Fraport-FluglärmDas Wutbürger-Würfeln

In Rheinland-Pfalz herrscht Frust, seitdem Flugzeuge aus Frankfurt über den Norden des Landes umgeleitet werden. Will Schwarz-Gelb in Hessen seine Wähler schonen? von 

Über den Wolken, behauptet deutsches Liedgut, sei die Freiheit grenzenlos. Das stimmt in der föderalen Republik nur zum Teil: Flugzeuglärm hält nicht an den Landesgrenzen an. Nur im Umgang damit grenzen sich Landesfürsten gern voneinander ab.

Jüngstes Beispiel: die Südumfliegung des Frankfurter Flughafens. Der liegt in Hessen, doch die Flugroute führt über das rheinland-pfälzische Rheinhessen. Neuerdings schickt die Deutsche Flugsicherung (DFS) auch die lauten Maschinen der Kategorien "Heavy" und "Super", das sind zum Beispiel die Boeing 747 und der Airbus A380, auf die Route über dem Nachbarland.

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Die Flugsicherung begründet die Umleitung mit Sicherheitsaspekten: Wenn auf der neuen Nordwestbahn des Frankfurter Airports ein Flieger durchstarten müsse, würden so Kollisionen vermieden. Weil die Zahl der Starts und Landungen in Frankfurt wächst, sollen von etwa 2016 an alle Maschinen, die Richtung Westen und Norden starten, die Südumfliegung nutzen – bis zu 50.000 Flugzeuge im Jahr.

Viele Rheinland-Pfälzer vermuten dagegen ein ganz anderes Motiv: Die schwarz-gelbe hessische Landesregierung nehme Einfluss auf die DFS, um mit der Umleitung über das rot-grüne Nachbarland ihre eigenen Wähler vom Lärm zu entlasten. Schließlich haben CDU und FDP seit der Erweiterung des Flughafens den Unmut nicht nur altgedienter Umweltschützer am Hals – auch bürgerliche Airport-Anrainer sind erregt.

Hessens wirtschaftliches Interesse am Flughafen ist groß: Regierungspolitiker betonen gern, dass von dem Airport jeder zehnte Arbeitsplatz in der Region direkt oder indirekt abhängig sei. Das Land ist zudem mit knapp 32,5 Prozent am Flughafenbetreiber Fraport beteiligt und kassiert entsprechend Dividende. Auch die Stadt Frankfurt hält über ihre Stadtwerke-Holding gut 20 Prozent.

Die Regierung von Rheinland-Pfalz lässt nun in der Mainzer Oberstadt den Lärm messen. Zwei von ihr in Auftrag gegebene Gutachten empfehlen alternative Routen. Sie allerdings würden über den hessischen Taunus führen – und dort, so lästern Rot-Grüne, liegen die wohlhabenden Speckgürtel-Kommunen, in denen hessische CDU und FDP besonders viele Wähler haben.

Der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD) glaubt, dass die Südumfliegung zumindest jetzt noch nicht nötig wäre. Er hatte schon im Sommer seinen hessischen Amtskollegen, Wirtschafts- und Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP), für die aus seiner Sicht zu vielen Ausnahmegenehmigungen vom Nachtflugverbot kritisiert – eine Belastung auch für Rheinland-Pfalz.

Rentsch reagierte angefressen. Hessische Bürger litten ja auch unter Nachtflügen vom rheinland-pfälzischen Flughafen Hahn, schrieb er Lewentz zurück, weil es dort gar kein Nachtflugverbot gebe. "In diesem Zusammenhang darf ich Sie bitten, vorrangig in Ihrem Verantwortungsbereich Lärmminderung zu betreiben." Lewentz konterte, Rentsch vergleiche Äpfel mit Birnen. Der ehemalige Militärflughafen liegt tief im dünn besiedelten Hunsrück, und während Frankfurt 2011 fast eine halbe Million Flugbewegungen verzeichnete, waren es auf dem Hahn knapp 33.000.

Leserkommentare
  1. Kommt nur drauf an, welches Land reicher ist.

    Über den Taunus wird mit Sicherheit gar nichts fliegen. 1. NATUR (werden die Taunusianer brüllen), 2. haben die Leute dort mehr Geld als die lärmgeplagten Leute in Rheinland-Pfalz.

    Das gibt jetzt nur wieder über Jahre ein Ge- und Zerrede ohne wirkliche Lösung. Allenfalls wird verschlimmbessert, mehr aber auch nicht.

    Und über Wiesbaden wird sicherlich nicht "noch mehr" geflogen, da trinken unsere Minister täglich ihren Kaffee (und versuchen sich in Politik).

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  2. Ich schaue aus dem Fenster und sehe mindestens alle 5 Minuten ein schönes Flugzeug von unten. Sieht spektakulär so groß und nahe. Aber die Lautstärke ist einfach unmenschlich. Mit geschlossenen Fenster und Musik im Zimmer, höre und fühle das Brummen jedes mal.

    Es ist unglaublich wie sehr Gesundheitsaspekte hier unter den Teppich gekehrt werden. Wenn unsere Kinder in der Schule nichts lernen, weil sie abends, nachts und morgens nicht schlafen können und der Unterricht nur bei geschlossenem Fenster stattfinden kann, dann werde die Rechnung in ein paar Jahren auch bekommen.

    Das kurzfristige Denken ist ja modern, aber ich werde es nicht unterstützen. Ich persönlich werde kein Flugzeug mehr nutzen!

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  3. Über den Taunus fliegt nicht "gar nichts", sondern jede Menge. Genauso wie über Wiesbaden.

    Eigentlich sind diese Flugrouten nicht geheim. Darüber kann man sich problemlos informieren. Ganz massiv lärmbelastet ist seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn der Lerchesberg. Wo bisher überwiegend CDU gewählt wurde. Falls man also Klientelpolitik betreiben möchte, hat man sich dort ziemlich vertan.

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    • TDU
    • 15. Oktober 2012 15:48 Uhr

    Das ist durchaus möglich. In meiner Region hat auch mal die CDU Regierung die, übrigens tiefer liegende und vom Flughafen entferntere, Kreisstadt entlastet mit der Begründung, auf der anderen Route seien weniger Menschen betroffen.

    So schlimm isses nicht, aber die Begündung ist schon eine merkwürdige Auslegung des demokratischen Mehrheitsprinzips. Und analog kann man vielleicht auf Strompreissenkung hoffen, wenn die Quote der Normal- bis Geringverdiener und Hartz IV Empfänger 50% der erwerbsfähigen Bevölkerung erreicht hat

    2 Leserempfehlungen
    • thwe74
    • 15. Oktober 2012 15:58 Uhr

    Ich sehe seit langer Zeit mit Sorge in diversen Online-Foren, wie hier immer wieder versucht wird, Anwohner, die sich u.a. auch engagieren in Lärmschutzgruppen, mit möglichst heftigen Kommentaren mundtod bzw. lächerlich zu machen.

    Einige der meisten genannten Argumente sid hier immer wieder:
    "Der Flughafen war zuerst da"
    "Ihr wusstest doch wo ihr hinzieht"
    "Haut doch ab"
    etc.
    (Man munkelt, das hier Fans und Betreiber der Flughäfen selbst fleissig mitkommentieren).

    Wie wir allerdings an diesem Artikel sehr schön sehen können ist, das es eigentlich relativ egal ist, wo man im Umfeld eines Flughafens wohnt. Je nach weiterem Ausbau desselben (eher selten) bedarf es anscheinend nur gewisser "Eingriffe", das mal eben seitens Betreiber, DFS und Politik die Flugrouten geändert werden können. Von den Betriebszeiten nicht zu schweigen.

    Die, die gestern noch Glück hatten, können theoretisch morgen betroffen sein. Siehe z.B. auch die im letzten Moment geänderten Routen für Schönefeld. Bis auf die, die sowieso unmittelbar direkt vor der Schneise legen und am meisten betroffen sind, können eigentlich auch alle anderen mal drankommen. Man kann froh sein, das die Startbahnen nicht noch automatisch gedreht werden können;-)

    Ich denke das aller Globalisierungs-Jubleien zum Trotz die Thematik Flughafen und Anwohner dauerhaft nur durch eine radikale Lärmminderung bei den Flugzeugen oder durch ein Gesundschrumpfen bei den Flugbewegungen auf ein normales Maß lösbar ist.

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    • JLSorel
    • 15. Oktober 2012 16:02 Uhr
    6. Nun..

    Ich weiß nicht, ob der werte Autor jemals live eine 380 hat fliegen sehen oder sogar mit ihr geflogen ist, jedenfalls wüsste er dann, dass sie zu den leisesten Flugzeugen überhaupt gehört, also kaum für Fluglärm verantwortlich zu machen ist. Bei der neuen 747-830 der LH dürfte es sich ähnlich verhalten.

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    dir mal live eine eine startende 380 im Mainzer Süden anzuhören. Wenn Du draußen bist ist eine Unterhaltung nicht mehr möglich. Selbst drinnen bei geschlossenem Fenster musst Du noch die Stimme heben wenn Du dich unterhalten möchtest.

    Es hilft wenig, dass die modernen Flugzeuge im Vergleich zu den alten Modellen leiser sind. Aufgrund des enormen Gewichts kommen diese Maschinen nur langsam nach oben und so röhrt der 380 hier mit einem Höllenlärm den Rhein rauf Richtung Norden.

    Nur ein Vogel macht noch mehr Lärm als die 380. Die 747. Das ist aber kein Trost für die Betroffenen.

    • Hickey
    • 16. Oktober 2012 12:48 Uhr

    in welche Richtung wird am meisten Lautstärke abgegeben.

    Es ist schön wenn sie schon mit einem A380 geflogen sind, aber noch keinen 100m über ihr Haus haben fliegen hören.

    Im Grunde stimmt ihre Aussage, der neue A380 ist definitiv im Innenraum sehr viel leiser als alte Flugzeuge.(u.a. bessere Dämmung)

    Trotz des Unmuts von Flughafenanwohnern kann ich nur empfehlen dort wegzuziehen.

    Die Welt ist groß und bietet noch genug Platz für jeden.

    mfg

    • pacific
    • 15. Oktober 2012 16:04 Uhr

    Ich wohne seit November 2011 unter der Einflugschneise des Münchner Flughafens und habe mich mittlerweile an die Flugzeuge gewöhnt.

    Es ist komisch, dass in anderen Ländern Menschen unter Einflugschneisen leben, ohne krank zu werden - und die allermeißten Studien zu Krankheiten etc. im Meckerland Deutschland zu finden sind!

    Ich finde es unglaublich, wie in einem modernen Industriestandort wie Deutschland - so viele Menschen nicht begreifen, dass Mobilität und Flugindustrie ein Pfeiler unseres Wohlstands sind und an ihrem eigenen Ast sägen.

    Jeder, der gegen Fluglärm demonstriert sollte lebenslanges Flugverbot kriegen - diese heuchelei gegen Flughafenerweiterungen zu demonstrieren und gleichzeitig per Flugzeug in den Urlaub zu fliegen finde ich unerträglich.

    Von mir aus sollen die Flughäfen noch weiter gegängelt werden und Deutschland viele Arbeitsplätze verlieren - wer den Ast absägt auf dem er sitzt ist selber schuld!

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    Zitat: "Es ist komisch, dass in anderen Ländern Menschen unter Einflugschneisen leben, ohne krank zu werden - und die allermeißten Studien zu Krankheiten etc. im Meckerland Deutschland zu finden sind!"

    Was daran finden Sie komisch? Ich welchen Ländern sind denn die Menschen immun gegen Fluglärm?
    Diese Pauschalisierungen gehören hier nicht hin. Es ist zwar schön, dass Sie sich an Ihren Fluglärm gewöhnt haben, aber zu verlangen, dass das jeder Bürger hinnehmen muss, ist einfach nur dreist.

    Und wer montags gegen Fluglärm demonstriert, fliegt mit Sicherheit nicht Dienstag mit dem Flugzeug in Urlaub.

    was Du als Gewöhnung bezeichnest ist die Tatsache, dass Du den Lärm nicht mehr so bewusst wahrnimmst. Aufgrund der ständigen Beschallung leiten die Wahrnehmungsfilter den Reiz irgendwann nicht mehr vollständig an das Bewusstsein weiter.

    Tatsächlich ist der Lärm aber genauso vorhanden wie vorher und dieser löst auch genauso Stress aus wie vorher. Lärm ist immer ein Alarmsignal. Deswegen werden wir auch auch vom Unterbewusstsein geweckt, wenn wir während des Schlafs einem lauten Geräusch ausgesetzt werden.

  4. Wir sind vor einigen Jahren aus Mainz-Laubenheim vor dem Lärm der landenden Flugzeuge 5km Richtung Süden gezogen. Bis dahin noch relativ ruhig.

    Aber wer rechnet damit, dass 2 Jahre später der Norden im Süden umflogen wird?
    Wer sich die Route mal anschaut stellt schnell fest:

    Es gibt keine andere Abflugroute mit der man noch mehr noch mehr Anwohner mit erheblichem Fluglärm treffen würde.

    Aufgrund der engen Kurve gewinnen die Flieger auch wenig an Höhe. Wir hören jetzt permanent das Röhren einer 747 oder einem 380. Das ist so laut, dass man bei geschlossenem Fenster die Stimme heben muss um noch miteinander reden zu können.

    Unser Fazit: Wir hauen ab und verlassen das Rhein-Main Gebiet. Mit dem Flughafenausbau ist die Rhein-Main Region unbewohnbar geworden. Es gibt auch keine Sicherheit, denn morgen werden wieder die Flugrouten geändert und dann ist man voll dabei.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CDU | FDP | Airbus | CSU | Jochen Riebel | SPD
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