Schäuble wird 70Der Babba, der Wolf, der Schäuble

Wolfgang Schäuble war der Architekt der Einheit, nun will er der Europas sein. Freier denn je fühlt er sich. Am Dienstag feiert er 70. Geburtstag. von Stephan-Andreas Casdorff

Finanzminister Wolfgang Schäuble (Archiv)

Finanzminister Wolfgang Schäuble (Archiv)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Setzen Sie sich doch mal rein, sagt sie. Setzen Sie sich rein in einen, und dann stellen Sie sich vor, wie das ist.

Das hat sie so gesagt, Ingeborg Schäuble. Es ist schon länger her. Und es klang energischer, als es gemeint war. Überhaupt, es gibt da eine Ambivalenz in ihrem Auftreten, eine interessante, eine zwischen Verletzlichkeit, auch Scheu auf der einen Seite und Entschiedenheit, ja Unerschrockenheit auf der anderen. Sagen wir so: Da sind die Augen und der Mund. Die sagen vieles aus.

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Wenn sie das so sagt, kann man das dann machen? Ist das nicht – seltsam? Seltsam unangemessen? Eine Anmaßung? Ausprobieren, wie das so ist im Rollstuhl. Nachfühlen – schon das Wort erscheint hier fehl am Platz – wie das für ihn sein muss?

Da steht einer im Krankenhaus, ein Rollstuhl; er steht vor einem, und man setzt sich hinein. Und sitzt. Still. So lange es geht. Sitzt schwer. Und will dann plötzlich die Zehen bewegen, um sich zu fühlen. Den Ausweg zu spüren.

In seinen Träumen kann er laufen

Den Ausweg hat er nicht, diesen nicht. Nur in seinen Träumen. In denen kann er laufen. Wie früher, vor dem Attentat , als sein Rückenmark noch nicht verletzt war. Als er noch Tennis und Fußball spielen konnte, Skilaufen mit der Familie. Es gibt da dieses Foto mit seinen Kindern im Schnee, die Familie als Schneepflug, eines hinter dem anderen und zum Schluss der Babba. So klingt es, wenn die Kinder von ihm reden. Noch heute, da sie erwachsen sind.

Der Babba. Der Wolf, die Kosekurzform für Wolfgang, obwohl Wolf ja auch anders verstanden werden kann. Aber der hier ist kein richtiger, höchstens knurrt er, wenn es um seine Familie geht, seine Kinder. Wie er sagt, dass er ja nichts sagen will, aber … Da soll mal keiner kommen. Er ist stolz und froh über seine Familie. Und wenn es mal nicht so ist, es sich nicht so fügt, nicht so glücklich läuft, dann können sie sich auf ihn verlassen. Er ist da. Wird immer da sein. Und sie sind da, wenn er ruft. Oder sagen wir so: Er braucht gar nicht zu rufen, sie kommen einfach, lassen alles stehen und liegen. Familienurlaube sind heilig. Das hat etwas anrührend aus der Zeit Gefallenes. Konservativ? Das auch, aber im Sinne von bewahren wollen.

Er ist es ja auch: aus der Zeit gefallen. So ein Typ Mensch, wo trifft man den schon noch? Er legt den größten Wert darauf, zu dienen. Aber einer Sache. Oder Deutschland. In seinem Dienen soll ihn niemand übertreffen. Ein Paladin wurde er jüngst wieder genannt. Der das sagte, weiß vielleicht nicht, dass es einerseits Beleidigung ist, andererseits Auszeichnung. Paladin, das ist ein mit besonderer Würde ausgestatteter Adliger, meist ein Ritter. So ist es in früheren Zeiten gewesen. Aber man könnte jetzt sagen: So ist sein Wesen. Ritter Wolfgang. Das klingt auch passend.

Dieser Rollstuhl. Er denkt nicht mehr immerzu an ihn. Jedenfalls will er es nicht immerzu tun, sich nicht fangen lassen, und der Wille ist sein Reich. Sein Wille ist gewaltig. Der Kopf ist sein Kosmos. In dem kann er fliegen, hoch fliegen, sich bewegen und allen anderen voranlaufen. Da ist er schneller als die anderen. Denke nur! Solche Gedanken machen frei. Er wird immer freier, je älter er wird. Je länger er im Rollstuhl sitzt.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 17. September 2012 14:53 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe lieber edinen erfahrenen Mann mit 70 als einen opportunistischen Karrieregeilus mit 40 Jahren. Ich teile nicht alle politischen Entscheidungen und Ansichten von Herrn Schäuble. Aber ich habe großen Respekt vor seiner Lebensleistung bezogen auf seine fast totale Behinderung.
    Ich wünsche ihm einen erfüllten Lebensrest!
    Im übrigen hatte der Sultan von Brunei für seine Privatflotte einen sehr erfahrenen LH-Kapitän eingestellt, nach dem die LH ihn mit 60 Jahren in Pension geschickt hatte. Der Sultan wollte eben nur das Beste und nicht nur einen Arbeitsplatz besetzen!

  1. Ich werde es nie verstehen, weshalb jemand mit so einer Biographie (CDU-Spendenaffäre) ausgerechnet noch Bundesminister der Finanzen werden konnte. - Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

    • Marula
    • 17. September 2012 15:03 Uhr

    Schlechte Idee, mit dem Rollstuhl anzufangen und aufzuhören, das ist sicher nicht das Wichtigste an Schäuble.
    Immerhin meint man ja herauszuhören, dass dies die letzte Legislaturperiode mit Schäuble als Finanzminister ist und das ist ja immerhin eine Nachricht.
    Vielleicht ist ein Artikel, der auf drei Seiten Schäuble zum Geburtstag gratuliert, nicht der richtige Ort für einen etwas kritischeren Ansatz. Trotzdem graut es einem davor, wenn man sich vorstellt, dass es der größte Wunsch des Autors ist, dass Merkel Schäuble und Kohl versöhnt und vereint. Bitte, bitte nicht. Was nicht zusammen gehört, muss auch im Alter nicht zusammen kommen. Das würde ein ganz falsches Zeichen setzen.
    Nebenbei wird auch noch der Traum Schäubles erwähnt, die europäische Einigung "unumkehrbar" zu machen. Da fragt man sich: Unumkehrbar, damit niemand mehr dazwischen funken kann, keine bösen amerikanischen Spekulanten, keine nationalistischen Bewegungen oder etwa - die unwilligen Bürger???
    Statt den Dialog mit Kohl sollte Schäuble den Dialog mit den Bürgern suchen, das würde dem Land viel mehr "dienen".

    • th
    • 17. September 2012 15:03 Uhr

    Und aus Altersstarrsinn auf seiner Fehlkalkulation beharrt?

    Darf man dann aus Ehrfurcht nicht nachrechnen?

    Immer wenn es an harte Kritik in der Sache geht, dann kommen die alten Herren mit ihren Erinnerungen und Träumen aus Kriegs- und Nachkriegszeit - und dann gilt das kleine Einmaleins nicht mehr. Wer will schon dem "Babba" seinen Lebenstraum beschädigen?

    Politbüro 1985 ... obs der Genscher ist, oder der Kohl, oder der Kinkel, oder der Schäuble ...

    Die sehen alle nicht, dass mit dem EURO Sprengstoff in den Keller des europäischen Hauses gekommen ist. Und dass die Rettungsaktionen die Tendenz haben, noch mehr davon in den Keller zu packen.

    Wenn man sich wenigstens ehrlich machen würde, nach dem Motto: "ja tut uns leid, wir haben uns dilettantisch ins Abenteuer gestürzt, haben zuviel versprochen, und uns verkalkuliert. Jetzt können wir aber nicht einfach aussteigen, damit uns nicht das Dach überm Kopf einstürzt."

    Aber das kann man doch von einem Politiker nicht verlangen?

    Nein: "Der Weg ist richtig, immer feste weitermachen!" Und der "Babba" hat immer recht.

    Wie beneide ich Briten, Dänen, Schweden, Tschechen darum, dass dort der Verstand nicht abgeschaltet worden ist.

  2. Ich habe lieber edinen erfahrenen Mann mit 70 als einen opportunistischen Karrieregeilus mit 40 Jahren. Ich teile nicht alle politischen Entscheidungen und Ansichten von Herrn Schäuble. Aber ich habe großen Respekt vor seiner Lebensleistung bezogen auf seine fast totale Behinderung.
    Ich wünsche ihm einen erfüllten Lebensrest!
    Im übrigen hatte der Sultan von Brunei für seine Privatflotte einen sehr erfahrenen LH-Kapitän eingestellt, nach dem die LH ihn mit 60 Jahren in Pension geschickt hatte. Der Sultan wollte eben nur das Beste und nicht nur einen Arbeitsplatz besetzen!

    Antwort auf "70 is er..."
    • Raistal
    • 17. September 2012 15:37 Uhr

    Herr Schäuble sieht das Problem “Europa“ nur quantitativ und das ist – wie Carlo Schmid einmal sagte - nicht gut.“ Er will durch finanzielle Aktionen Sachzwänge setzen und Europa auf diese Weise unumkehrbar machen. Für Deutschland mag das gelingen. Bei den übrigen Nationen eher nicht. Eine der wichtigsten – Großbritannien – hat bereits endgültig abgelehnt. Schmid warnte , dass „Pseudolösungen auf die Dauer gerade bei jenen, für die Europa mehr ist als ein geschickter politischer Trick, Erbitterung und Verzweiflung wachrufen…“ Und genau das ist jetzt geschehen! Die Regierung „nimmt die europäischen Bürger nicht mit“. Politik, Wirtschaft und Kultur bringen den europäischen Gedanken bei Vielen in Misskredit und lösen tiefes Misstrauen gegenüber den handelnden Personen aus. Ob aus einem Europa, das auf rein Materiellem gründet, in Zukunft noch eines werden kann, das von seinen Einwohnern auch als gemeinsame Idee getragen wird, scheint fraglich. Einigkeit und gemeinsame Identität erfordern mehr als nur ein materielles Fundament.

  3. .......was für ein Geschwurbel!

    • NoG
    • 17. September 2012 17:34 Uhr

    vielleicht findet sich ja jemand, der schaeubles maerchenstunden der letzten jahrzehnte auflistet.

    ich habe irgendwann aufgehoert dieser person mehr interesse zu widmen, als es seine position rechtfertigt - nur leider spielt er immer noch eine bedeutende rolle.

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