Piratenpartei : Authentisch in den Abgrund

Besser sich zerstreiten als anpassen: Die Piraten drohen ausgerechnet an ihrem hehren Anspruch auf menschlichere Politik zu scheitern, kommentiert Lenz Jacobsen.

Das ist natürlich eine tolle Idee: Eine Partei, deren Funktionäre bis hinauf in den Vorstand immer ehrlich sind, mit persönlichen Kanten und Macken und allem, was so gemeinhin als authentisch gilt.

Genau das ist der Anspruch der Piraten an sich selbst. Sie nennen es: Politik menschlicher machen. Es ist ihr höchstes und abstraktestes Ziel – und gleichzeitig die größte Gefahr für sie. Es bedroht ihre Existenz.

Das zeigt beispielhaft der jetzt laut Medienberichten offen ausgebrochene Streit im Vorstand der Partei. Nach ständigen Konflikten mit dem politischen Geschäftsführer Johannes Ponader wollten seine acht Vorstandskollegen ihm eine Art öffentliches Auftrittsverbot auferlegen. Doch Ponader will sich dem nicht beugen, am Donnerstagabend eskalierte der Streit offen auf Twitter.

Dazu muss man wissen: Ponader ist in seiner Unkonventionalität auch das Aushängeschild für das Anderssein der Piraten. Die Partei hat ihn als Querdenker in den Vorstand gewählt, der nun ausgebrochene Konflikt ist also kein Unfall, sondern die direkte Folge aus dem Anspruch der Piraten, die inneren Widersprüche und die eigene Heterogenität nicht zu kaschieren, sondern sogar zu betonen.

Marina Weisband, die ihrer Partei nicht nur darin weit voraus scheint, hat kürzlich auf einem Partei-Treffen einen bezeichnenden Satz gesagt darüber, wie die Piraten mit Leuten wie Ponader umgehen sollten. "Wir müssen sagen: Ja, der Johannes ist ein Spinner. Aber er ist eben unser Spinner!"

Doch statt das große Wir-Gefühl zu pflegen, zerfällt die Partei in Sachen Ponader wie bei all den anderen, unzähligen Konflikten in immer neue, immer andere Lager, die sich so sehr und beständig aneinander abarbeiten, dass bald der Frust darüber die Euphorie des politischen Aufbruchs überdeckt.

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Kommentare

108 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Overhyped ....

Die Piraten wurde vor der Berlin Wahl langsam in den Medien gehyped.

Hatte sicherlich Gründe, den wenn man die Berichterstattung über die Freien Wähler verfolgt die trotz sitz im bayrischen Landtag und Bundesambitionen kaum der Main Stream Presse Erwähnung finden kommt das schon sehr suspekt rüber.

Die Piraten haben sich auch hypen lassen, das sie jetzt ein "Down" haben war klar.

Der perfekte Pirat ist ein Computer! Ein Mensch kann kein guter Pirat sein, den Menschen haben eigene Meinungen und Ansichten und das stösst ja bei den Piraten oft an seine Grenzen.

Geiz ist Geil wird halt irgendwann zu billig.

Nein, es ist mehr als nur Hype

Ich bin kein ausgesprochener Piraten-Fan (und hege seitdem Karrieristen wie ex-FDP Praktikantin Schramm an Bord sind noch weniger Sympathien) aber eines muss man ihnen lassen:

Sie haben die verkrusteten Polit-Strukturen ein wenig aufgebrochen, mit Liquid Feedback neue Technologie eingebracht und sie leben die Transparenz, die andere nur predigen, leibhaft vor. Sowas kann sich kaum eine "start-up" Partei ans Revers heften.

Worunter sie jetzt leiden sind Kindergebrechen, aber man sollte ihnen eine Chance geben, zumal die Alternativen mau sind.
Ich hoffe, dass die Piraten es schaffen, sich zu professionalisieren ohne im Etablissement aufzugehen und zu einer FDP-Kopie mit all ihren Niebels, Koch-Mehrins & Co. zu werden.

Sehr geehrter Herr Jacobsen,

sind Sie mal bei einem Treffen der Piratenpartei in Hamburg gewesen? (Anmerkung des Kommentators: Die Zeit sitzt in Kattreppel in Hamburg)

Da können Sie jeden Dienstag Abend vorbei schauen, und sich ein Bild davon machen, wie die Mitglieder miteinander umgehen. Und wo waren Sie, als der letzte Landesparteitag in Hamburg stattgefunden hat? Da waren gar keine Journalisten zugegen. Bzw. ein 2 Mann Kamerateam war da, allerdings gerade mal eine Stunde.

Das Schreckensbild, dass Sie zeichnen ist wirklich übertrieben. Allein auf Twitter sollten Sie Ihre Recherche nicht beschränken.

Richtig, die Piraten streiten, aber das tun die anderen Parteien auch. Sie zeigen es nur nicht so offen. Und: Aller Anfang ist schwer.

Was die Bezahlung des Vorstandes angeht: Viele Piraten wollen das, nur fehlt dazu leider noch das Geld. (Über die Finanzen der Partei kann man sich im Wiki der Partei ein Bild machen. https://wiki.piratenparte... )

Mein dringender Tipp: Schauen Sie sich einfach mal an, was die Piraten wirklich machen. Besuchen Sie die Fraktionen und die Parteitage. Gehen Sie zu den Stammtischen in Ihrer Umgebung. Dann wüssten Sie auch viel besser, worüber Sie eigentlich schreiben.

Gruß
L.-P.

Recherche

Liebe/r LP,
ich sitze nicht in Hamburg, sondern in Berlin. Außerdem bin ich immer wieder bei Piraten-Veranstaltungen und beschränke meine Recherche nicht nur auf Twitter. Ich weiß, dass die meisten Piraten sehr vernünftig miteinander umgehen, das ist Gott sei Dank der Normalfall. Aber die aktuellen, prominenten Vorfälle zeigen eben auch ein anderes Bild, das bemerkenswert und kommentierenswert ist, wie ich finde. Demnächst dann auch wieder vor-Ort-Berichterstattung von den Piraten, seien Sie versichert.

Aber die aktuellen, prominenten Vorfälle zeigen...

genau da kann man den Satz abschneiden, denn schlechte Schlagzeilen sind gewollt (ein Hoch auf Steinbrück & Merkel...) und angesehen davon, sie verkaufen sich besser. (sozusagen als netter Mitnahmeeffekt) Mein persönlicher Eindruck ist, das "unsere Medien" nur noch als Königsmacher oder Henker agieren. So wirklich neutrale Berichterstattung (und das ist sehr diskret ausgedrückt!) findet nicht mehr statt. Über die Hintergründe kann man streiten und/oder spekulieren.

Keine Inhalte

Sehr geehrter Herr Jacobsen

Die Berichterstattung über die Piraten ist nicht ausgewogen. Ihr Berufsstand muss sich hier diese berechtige Kritik gefallen lassen. Diese Leute, die wirklich engagiert und fundiert ihre Sache vertreten haben, wurde regelrecht "zerschrieben". Zuerst Marina Weisband, dann Julia Schramm, jetzt Johannes Ponader. Natürlich bieten diese Personen Angriffsflächen, aber sie so anzugehen, ist grenzwertig. Wann wird denn über Inhalte der Piraten diskutiert - fast nie! Auch die Auseinandersetzung mit den etablierten Parteien hat schon lange ein sachliches Niveau verlassen und sagen wir es offen, das der Bild übernommen. Die tägliche Polit-Seifenoper lässt grüssen. Der Unterschied zu den Piraten ist, dass sich die Altparteien besser wehren könne, weil sie in den Vorständen der Verlage und Medienhäuser sitzen. Und gerade weil dies so ist, arbeitet man sich an den Piraten ab. Was aber bedeutet Demokratie, wenn sich neue Parteien und gute Konzepte aufgrund alter Machtstrukturen nicht formieren können.

"Authentisch in den Abgrund"

... beschreibt also nicht den Zustand der Partei, sondern den der Berichterstattung.

Es entsteht immer wieder der Eindruck, dass die Hauptstadtpresse sich bei den Piraten noch was traut, beim Rest dann aber entweder in Euphemismen flüchtet oder einfach Stille pflegt.

Beispiel: Steinbrück-Kandidatur und der mediale Vorlauf? Eine Farce. Selbst jetzt noch, der Mitverursacher als vermeintlicher Retter.

Aufruhr über Merkels Versteckspiel in der Affäre Gorleben? War da was?

Auf der Piraten-PK dürfen Sie noch kritische Fragen stellen, bei Rot und Schwarz findet das schon nicht mehr statt.

Auch denke ich, dass "Meinung" weitaus besser zum Artikel gepasst hätte als das vermeintlich neutralere "Politik"-Ressort, denn, wie Sie ja in Ihrer Antwort darlegen, scheint man derzeit der Meinung zu sein, dass die Normalität der Piraten keine Erwähnung wert ist, deswegen müssen es die Ausnahmen richten.

Wie war das mit dem Abgrund? Am Widerstand des Systems sollt ihr die Notwendigkeit erkennen.

Und die Presse, als nur noch schwächelnde 4. Gewalt, ist schon länger am Kämpfen. Verständlich, denn Dinge wie Leistungsschutzrecht und Co. werden von den Piraten sicherlich nicht vertreten. Gut so!

Man muss die Damen und Herren nicht mögen oder gar wählen, aber sie halten - teils unbewusst - dem Ganzen einen großen Spiegel vor. Auch eine Art von Weitsicht, auch wenn es schmerzt.

Sehr geehrter Herr Jacobsen: Danke !

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich auch in das Forum einbringen.

Allzu oft müssen / mussten wir Foristen erleben, dass unsere Äußerungen mal willkommen, mal toleriert, oder aber auch mal gekürzt oder gar abgewürgt wurden.

Wobei ich in Bezug auf dies letztgenannten, weniger freundlichen Reaktionsweisen nicht prinzipielll unwillig reagieren möchte (es gibt halt schon auch sehr viel Schrott).

Zurück zu meinem Ausgangspunkt: Ich finde es einen Gewinn für die Debattenkultur, wenn die Autoren / Verwalter von ZEIT-ON sich auch einbringen. Dass das seine zeitlichen, kräftemäßigen und sonstigen Grenzen haben muss, will ich gerne zugestehen. Nur: Es wird vielleicht allen Seiten guttun, wenn man etwas mehr direkten Dialog auch mit "oben"
ermöglicht.

Vorsichtige Anfrage

"Es entsteht immer wieder der Eindruck, dass die Hauptstadtpresse sich bei den Piraten noch was traut, beim Rest dann aber entweder in Euphemismen flüchtet oder einfach Stille pflegt."
Ist das wirklich so, oder ist es nur Ihre subjektive Einschätzung, weil Sie die Kritik an anderen Parteien im Gegensatz zur Kritik an der Piraten-Partei gerechtfertigt finden? Verstehen Sie das nicht falsch, aber ich finde es Auffällig, dass sich bei sämtlichen Artikeln die die Piraten betreffen sofort Kommentatoren finden, die sich über Piraten-Bashing beschweren - allzu häufig mit Argumenten, die mit "aber die etablierten Parteien..." beginnen.

...........

Genau das ist der Punkt:

"Ich weiß, dass die meisten Piraten sehr vernünftig miteinander umgehen, das ist Gott sei Dank der Normalfall."

Aber darüber wird doch bitte nicht berichtet! Statt dessen wird eine Auseinandersetzung innerhalb des BuVos zu einer Großkrise stilisiert und so getan, als wäre das der alltägliche Normalfall. Aber genau durch solche Überzeichnungen entsteht ein völlig verzerrtes Bild - das, wie Sie im Nachgang selbst zugeben müssen, ja gar nicht der Normalfall ist.

Ich bin mir sicher, dass diese Überzeichnungen nicht nur für die Piraten gelten, sondern dass dies eine journalistische Fingerübung ist, die auch bei anderen Parteien gerne angewandt wird.

Diese verzerrten Bilder sind aber mit ein Grund, die eine gewisse Politikverdrossenheit erzeugt. Journalisten, die immer wieder gerne über diese Politikverdrossenheit der Bürger schwodronieren, sollten sich mal fragen, in wie weit sie selbst mit verzerrten Widergabe von Sachständen solche Verdrossenheiten erzeugen.

Normalfälle

Liebe Drachenrose,
ich war bei der Flauschcon und werde beim BPT sein, wir haben Berichte von der EuWikon und von einem Jahr Piraten im AGH, ich kann nicht erkennen, dass wir diese Seite ignorieren.
Was es braucht für Berichterstattung ist ein Ereignis. Wenn Piraten irgendwo normal und vernünftig miteinander umgehen, ist das der Normalfall und nicht bereits berichtenswert. Ich nehme an, dass Sie das bei anderen Parteien ähnlich sehen würden.
Und: Bei einem ähnlichen Konflikt z.B im Vorstand der SPD (Auftrittsverbot für Andrea Nahles?) würden uns sihcer auch Piraten kritisieren, wenn wir darüber nicht berichten – und sie hätten damit völlig Recht.

..........

Lieber @jalenz,

natürlich muss darüber berichtet werden, das steht außer Frage. Fakt ist aber auch, wenn die Normalität nicht berichtenswert ist, sondern nur noch das Außergewöhnliche und das Außergewöhnliche damit zur journalistischen Normalität wird, wird am Ende eben die Wahrnehmung des Rezipienten extrem verzerrt.

Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn es z. B. einen Überfall gibt, wird dieser derart journalistisch ausgeschlachtet, dass am Ende der Eindruck entsteht, dass der Bürger den Eindruck hat, überall würden versteckte Bedrohungen lauern und er ständig damit rechnen muss, Opfer eines Überfalls o.ä. zu werden - obwohl das objektiv nicht der Fall ist. Das wiederum führt dazu, dass Gesetze unverhältnismäßig eingeschränkt und Bürgerrechte abgebaut werden - und der "gefühlt-bedrohte" Bürger applaudiert.

Natürlich betrifft das nicht nur die Zeit und ich weiß auch nicht, wie man diesen Nachrichten-Konflikt vernünftig lösen kann, aber auf Dauer hilft es gesamtgesellschaftlich niemanden, wenn der Normalfall uninteressant ist und die Ausnahme zur Normalität umgeschrieben wird - im Gegenteil, es ist sogar gefährlich.

Führungspersönlichkeit

Wer Ansprüche stellt, läuft Gefahr, daran zu scheitern, richtig! Aber wer keine stellt, muss sich mit der Phrase der Alternativlosigkeit einer Position begnügen. Die Debattenkultur hat Regeln um den Austausch von Meinungen in einer Weise zu ermöglichen, die eben nicht im Selbstzerstörungsmodus endet. Viele Piraten an der Basis verwechseln Unvereinbarkeit mit Ehrlichkeit. Viele (Menschen) haben das Gefühl, sie seien "super" ehrlich, dabei sind sie nur unverschämt, arrogant und unproduktiv. An einer solchen Debattenkultur muss auch der beste Vorstand scheitern. Die Piraten müssen sich erst über die Form der Debatte einig werden, bevor überhaupt Inhalte diskutiert werden können. Wenn aber der Vorstand durch die Basis gewählt wurde, hat er die Befugnis, klare Vorgaben zu machen, das ist sein Auftrag. Lenz Jacobsen schreibt " Besser sich zerstreiten als anpassen". Dabei fiel mir ein: Altparteien - besser sich anpassen als Demokratie wagen. Dort ist der Verschleiss nicht weniger, aber er wird diskreter behandelt. Merkels Verbrauch an Parteikadern ist legendär, und wenn die "eiserne Kanzlerin" wieder einmal einen Untergebenen verschlissen hast, jubeln alle: Führungspersönlichkeit!