EU-StresstestNorddeutsche AKW sind nicht erdbebensicher

Die EU gibt deutschen AKW schlechte Noten: Drei Kraftwerke benötigen Erdbebenwarnsysteme. EU-Energiekommissar Oettinger fordert eine Pflichtversicherung für die Anlagen. von dpa und reuters

Die EU-Kommission hat die Erdbebensicherheit norddeutscher Atomkraftwerke bemängelt. Bei der Vorstellung des europäischen AKW-Stresstests empfahlen Brüsseler Energie-Experten, in den Meilern in Brokdorf , Emsland und Grohnde Erdbebenwarnsysteme zu installieren. Für alle Kraftwerke wird zum Bau von Ersatzkontrollräumen geraten. Sie sollen genutzt werden, wenn in Folge von Beben oder Überflutungen die Hauptkontrollräume ausfallen.

Bereits vor einigen Tagen waren Teile des AKW-Stresstests bekannt geworden . Darin hieß es, dass an allen deutschen Kernkraftwerken nachgerüstet werden müsse, um höhere Sicherheitsstandards zu erreichen. Vom Netz müsse aus Sicherheitsgründen aber keines, sagte EU-Energiekommissar Günter Oettinger nun. Der Bericht der EU-Kommission hat den Rang einer Empfehlung: Vorschreiben kann die Kommission den Regierungen das Abschalten oder Nachrüsten nicht. Bis Ende des Jahres sollen aber nationale Aktionspläne aufgestellt sein.

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Oettinger bezifferte die Kosten für die Nachrüstungen in der gesamten EU auf 10 bis 25 Milliarden Euro, wobei fast 40 Prozent auf Frankreich abfallen dürften, dem Land mit den meisten Meilern. Europäische Fachleute hatten die Stresstests an allen 145 europäischen Atomkraftwerken als Reaktion auf die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima in den vergangenen anderthalb Jahren durchgeführt.

Oettinger will Pflichtversicherung für AKW

Oettinger sprach sich angesichts der Ergebnisse für eine Pflichtversicherung gegen Unfälle von Atomkraftwerken aus. "Ich denke, dass bestimmte Versicherungspflichten verbindlich vorgeschrieben werden sollten." Dadurch sollten unter anderem die "Vollkosten für Kernkraftstrom noch mehr einer ehrlichen umfassenden Vollkostenrechnung entsprechen als es derzeit geschieht". Oettinger will Vorschläge für eine mögliche Versicherungspflicht im Frühjahr vorlegen. Es sei klar, dass Atomstrom dadurch teurer werde. Sein Auftrag sei es aber nicht, durch Sicherheitsdumping den Kernkraftstrom billig zu machen.

Der EU-Kommissar forderte ein Mandat für weitere Kontrollen. Die Ergebnisse sollten weder beruhigen noch beunruhigen, sondern die Länder zum Handeln treiben. "Wir erwarten, dass die Maßnahmen ohne Verzug umgesetzt werden." Im Sommer 2014 soll der Stand der Nachrüstungen überprüft werden. Der Kommissar will für Anfang 2013 eine Neufassung der Richtlinie über nukleare Sicherheit vorlegen, die EU-weite Standards ersetzt.

Grüne kritisieren Stresstest

Atomkraftgegner kritisieren die Sicherheitschecks als völlig unzureichend. "Von einem Stresstest kann kaum die Rede sein", sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. "So wurde die Sicherheit der AKW gegen Flugzeugabstürze und Terroranschläge nicht überprüft." Wenn trotzdem eine derart lange Mängelliste entstehe, müssten jetzt auch in Deutschland dringend Konsequenzen daraus gezogen werden. Die Sicherheitsforderungen müssten erhöht und ohne Wenn und Aber eingehalten werden, sagte Trittin. Greenpeace-Sprecher Mark Breddy sagte: "Es gibt ernsthafte Risiken, die nicht untersucht wurden. Die Regierungen müssen die ältesten und unsichersten Reaktoren schnell abschalten."

Bundesumweltminister Peter Altmaier ( CDU ) sagte, die Testergebnisse müssten Konsequenzen nach sich ziehen. Der CDU-Politiker forderte nachvollziehbare und vergleichbare Kriterien für Europa . Bei der Umsetzung der Empfehlungsmaßnahmen der EU-Kommission werde Deutschland allerdings den Atomausstieg bis 2022 miteinbeziehen: "Es ist natürlich wenig vermittelbar, wenn Deutschland jetzt noch stark nachrüstet und Frankreich nicht, obwohl die Atomkraftwerke dort noch 20 Jahre in Betrieb sind."

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Leserkommentare
  1. wichtig wo genau von der Himmelsrichtung her diese Atomkraftwerke stehen, haben diese ein schwerwiegendes Problem das zur Explosion führen würde ist ohnehin ein sehr großer Radius betroffen, leider.
    Ob es nicht sinnvoller wäre die nötigen Investionen direkt in umweltfreundlichere Energieherstellung zu investieren und die Atomkraftwerke direkt abzuschalten?

    2 Leserempfehlungen
    • matbhm
    • 04. Oktober 2012 17:15 Uhr

    ... erdbebenfrei. Aber die Erdbeben, die zu erwarten sind, dürfen kaum wesentliche Schäden verursachen. Die Versicherungspflicht ist lächerlich. Was soll den versichert werden. Eine Katastrophe wie Fukushima beweist doch gerade, dass so etwas überhaupt nicht finanzierbar ist. Die Beiträge könnten gar nicht hoch genug sein, damit die Versicherungswirtschaft auch nur einen Teil der Schäden aufzufangen wüsste. Genau diese völlige technische wie finanzielle Beherrschbarkeit ist doch der Grund, weshalb nunmehr die Bundesregierung aus der Kernkraft aussteigen will.

    5 Leserempfehlungen
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    >> Genau diese völlige technische wie finanzielle Beherrschbarkeit ist doch der Grund, weshalb nunmehr die Bundesregierung aus der Kernkraft aussteigen will. >>

    Die Bundesregierung will nicht aus der Kernkraft aussteigen, so aus eigener Überlegenung und eigenen Antrieb, weil das ganze vielleicht doch nicht ganz so sicher ist wie behauptet, sondern weil die werte Bundesregierung im März 2011 auf den Mond gestiefelt worden wäre, wenn diese nicht wenigstens ein bisschen von ihren energiepolitischen Hazardkurs (vorherige Laufzeitverlängerung) abgewichen wäre!

    Wohin die dt. Atompolitik führt, wenn die hiesigen Parteien keinen permanenten Druck der Masse in ihrem Gesäß spüren, kann man anhand der Asse studieren...

    Ich würde einen möglichst sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft begrüßen.

  2. Ich hab da mal ne vielleicht naive Frage. So rein von der Logik her:
    Was haben Erdbebenwarnsysteme mit der Sicherheit zu tun?
    Ein Warnsystem ist ein reiner Detektor. Das entsprechende KKW wird dadurch doch nicht sicherer oder unsicherer?!
    Höchstens weiß man dann doch ganz genau, ob es nun nochgehen wird, oder nicht.
    Oder liege ich admit falsch?

    3 Leserempfehlungen
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    • H.v.T.
    • 04. Oktober 2012 17:31 Uhr

    "Höchstens weiß man dann doch ganz genau, ob es nun nochgehen wird, oder nicht.
    Oder liege ich admit falsch?"
    ---

    Mal abgesehen von der Erdbebenstärke, die darüber entscheidet, ob etwas ´hoch geht´, so sind Vorhersagen von Zeitpunkt und Qualität eines Erdbeben auch heute noch fast unmöglich. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten, aber selbst die lassen nur sehr bedingt Rückschlüsse darauf zu. Leider.

    • th
    • 04. Oktober 2012 18:26 Uhr

    Warnsignale noch genutzt werden.

    Beispiel: die Stadt Istanbul ist extrem erdbebengefährdet und baut deshalb ein Warnsystem auf. Auf die Frage, wozu das denn nütze, wenn die Warnzeiten nur Sekunden bis Minuten betragen, antwortete ein zuständiger Fachmann: in dieser Zeit könne man immer noch automatisch Gasleitungen und elektrische Leitungen absperren, auf Notgeneratoren umschalten etc.

    Ich weiss nicht, wie die Sicherheitssysteme in AKWs funktionieren - aber auch dort ist es denkbar, dass automatisch bestimmte Prozesse gestoppt werden, und auf ein Notfall-Regime umgeschaltet wird.

    Nach den Erfahrungen mit Fukushima würde dazu sicherlich ein Notkühlsystem für ausrangierte Brennstäbe gehören usw.

    Die Details überlasse ich den Ingenieuren. Ein grosses Erdbeben in der Nähe eines norddeutschen AKW gehört zu meinen geringsten Sorgen. Eine Flutwelle in der Elbmündung ist da schon eher denkbar.

    Im Oberrheingraben, im rheinischen Schiefergebirge und in der niederrheinischen Bucht sieht die Erdbebengefahr ganz anders aus ...

    Aber das zu bewerten gibt es Fachleute.

    • th
    • 04. Oktober 2012 18:27 Uhr

    Tsunami-sicher.

  3. 4. Klar !

    Die Betreiber von Atomkraftwerken müssen diese Werke versichern, das kann nicht der Staat (Steuerzahler), sondern muss letztendlich der Stromverbraucher bezahlen!
    Auch die Kosten der Endlagerung sind Kosten, die dem Produzenten ...und darüber hinaus dem Stromverbraucher aufgebürdet werden muessen. Es kann nicht der Steuerzahler diesen "Fehlgriff Atomkraftwerk" bezahlen, sondern derjenige der diesen Strom nutzt...
    ...der Markt wird dann schon das nötige dazu tun, dass wir sehr schnell keine Atomkraftwerke mehr haben.
    Die Gefahr und die Kosten der Endlagerung (mehrere Tausend Jahre) ist in keiner Stromkostenrechnung mit aufgelistet. Es war eine völlige Fehlentscheidung so etwas überhaupt zu genehmigen. Trotz allem: Die Stromproduzenten (und letztendlich ALLE Stromverbraucher müssen das bezahlen!

    2 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 04. Oktober 2012 17:31 Uhr

    "Höchstens weiß man dann doch ganz genau, ob es nun nochgehen wird, oder nicht.
    Oder liege ich admit falsch?"
    ---

    Mal abgesehen von der Erdbebenstärke, die darüber entscheidet, ob etwas ´hoch geht´, so sind Vorhersagen von Zeitpunkt und Qualität eines Erdbeben auch heute noch fast unmöglich. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten, aber selbst die lassen nur sehr bedingt Rückschlüsse darauf zu. Leider.

    Antwort auf "Verständnisfrage"
  4. kein Fussballstadion in Deutschland ist gegen einen Flugzeugabsturz gesichert!

    Müssen Windräder eigentlich auch stillgelegt werden wenn sie Vögel gefährden? Wasserkraftwerke abgschaltet werden wenn Fische aussterben?

    Fragen über Fragen.

  5. >> Genau diese völlige technische wie finanzielle Beherrschbarkeit ist doch der Grund, weshalb nunmehr die Bundesregierung aus der Kernkraft aussteigen will. >>

    Die Bundesregierung will nicht aus der Kernkraft aussteigen, so aus eigener Überlegenung und eigenen Antrieb, weil das ganze vielleicht doch nicht ganz so sicher ist wie behauptet, sondern weil die werte Bundesregierung im März 2011 auf den Mond gestiefelt worden wäre, wenn diese nicht wenigstens ein bisschen von ihren energiepolitischen Hazardkurs (vorherige Laufzeitverlängerung) abgewichen wäre!

    Wohin die dt. Atompolitik führt, wenn die hiesigen Parteien keinen permanenten Druck der Masse in ihrem Gesäß spüren, kann man anhand der Asse studieren...

    5 Leserempfehlungen
  6. Ich kann nicht erkennen dass die norddeutschen KKW in einer aktiven
    Erdbebenzone liegen. Wann war überhaupt das letzte große Erdbeben
    in Norddeutschland ??

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    Ja, doch. Es gibt Erdbeben in Norddeutschland. Und wo es kleinere gibt, kann es auch mal ein größeres geben:

    http://www.faz.net/aktuel...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Reuters, dpa
  • Schlagworte CDU | Europäische Union | AKW | Atomausstieg | Atomkraftgegner | Atomkraftwerk
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