Ein Dutzend Männer und Frauen sitzt auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, umringt von bunten Regenschirmen. Sie wärmen sich die Hände an heißem Tee. Es sind Flüchtlinge. Im Hintergrund strahlt die Sonne auf das Wahrzeichen Berlins . Touristen fotografieren erst das schmucke Tor, dann die hungernden Männer, die seit fünf Tagen keine Nahrung mehr zu sich nehmen.

Seit Anfang Oktober protestieren die Ayslbewerber in Berlin gegen die Residenzpflicht, der sie gesetzlich unterworfen sind. Flüchtlinge dürfen sich nur in einer bestimmten, ihnen zugewiesenen Region aufhalten. Zudem fordern die Protestteilnehmer die Abschaffung von Gemeinschaftsunterkünften und einen Abschiebestopp.

Im September waren 20 Demonstranten in Würzburg zu dem Protestmarsch in die Hauptstadt aufgebrochen. 28 Tage und fast 600 Kilometer waren sie unterwegs. Im Laufe des Marsches schlossen sich weitere Asylbewerber und Sympathisanten an.

Die Ehefrau zurückgelassen

Drei Wochen nach ihrer Ankunft in Berlin haben sie sich unter dem Namen Refugeecamp auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor zum Hungerstreik zusammengefunden. Seit sechs Tagen und Nächten protestieren die zwölf Männer gegen die Auflagen, denen sie sich als Asylsuchende in Deutschland fügen müssen. Auch der Wunsch, als politischer Flüchtling anerkannt zu werden, treibt einige von ihnen zum Protest.

Keyvan Shafice © Juliane Leopold/ZEITONLINE

Keyvan Shafice sagt, dass er aus dem Iran fliehen musste, weil er sich kritisch über die Regierung und den Einfluss der islamischen Religion auf die Politik äußerte. Seine Ehefrau ließ er zurück, als er im Dezember 2011 nach Deutschland kam. Aus Nürnberg lief er über Würzburg mit dem Marsch der Asylsuchenden nach Berlin. "Egal, was passiert. Das ist der letzte Punkt dieser Flucht", sagt er.

Was er sich erhofft? Politiker auf seine Lage und die aller Asylsuchenden aufmerksam zu machen, sagt er. Sein Sitznachbar Hamid Reza Mozadhi ergänzt: "Es ist wichtig, unsere Lage öffentlich zu machen. Wir wollen ein normales Leben."

Bewegungsfreiheit auf ein Bundesland beschränkt

Teil dieses normalen Lebens ist für die beiden, selbst entscheiden zu können, wo sie sich aufhalten. Die Residenzpflicht verhindert das. Seit 2010 ist die Residenzpflicht zwar gelockert . In Sachsen-Anhalt , Schleswig-Holstein , Nordrhein-Westfalen , Niedersachsen , Baden-Württemberg , Mecklenburg-Vorpommern , Berlin und Brandenburg dürfen sich Asylsuchende im ganzen Land bewegen, ohne dafür eine Genehmigung zu brauchen.

Doch abgesehen von Berlin und Brandenburg, wo auch grenzübergreifendes Reisen erlaubt ist, bleiben die Asylsuchenden in ihrer Bewegungsfreiheit auf ein Bundesland beschränkt.

Zufrieden registrieren die Protestierenden, dass auch Berliner und andre Passanten sie hier am Brandenburger Tor unterstützen. Über Twitter werden Aufrufe verbreitet, den Protestierenden Decken und wärmende Getränke zu bringen. Zumindest von den Decken haben die Demonstrierenden wenig. Die Polizei sammelt sie ein, genau wie Isoliermatten, Schlafsäcke und Sitzunterlagen aus Pappe, denn die Veranstaltung ist als Mahnwache angemeldet. Das bedeutet, dass dort nichts benutzt werden darf, was dem Übernachten dient. Das ginge nur, wenn die Veranstaltung eine Sondernutzungserlaubnis hätte. Die hat das Bezirksamt Mitte aber nicht erteilt.

Für die Protestierenden bedeutet das, die Kälte der Nacht auf den blanken Steinen zu erleben. Derzeit herrscht Nachtfrost in Berlin. Aus Sicht der Polizei wird das Versammlungsrecht geschützt und nicht geschwächt, indem sie diese Auflagen durchsetzt. Anke Domscheit-Berg, die für die Piratenpartei 2013 in den Bundestag will, sieht das anders. Am Brandenburger Tor will sie Solidarität mit den Protestierenden zeigen. "Die Polizei nutzt ihren Ermessenspielraum nicht", sagt sie. "Das ist Schikane."