Studie : Worüber Piraten reden

Eine Grünen-Stiftung hat die Kommunikation der Piraten ausgewertet. Die Studie zeigt eine Partei mit klaren Grundwerten – die nach außen aber anders spricht als intern.
Fast immer öffentlich: die Kommunikation der Piraten © Adam Berry/Getty Images

Wie ticken die Piraten? Weil die Grünen sich besser auf ihren neuen Gegner einstellen wollen, haben sie die Partei jetzt genau unter die Lupe nehmen lassen. Im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung untersuchten Wissenschaftler die Kommunikation der Piraten, insgesamt mehrere Hunderttausend Meinungsäußerungen und Veröffentlichungen der vergangenen Monate und Jahre. Das war nur möglich, weil keine andere Partei so öffentlich debattiert wie die Piraten. Allein rund 100.000 Einträge auf acht Mailinglisten haben die Wissenschaftler ausgewertet, über 150.000 Wortmeldungen in sechs der wichtigsten Foren, alle Diskussionen aus zweieinhalb Jahren Liquid Feedback auf Bundesebene und zwei Jahren Liquid Feedback für das Land Berlin – und natürlich die Pressemitteilungen, das Grundsatzprogramm und die Wahlprogramme.

Am heutigen Donnerstag wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt. Interessant ist an ihnen weniger der Vergleich zu den Grünen – hier stellen die Forscher weitgehende Gemeinsamkeiten fest – sondern das genaue Bild davon, worüber die Piraten reden.

Die Studie zeigt eine Partei, die viel über sich selbst und über die politischen Gegner redet – die aber andererseits auch ein klares normatives Grundgerüst hat: "Demokratie, Freiheit, Transparenz" – das ist der "innerste Kern des Grundwertekonsenses der Piraten", schreiben die Forscher, diese drei Grundwerte kommen in all den Mailinglisten und Foren am häufigsten vor.

Abarbeiten an den anderen Parteien

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern.© Screenshot ZEIT ONLINE

Angeführt wird die Liste der meistgenutzten Wörter von der Bezeichnung der eigenen Partei ("Piraten") und "Menschen", ganz ähnlich wie bei den anderen Parteien. Auch sonst sei der Wortschatz gar nicht besonders "piratig", stellen die Wissenschaftler fest. Sie zählen nur 15 typische Piraten-Worte unter den 1.000 meistgenutzten Worten, etwa "Ahoi", "Wiki", "Crew", "Mumble", "Troll" oder "Thread". Andere häufige Begriffe kategorisieren sie als Netzvokabular, das längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingesickert sei, zum Beispiel "Twitter", "Blog", "User" oder "IMHO" (Kürzel für "in my honest opinion"). Ob diese Netzbegriffe bei anderen Parteien allerdings auch so oft verwendet werden, haben sie leider nicht untersucht.

Interessant an den Ergebnissen ist, wie sehr sich die Piraten offenbar an den anderen Parteien abarbeiten. Rund 40.000-mal werden die Konkurrenten in den untersuchten Äußerungen genannt, allein die Grünen kommen 10.000-mal vor. Die Namen der Parteien belegen allesamt Plätze zwischen 122 und 194 im Begriffs-Ranking. 

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

#3. Ja, wir Piraten reden über Themen...

...und Personen, die wirklich was mit Wirtschaft zu tun haben. Das wir nicht mit jedem unausgegorenen Thema auf den Markt der Schwätzer treten hat seine Gründe. Kontroverse und schwierige Themen müssen auch bei Ergebnissen vernünftig nach Außen getragen werden. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn wir, z.B. bei der Wirtschaft, nicht unbedingt unsere unterschiedlichen Meinungen offen austragen.
Ich bin kein Freund des BGE, vertrete aber den Bereich der negativen Einkommenssteuer als eventuelle Grundlage einer gerechteren Verteilung und versuche mit einfachen Worten und Beispielen zur heutigen Situation, die dann auch in der Bevölkerung verstanden werden könnten, diese Position zu vertreten. Fachduselei mit kryptischen Begriffen sind nicht meine Sache. Allein die heutige Formel zur Einkommenssteuer ist für Laien und Fachleute kaum zu erklären und wenn dann darüber diskutiert wird diese Formel durch ein andere zu ersetzen die auch keiner versteht, wird es eben lange besprochen und führt mitunter nicht zu einer öffentlichen Aussage die eine Mehrheit unterstützen könnte.

Es erstaunt mich deshalb sehr, dass die Grünen etwas festgestellt haben was alle Parteien machen. Intern reden wir genauso anders, als es nach Außen getragen werden kann.

Das machen Sie doch

sie haben ein Programm online, welches man lesen kann und in dem klar wird, wofür die Piraten stehen. Ob dieses vielleicht nicht finanzierbar, oder realitätsfern ist, mag auf einem anderen Blatt stehen, aber sie stehen für etwas. Es ist falsch zu glauben, dass die Piraten keine Inhalte hat. Damit tut man dieser Partei seit Monaten unrecht. Die Inhalte mögen vielleicht für viele nicht relevant sein (Downloading etc.), aber das ist nunmal so. Man sollte sich endlich von dem Denken abwenden, in den Piraten eine Volkspartei zu sehen, die Lösungen für Probleme und Krisen haben. Das ist auch gar nicht notwendig.
Und wenn man die Piraten schon kritisiert, dann muss man doch eine Sache anerkennen. Menschen reden wieder viel intensiver über Politik, Demokratie, Verantwortung, Initiative.
Ich mag die Piraten nicht unbedingt, aber das vor allem auf Grund der Inhalte, die mir zu idealistisch sind. Idealismus ist schön, aber in der Realität nicht finanzierbar. Dieses kann man ihnen vorwerfen. Das ihre Inhalte noch nicht fundiert sind.

Das Programm könnte -einmal abgesehen von endlosen

Details zum freien Internet- von den Grünen abgeschrieben worden sein,

was mir komplett fehlt, sind Protagonisten, die sich einmal vor laufender Kamera zu Aspekten wie Außenpolitik, Europapolitik, Zügelung der Finanzwirtschaft, Rentenpolitik, Energiepolitik, etc. etc. kompetent und glaubhaft äußern.

Kann doch niemand ernsthaft erwarten, dass jemand aufgrund des vorliegenden Programms die Piraten wählt...

Und eine Partei politischer Analphabeten mit vernünftig klingendem Inhalt, die wegen ihres Outlaw-Anstriches auch für Grünenhasser interessant wird, brauchen wir nun wirklich nicht unbedingt.

Genau hier liegt doch aber das Problem

die Piraten sind keine Volkspartei, sondern eine Nischengruppe, mit einer entsprechenden Klientel. Es macht keinen Sinn, sie in etwas hineinpressen zu wollen, denn am Ende würde man vielleicht nur feststellen, dass sie eine Schaukelposition zwischen all den anderen Parteien einnehmen.
Natürlich wünschen wir uns eine Partei, mit einem klaren Konzept zu den Fragen, die uns gesellschaftlich interessieren sollten, aber diesen Anspruch haben die Piraten nicht. Sie sind eine Mischform aus Grünen und der Linken mit einem Steckenpferd, welches das Internet und dessen Möglichkeiten sind. Auch die Demokratie haben sie nicht neu erfunden.
Die Piraten wurden ein Stück weit auch medial instrumentalisiert. Zuerst der Hype, dann das genüssliche Bashing und das wird mit anderen Gruppen/Personen genauso gemacht. Ein medial verantwortungsbewußterer Umgang würde es leichter machen, die Piraten einordnen zu können. Im Moment sind sie eine Oppositionspartei, die noch einen sehr langen Weg vor sich hat und an deren Ende nichts weiter, als eine ganz normale Partei wie jede andere auch stehen wird, denn das was die Piraten ach so transparent und demokratisch machen, ist bei den "großen" Parteien auch gängige Praxis. Wahlen, Diskussion, Delegation.
Ich gebe Ihnen Recht. Die Partei lässt viel zu wenig Spielraum für individuelle Führung und auch daran werden sie scheitern, denn es fehlen dann die Verantwortlichen Köpfe.

-politik

von Ihren Punkten wäre die Außenpolitik im Weiteren herauszunehmen,
dafür braucht es sicherlich erfahrene internationale Diplomaten,
schlimm genug dass das Westerwelle macht..

zu den anderen Punkten: können Sie von irgendeiner Partei ein sinnvolles Konzept zur Rente benennen, irgendwas was nicht wild mit Zahlen 50, 55, 67, 99 herumwirft, Zuschuss hier, Privatvorsorge?
ein Konzept für die Staatsschulden, für den Euro, außer regelmäßig alle 3 Monate weitere 20 Mrd., die wir nicht haben, an Griechenland?
was kann man in der Energiepolitik schlechter machen als im Moment die verkorsten Sonnenenergie-Subventionen, für die man sogar leere neue Dächer aufs Land stellt?

keine Partei hat zu irgendwas eine Lösung, welche nicht Enteignung aller Reichen oder Kürzung aller Sozialleistungen beinhaltet,
immer nur der Blick in die Zukunft, jaja, 30 Jahre Schulden,
aber ab 2020 zufällig garantiert sauber, ups eine neue Krise, na da müssen ja doch Schulden sein oder nur Garantien, total sicher, usw..

die Piraten sind EHRLICH, das ist schon ein Fortschritt

und die Piraten besetzen die wichtigsten Themen, Transparenz, Abschaffung von Korruption usw., welche die vorhandenen Bio.-Schulden nicht auflösen,
aber zumindest weitere Abzweigungen/ Lobby-Verschärfungen wie aktuell eindämmen, auch das ist grundlegend ein Fortschritt, der jedes tagaktuelle Detail verblassen läßt

Das mag bei Ihrem Agendasetting

ganz oben stehen, aber bei vielen anderen nicht, denn allein schon der inflationäre Begriff von Transparenz löst bei mir mittlerweile Wut aus.Die wichtigsten Debatten sind transparent. Man kann die meisten Entscheidungen nicht nur nach - sondern sogar mitverfolgen (danke phoenix). Kleines Beispiel. Heut gab es eine spannende Debatte im Bundestag die man sich hätte anschauen können. Da wurden Positionen deutlich und Lösungskonzepte präsentiert zum Thema Praxisgebühr und Niedriglohn. Aus den formulierten Meinung kann man sich dann ein eigenes Bild zeichnen, aber dazu muss man eben auch hinschauen. Der Vorwurf der Korruption. Ist das tatsächlich das dringenste Problem in der Politik? Es gibt genügend Gesetze dagegen und wer dagegen verstoßen will, wird das auch in Zukunft machen.
Es mag einiges falsch laufen und gerade die aktuelle Regierung, die sich bei fast jeden politischen Tagesordnungspunkt gegenseitig in die Pfanne haut und an die Gurgel geht, ist ein Musterbeispiel dafür, wie es normal nicht laufen sollte, weil es immer etwas konzeptlos daherkommt, ABER die Konzepte existieren und ob sie Erfolg haben hängt am Ende von vielen Punkten ab.
Mal zu den Fakten. Wir sind immernoch eine wohlhabende Nation, welche die Krisen insgesamt gut überstanden hat, die aufpassen muss, dass der Niedriglohnsektor sie nicht in eine Sackgasse und eine verbreitete Armut führt. Politik ist keine Mathematik. Das klassische Lösungsdenken in Richtig/Falschkategorien ist hier nicht anwendbar.

"nicht finanzierbarer"

Idealismus ist schön, aber in der Realität nicht finanzierbar. Dieses kann man ihnen vorwerfen.

Jetzt mal völlig unabhängig von den Piraten: ich muss immer gleichermassen schmunzeln aber mich auch ärgern, wenn dieses "Argument" angeführt wird.

Nicht finanzierbar.
Da haben wir kein Geld für.
Realpolitisch nicht umsetzbar.
Idealistisch verklärte Traumtänzerei.

Wenn jeder, der diese Argumente nutzt, in diesem Moment auch nur mal kurz darüber nachdenken würde, wofür und in welchen Größenordnungen (weltweit) doch alles Geld locker gemacht wird, und für was die Budgets im Bereich Soziales, Bildung, Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur, Kultur, Umweltschutz, Forschung laufend zusammengestrichen werden, und wie man dort um Kleckerbeträge kämpft, wohingegen bei anderen Dingen scheinbar "alternativlos" geklotzt wird (cui bono?)
... nun, dann wäre die Welt schon ein ganzes Stück besser.

Wir haben kein Geldproblem.
Wir haben ein Verteilungsproblem.

Aber mit so einer Aussage qualifiziere ich mich garantiert auch als naiver, realitätsferner Idealist, nein, Kommunist (weil, hilfe, ich habe das Wort "Verteilung" benutzt!).

Es ist einfach nur traurig.

Positionen

dass die Parlamente nichts mehr zu sagen haben ist doch nun wirklich Allgemeindeutung,
über Irrelevantes wie Praxisgebühr und 16 Bildungsreformen kann man auch so lange streiten wie man will,

wenn es dagegen wieder um Höhe der Ausgaben für Medikamente, 'Frondienste' an Pharmafirmen geht, dann kommen die Lobbyisten und diktieren die Gesetze (überspitzt)

die wirklich interessanten Themen, etwa Mrd. an die Industrie durch Freistellung von Stromsteuern, Bio. für Europa, Steuerhöhe/ Abschreibungen für Reiche/ Firmen, Abgasvorschriften für Autoindustrie usw.,
sowas entsteht in Hinterzimmern ohne Aufwiegen der Argumente, ohne Volkswillen

"Mal zu den Fakten. Wir sind immernoch eine wohlhabende Nation, welche die Krisen insgesamt gut überstanden hat, die aufpassen muss [..]"

das ist das Glück für diese Regierung, genau speziell für CSU in Bayern,
zum Glück gibt es keinen noch größeren Nachbarn direkt in der EU,
der statt Deutschland als sicherster Hafen das Geld anzieht usw.,

die Politk ist nicht wesentlich anders als in Griechenland

Programmanträge geben Überblick über diskutierte Positionen

Was die Piraten wohl wollen?

Bitte, die Anträge für den nächsten Programmparteitag Ende November in Bochum sind hier:

http://wiki.piratenpartei...

Natürlich sind längst nicht alle beantragten Positionen repräsentativ, z.B. gibt es eine Gruppe von Atomenergie-Befürwortern und eine andere, die für freien Waffenbesitz eintritt. Bei den meisten Anträgen finden sich Links zu Abstimmungen im Liquid Feedback System. welche die Meinungsbildung schon ungefähr abzeichnen.

Noch ein anderer Aspekt ist allerdings die Frage, welche Themen so wichtig sind, dass dazu auch die entsprechenden Anträge beschlossen werden. Bei über sechshundert Programmanträgen werden einige, die durchaus Zustimmung fänden, nicht behandelt werden können. Auch das Auswahlverfahren ist Gegenstand einer intensiven Debatte.