Setzen Sie sich doch mal rein, sagt sie. Setzen Sie sich rein in einen, und dann stellen Sie sich vor, wie das ist.

Das hat sie so gesagt, Ingeborg Schäuble. Es ist schon länger her. Und es klang energischer, als es gemeint war. Überhaupt, es gibt da eine Ambivalenz in ihrem Auftreten, eine interessante, eine zwischen Verletzlichkeit, auch Scheu auf der einen Seite und Entschiedenheit, ja Unerschrockenheit auf der anderen. Sagen wir so: Da sind die Augen und der Mund. Die sagen vieles aus.

Wenn sie das so sagt, kann man das dann machen? Ist das nicht – seltsam? Seltsam unangemessen? Eine Anmaßung? Ausprobieren, wie das so ist im Rollstuhl. Nachfühlen – schon das Wort erscheint hier fehl am Platz – wie das für ihn sein muss?

Da steht einer im Krankenhaus, ein Rollstuhl; er steht vor einem, und man setzt sich hinein. Und sitzt. Still. So lange es geht. Sitzt schwer. Und will dann plötzlich die Zehen bewegen, um sich zu fühlen. Den Ausweg zu spüren.

In seinen Träumen kann er laufen

Den Ausweg hat er nicht, diesen nicht. Nur in seinen Träumen. In denen kann er laufen. Wie früher, vor dem Attentat , als sein Rückenmark noch nicht verletzt war. Als er noch Tennis und Fußball spielen konnte, Skilaufen mit der Familie. Es gibt da dieses Foto mit seinen Kindern im Schnee, die Familie als Schneepflug, eines hinter dem anderen und zum Schluss der Babba. So klingt es, wenn die Kinder von ihm reden. Noch heute, da sie erwachsen sind.

Der Babba. Der Wolf, die Kosekurzform für Wolfgang, obwohl Wolf ja auch anders verstanden werden kann. Aber der hier ist kein richtiger, höchstens knurrt er, wenn es um seine Familie geht, seine Kinder. Wie er sagt, dass er ja nichts sagen will, aber … Da soll mal keiner kommen. Er ist stolz und froh über seine Familie. Und wenn es mal nicht so ist, es sich nicht so fügt, nicht so glücklich läuft, dann können sie sich auf ihn verlassen. Er ist da. Wird immer da sein. Und sie sind da, wenn er ruft. Oder sagen wir so: Er braucht gar nicht zu rufen, sie kommen einfach, lassen alles stehen und liegen. Familienurlaube sind heilig. Das hat etwas anrührend aus der Zeit Gefallenes. Konservativ? Das auch, aber im Sinne von bewahren wollen.

Er ist es ja auch: aus der Zeit gefallen. So ein Typ Mensch, wo trifft man den schon noch? Er legt den größten Wert darauf, zu dienen. Aber einer Sache. Oder Deutschland. In seinem Dienen soll ihn niemand übertreffen. Ein Paladin wurde er jüngst wieder genannt. Der das sagte, weiß vielleicht nicht, dass es einerseits Beleidigung ist, andererseits Auszeichnung. Paladin, das ist ein mit besonderer Würde ausgestatteter Adliger, meist ein Ritter. So ist es in früheren Zeiten gewesen. Aber man könnte jetzt sagen: So ist sein Wesen. Ritter Wolfgang. Das klingt auch passend.

Dieser Rollstuhl. Er denkt nicht mehr immerzu an ihn. Jedenfalls will er es nicht immerzu tun, sich nicht fangen lassen, und der Wille ist sein Reich. Sein Wille ist gewaltig. Der Kopf ist sein Kosmos. In dem kann er fliegen, hoch fliegen, sich bewegen und allen anderen voranlaufen. Da ist er schneller als die anderen. Denke nur! Solche Gedanken machen frei. Er wird immer freier, je älter er wird. Je länger er im Rollstuhl sitzt.