Richtige Sympathieträger sind die paar Demonstranten nicht, die da bei Wind und Regen vor der altehrwürdigen Berliner Urania stehen. Ich denke mir: Ein etwas differenzierterer Empörungscharme würde solchen Aktionen einfach gut tun, nicht die ewige Rassismuskeule. Das Häuflein Demonstranten ist angerückt, um gegen Heinz Buschkowsky zu protestieren, der am Donnerstagabend vor ausverkauftem Haus sein Buch Neukölln ist überall vorstellt. 

Drinnen ist die Stimmung aufgekratzt. Selbst in der Hauptstadt ist es offenbar ein Abenteuer, wenn sich der interessierte Bürger für eine Sachbuchpräsentation an aufgebauten Polizisten vorbei schlängeln muss, hinter sich die Parolen der wenigen Demonstranten und Schilder wie "Rassismus ist überall!". Schließlich schreibt der SPD-Bürgermeister über gescheiterte Integration und Integrationswilligkeit in seinem Bezirk.

"Allet voller Security hier"

Es gibt Gäste, die ein bisschen wie die letzten Vertreter der politisch unverdächtigen Hans-Dieter Hüsch-Generation aussehen. Warum sind sie hier? Aus kritischer Haltung? Man kann sich täuschen, gerade in dieser Generation gibt es viel Frustration. Linker Hand von mir fläzt einer, der wohl auch mal gucken kommen wollte, die notorische Berliner Schnauze mit Handy am Ohr: "Allet voller Security hier!" Hinter mir ein aufgekratztes Grüppchen Frauen, als kämen gleich die Chippendales. Eine ist Türkin, wie ich erfahre. Die drei arbeiten bei einem sozialen Träger. Warum seid Ihr hier? "Wir erleben und sehen das Elend ja tagtäglich." Fühlt sich die Türkin angegriffen von Buschkowsky ? Nein, eigentlich nicht.

Dass an diesem Abend Applaus zu erwarten ist, dessen scheinen sich die Veranstalter sicher. Bei der Begrüßung heißt es hämisch, der Regen hätte wohl viele Demonstranten vom Erscheinen abgehalten. Und weiter, mit Ausrufezeichen: Selbstverständlich würde die Urania Heinz Buschkowsky "ein Podium bieten". Das Haus sei "ein Ort der Argumente und nicht der Transparente". Auch die Sprecherin vom Ullstein-Verlag sieht keinen Grund für Understatement:  Die FAZ habe geurteilt , das Buch sei "ein hoch aufregender, politischer Zustandsbericht". Das SZ -Lob war so schnell nicht mitzuschreiben.

"Bist Du reich? Was hast Du für ein Auto?"

Alles in allem sieht man sich auf der sicheren Seite. Weil die Veranstalter dann aber irgendwie doch nicht mit 800 Gästen diskutieren können oder wollen, führt die Journalistin Güner Balci durch den Abend. Balci will wissen, was die Kinder den Bürgermeister so fragen. Doch sicher, wie das früher gewesen sei in Neukölln , denn von der wechselhaften Bezirksgeschichte handelt auch ein Kapitel in seinem Buch. Sicher nicht, antwortet Buschkowsky. Es kämen für gewöhnlich drei Fragen: "Bist Du reich? Was hast Du für ein Auto? Was hast Du für ein Handy?" Bei den Details sei meist die Aufmerksamkeitsgrenze erreicht.

So wird das Buschkowsky-Thema "gescheiterte Integrationspolitik " abgearbeitet. En détail, das ist ja die große Stärke des Politikers. Dass es nicht sein kann, dass ein muslimischer Schlüsseldienst zuerst beim Imam anrufen muss, bevor er eine Tür öffnet. Dass muslimische Mädchen keinen Sport treiben dürfen. Dass auf einer arabischen Boutique eine Werbe-Sure stehe, die Züchtigkeit und Unterordnung propagiert. Dass die Vielehe eine Renaissance erlebe. In Neukölln dächten über 50 Prozent Kinder, das Geld komme vom Amt. Im Brandbrief der Rütli-Schule, der 2006 für einen riesigen Skandal sorgte, erklärten die Lehrer, ihre Schüler seien die einzigen in der Familie, die morgens überhaupt aufstünden. Buschkowskys Lieblingswort ist der "Kulturrelativismus", den es bei der Lagebeurteilung zu bekämpfen gilt. Dazu passt das Demonstrantenschild draußen: "Ich bin keine Importbraut".