Gentechnik, Atomkraft, Donauausbau, Griechenlandhilfe und jetzt – die Studiengebühren. Die sowieso schon lange Liste mehr oder weniger abrupter CSU-Schwenks ist seit dieser Woche um einen Eintrag gewachsen. Unter Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer , dessen politisch-ideologische Wendigkeit besonders stark ausgeprägt ist, hat die CSU ihre erstaunliche Anpassungsfähigkeit zur Perfektion gebracht. Man kann es Pragmatismus, Flexibilität und Realitätssinn nennen. Oder Opportunismus.

Auslöser war diesmal der spektakuläre Sieg, den die Freien Wähler am Montag vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof errungen haben. Die Richter erklärten das von der Partei angestrebte Volksbegehren gegen Studienbeiträge für verfassungsgemäß und stellten sich damit gegen den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann. Der hatte argumentiert, das Volksbegehren sei unzulässig, weil die Verfassung Plebiszite über Haushaltsfragen verbiete. Bei der Landtagswahl im kommenden Jahr wollen die Freien Wähler zusammen mit SPD und Grünen die CSU von der Macht verdrängen. Ein schwieriges, angesichts der zumindest in Umfragen wieder erstarkten CSU, möglicherweise aussichtsloses Unterfangen.

Der Jubel der Opposition war noch nicht verklungen, da begann es in der CSU-Landtagsfraktion zu rumoren. Am Dienstagabend stellte Fraktionschef Georg Schmid die "Unimaut" zur Disposition. Es sei eine neue Situation entstanden, jetzt wolle man die Frage "ergebnisoffen" diskutieren .

Die CSU ist nicht zu fassen

Ergebnisoffen – so klang es auch nach der Atomkatastrophe von Fukushima aus der CSU. Heute ist die Kernkraft, die die Partei unter dem erklärten Atom-Fan Franz Josef Strauß und seinen Nachfolgern stets für unverzichtbar erklärt hatte, Geschichte.

Wenn man die CSU über Jahre beobachtet, drängt sich das Bild eines Chamäleons auf. Sie passt sich wechselnden Umgebungen blitzschnell an, ändert ihre Farbe, wird unsichtbar, ist jedoch immer präsent und behält alles fest im Blick.

Ihre politischen Gegner bringt sie mit dieser Taktik zur Weißglut. Themen, die sie gerade noch als potenziell kampagnentauglich identifiziert hatten, zerbröseln den verzweifelten Parteistrategen von SPD, FDP , Grünen und Freien Wählern zwischen den Fingern. Die CSU ist nicht zu fassen.

Weil die Partei in Jahrzehnte langer Alleinherrschaft den bayerischen Freistaat mit einem Kapillargewebe bis in die letzte subkommunale Verästelung durchdrungen hat, merken ihre zahllosen Vertreter sehr viel früher als die Konkurrenz, wenn sich der Wind in der Bevölkerung zu drehen beginnt. Und weil in der CSU die eigene Basis im Zweifelsfall eher wenig zu melden hat, wird oft schlagartig umgesteuert. Die neuen Positionen werden nun mit der gleichen Inbrunst verteidigt, wie das, was man vordem noch verteufelt hatte.