – damit besetzt der SPD-Politiker geschickt ein Riesenthema, bei dem es Profilierungschancen gibt. Lediglich Parteichef Sigmar Gabriel hatte es mal kurzzeitig mit Bankenkritik versucht , aber kein "Konzept" erarbeitet, wie auch Steinbrück am Mittwoch besonders betonte. Und Angela Merkels schwarz-gelbe Koalition ist an diesem Punkt wenig visionär.

"Ich hab nix gegen erfolgreiche Geschäftsbanken"

Anders als CDU und FDP nimmt Oppositionspolitiker Steinbrück bei seiner Kritik am Finanzmarktkapitalismus auch kein Blatt vor den Mund, wohl wissend, dass er damit bei den Bürgern punkten kann. Für viele Banken gelte das Prinzip von "Maß und Mitte" schon lange nicht mehr, sagt Steinbrück. Die Politik sei "erpressbar" geworden, durch Banken, die sich einfach für systemrelevant erklärten und dann auch Hilfe bekämen: "Verluste werden sozialisiert. Der Steuerzahler ist die letzte Gewähr-Instanz." Steinbrück redet sich in Rage, wird emotional: Es gehe, auch bei der Euro-Rettung, immer darum, ob Deutschland nur eine "marktkonforme Demokratie" sein wolle, wie dies Angela Merkel angeblich mal gesagt haben soll. Die SPD stehe für eine "demokratiekonforme Marktwirtschaft".

Wie sollen die Finanzmärkte nun konkret gebändigt werden? Steinbrück will die Finanztransaktionssteuer durchsetzen ("das wird die SPD gegebenenfalls mit den Grünen aufgreifen"), er will Großbanken in Holdings verwandeln, die das Investmentbanking als vom übrigen Bankgeschäft abgekoppelten Bereich betreiben. Das bedeute nicht, betont der SPD-Mann gleich mehrfach, dass er die Deutsche Bank zerschlagen wolle: "Ich hab' nix gegen große erfolgreiche Geschäftsbanken." Sowieso sei sein Papier keine Kampfansage an die Finanzmärkte, sondern eine Hilfe für diese. Ohne klare Regeln – "Leitplanken" nennt sie Steinbrück – gerieten die Geschäfte aus dem Ruder: "Es geht darum, die Funktionsfähigkeit der Märkte zu erhalten."