Lesung "Neukölln ist überall"Buschkowsky kann keiner kommen

Rassismus-Keule und ein Gefühl wie bei den Chippendales: Der Neuköllner Bürgermeister liest in Berlin aus seinem Buch. Relativierungen kennt er nicht. von Katharina Schmitz

Richtige Sympathieträger sind die paar Demonstranten nicht, die da bei Wind und Regen vor der altehrwürdigen Berliner Urania stehen. Ich denke mir: Ein etwas differenzierterer Empörungscharme würde solchen Aktionen einfach gut tun, nicht die ewige Rassismuskeule. Das Häuflein Demonstranten ist angerückt, um gegen Heinz Buschkowsky zu protestieren, der am Donnerstagabend vor ausverkauftem Haus sein Buch Neukölln ist überall vorstellt. 

Drinnen ist die Stimmung aufgekratzt. Selbst in der Hauptstadt ist es offenbar ein Abenteuer, wenn sich der interessierte Bürger für eine Sachbuchpräsentation an aufgebauten Polizisten vorbei schlängeln muss, hinter sich die Parolen der wenigen Demonstranten und Schilder wie "Rassismus ist überall!". Schließlich schreibt der SPD-Bürgermeister über gescheiterte Integration und Integrationswilligkeit in seinem Bezirk.

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"Allet voller Security hier"

Es gibt Gäste, die ein bisschen wie die letzten Vertreter der politisch unverdächtigen Hans-Dieter Hüsch-Generation aussehen. Warum sind sie hier? Aus kritischer Haltung? Man kann sich täuschen, gerade in dieser Generation gibt es viel Frustration. Linker Hand von mir fläzt einer, der wohl auch mal gucken kommen wollte, die notorische Berliner Schnauze mit Handy am Ohr: "Allet voller Security hier!" Hinter mir ein aufgekratztes Grüppchen Frauen, als kämen gleich die Chippendales. Eine ist Türkin, wie ich erfahre. Die drei arbeiten bei einem sozialen Träger. Warum seid Ihr hier? "Wir erleben und sehen das Elend ja tagtäglich." Fühlt sich die Türkin angegriffen von Buschkowsky ? Nein, eigentlich nicht.

Dass an diesem Abend Applaus zu erwarten ist, dessen scheinen sich die Veranstalter sicher. Bei der Begrüßung heißt es hämisch, der Regen hätte wohl viele Demonstranten vom Erscheinen abgehalten. Und weiter, mit Ausrufezeichen: Selbstverständlich würde die Urania Heinz Buschkowsky "ein Podium bieten". Das Haus sei "ein Ort der Argumente und nicht der Transparente". Auch die Sprecherin vom Ullstein-Verlag sieht keinen Grund für Understatement:  Die FAZ habe geurteilt , das Buch sei "ein hoch aufregender, politischer Zustandsbericht". Das SZ -Lob war so schnell nicht mitzuschreiben.

"Bist Du reich? Was hast Du für ein Auto?"

Alles in allem sieht man sich auf der sicheren Seite. Weil die Veranstalter dann aber irgendwie doch nicht mit 800 Gästen diskutieren können oder wollen, führt die Journalistin Güner Balci durch den Abend. Balci will wissen, was die Kinder den Bürgermeister so fragen. Doch sicher, wie das früher gewesen sei in Neukölln , denn von der wechselhaften Bezirksgeschichte handelt auch ein Kapitel in seinem Buch. Sicher nicht, antwortet Buschkowsky. Es kämen für gewöhnlich drei Fragen: "Bist Du reich? Was hast Du für ein Auto? Was hast Du für ein Handy?" Bei den Details sei meist die Aufmerksamkeitsgrenze erreicht.

So wird das Buschkowsky-Thema "gescheiterte Integrationspolitik " abgearbeitet. En détail, das ist ja die große Stärke des Politikers. Dass es nicht sein kann, dass ein muslimischer Schlüsseldienst zuerst beim Imam anrufen muss, bevor er eine Tür öffnet. Dass muslimische Mädchen keinen Sport treiben dürfen. Dass auf einer arabischen Boutique eine Werbe-Sure stehe, die Züchtigkeit und Unterordnung propagiert. Dass die Vielehe eine Renaissance erlebe. In Neukölln dächten über 50 Prozent Kinder, das Geld komme vom Amt. Im Brandbrief der Rütli-Schule, der 2006 für einen riesigen Skandal sorgte, erklärten die Lehrer, ihre Schüler seien die einzigen in der Familie, die morgens überhaupt aufstünden. Buschkowskys Lieblingswort ist der "Kulturrelativismus", den es bei der Lagebeurteilung zu bekämpfen gilt. Dazu passt das Demonstrantenschild draußen: "Ich bin keine Importbraut".

Leserkommentare
  1. weil, er "versteht" seinen Kiez.
    Da kann man doch nochmal ein Buch drüberschreiben.

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    wüsste er das sein Kiez auch vor den Gastarbeitern kein edles Viertel war. Mittlerweile gibt es ja wenigstens wieder ein Geschäftsleben dort.

    Tut mir leid, aber jeder Streetworker in Berlin hat mehr Ahnung von den Problemen im Kiez als der Bürgermeister der in einer völlig anderen Welt lebt. Nur weil er ab zu zu mit Stern Tv durch den Kiez läuft heißt das noch lange nicht das er die Menschen versteht , geschweige denn die Situation richtig einschätzen könnte. Was ist denn mit den ganzen Stadteilen in Osterberlin die voll von Plattenbauten sind ?
    Sind die Abitur oder Hartz4 Quoten da signifikant besser obwohl da kaum Ausländer leben ?
    Die Wahrheit ist doch das die Integration immer besser wird, aber unsere Gesellschaft in vielen Bereichen noch in der Vergangenheit lebt. Gerade was Schule oder gesellschaftliche Chancen angeht. In keinem Land in der EU gibt es weniger Chancengleichheit. Den Mittelstands- und OBerschichtskinder wird das Abitur mit 3Millarden Euro ,für Nachhilfe pro Jahr, gekauft. Die Lehrmethoden sind lächerlich und veraltet.

    >> ein ehrlicher mann für ehrliche leute weil, er "versteht" seinen Kiez. >>

    Buschkowksy ist der ideale politische Vertreter für alle "glücklichen Sklaven" des Klein(st)-Bürgertums.

    Sein Auftritt bei "Maischberger" war da letztens sehr instruktiv:
    Er verwies auf das Roma-"Problem", schilderte deren aktives Sozialleben, deren Gemeinschaftsgefüge, deren Feiern und Feste - kurz deren Lebensfreude und Geselligkeit.
    Was - sinngemäß - natürlich zu Neid führen müsse, denn schließlich hätten die meisten Mitbürger ja keine Zeit zu LEBEN und müssten stattdessen einer (meist wahrsch. prekären) Erwerbsarbeit nachgehen...

    Das zeigt - ungeachtet tatsächlicher Probleme mit Roma, genau das Problem in der Einstellung (gerade) vieler Sozen:
    Die Unterordnung von Lebendigkeit und Lebensfreunde unter die alleinseeligmachende Erwerbsarbeit, das funktionieren des Menschrädchens in der großen Staatsmaschine.

    Die wollen die gesellschaftlichen Zustände gar nicht ändern, in dem Sinne, dass alle Menschen in dieser ein schönes Leben führen können, nein.
    Die wollen nur alle Menschen in die Zwänge und Zumutungen der modernen, durchökonomisierten Gesellschaft führen.
    Und wer da aussteigt, oder rausfällt, der darf nicht glücklich sein.
    Als Abschreckung für alle jene, die noch im Hamsterrad sind...

    Aus dieser Motivation erscheint dann auch der verhartzte Gängelapparat der Sozialbürokratie nicht wie ein Versehen, sondern wie Kalkül:
    http://www.krisis.org/199...

    Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

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    • Smiteos
    • 05. Oktober 2012 12:52 Uhr

    Persönlich finde ich solch einen relativierenden Satz zum Schluss ( "Eine der Chippendale-Damen meinte beiläufig, am schlimmsten seien ja die Deutschen in Neukölln.") völlig unnötig!

    Jeder Mensch weiß doch, dass es auch den deutschen Bildungsverweigerer gibt, der sich morgens bei Aldi seinen 6er Karlskrone kauft, dann zuhaue Vormittags-Verblödungssendungen auf den gängigen Privatsendern guckt, und zwischendurch mal wen auf der Straße anpöbelt, von dem er sich schief angeguckt fühlt ( davon haben wir hier in Köln so manche )

    Aber finden Sie nicht, Frau Schmitz, dass Herr Buschkowski statt dessen darüber ein Buch geschrieben hätte, wenn er das für das größere Problem halten würde? Würde mich schon interessieren. Freundliche Grüße

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    Aber finden Sie nicht, Frau Schmitz, dass Herr Buschkowski statt dessen darüber ein Buch geschrieben hätte, wenn er das für das größere Problem halten würde?

    Meine Meinung: Er will Geld verdienen !

    • amandaR
    • 05. Oktober 2012 12:52 Uhr

    wünsche ich mir in Bezug auf das Thema "Integration". Ich lebe in Offenbach am Main und finde hier vieles von dem vor, was Herr Buschkowsky schildert.

    Leider gleicht es immer noch einem Tabubruch in Deutschland, Tatsachen über "Integration" einfach auszusprechen und dieses Herumgeeiere macht es so schwierig, die Integration so zu gestalten, dass sie sowohl für Migranten wie das Land positiv verlaufen kann.

    Man kann nicht immer nur "Rassismus" schreien, wenn jemand einfach mal die Dinge so schildert, wie sie sind. Im Übrigen ist Rassismus keine Einbahnstrasse - auch bei Migranten finden sich eine Menge rassistischer Einstellungen und Verhaltensweisen.

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    Spricht Herr Buschkowsky in seinem Buch auch die Rolle der Medien, insbesondere des Privatfernsehens an? Schon mal was von Jersey Shore gehört?

    http://www.youtube.com/wa...

    Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich behaupte nicht, das Privatfernsehen sei alleine für die Integrationsprobleme verantwortlich, aber klar ist m.E., dass Medienkonsum einen Teil der Sozialisation junger Menschen darstellt und daher Einfluss auf ihr Verhalten hat. Bevor man also anfängt alle Verfehlungen Jugendlicher auf den Islam zu schieben, sollte man sich erstmal anschauen, womit das TV die Jugendlichen "füttert".

    • 2CV
    • 05. Oktober 2012 15:38 Uhr

    Ähm, also, ich verstehe nicht, Sie meinen Rassismus ist doch ok, weil die anderen ja auch rassitisch sind? Was denn nun??

  3. "Was tun? Buschkowski setzt auf Bildung, das kann man getrost als Fortschritt betrachten. Noch vor ein paar Jahren hätte er vielleicht Ausweisung gepredigt?"

    Hat er das getan oder ist das üble Nachrede?

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    • Mmblfrz
    • 05. Oktober 2012 13:04 Uhr

    sowieso doch schon längst überall. In D. leben ca 7 Mio. Ausländer.Mit den allermeisten gibt es keinerlei Probleme. Wenn dies kein Multi Kulti ist! Wenn wir wirklich große Probleme mit dem Zusammenleben hätten, ging es in D. aber noch mal ganz anders zu. Dann wäre ganz D ein "Problembezirk". Der Begriff Multi Kulti ist doch nur deshalb in Verruf geraten, weil wohlmeinende Deutsche glaubten, um des lieben Friedens willen, teilweise gesetzeswidriges oder intolerantes Verhalten von Ausländern verharmlosen zu müssen. Auch jede Diskussion darüber steht unter einem gewissen ausländerfeindlichen oder rassistischen Generalverdacht.Das ist naiver und dummer "Multi Kulti". Den braucht wirklich niemand.Der echte ist schon längst da..Wobei ich nicht so naiv bin zu glauben, dass es hier auch auf deutscher Seite noch das eine oder andere zu tun gäbe..

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  4. "Balci will wissen, was die Kinder den Bürgermeister so fragen. (...) Es kämen für gewöhnlich drei Fragen:
    "Bist Du reich? Was hast Du für ein Auto? Was hast Du für ein Handy?" "

    Familienvermögen, Automarke, Handymarke?

    Das sind doch genau die Sachen, die die Kids vom Starnberger See interessieren, wenn sie jemand Neues kennenlernen! :-P

    20 Leserempfehlungen
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    Ich kenne keine und meine Vermutung wäre das die über Handys und Autos nicht reden, weil Dinge die einfach da sind nicht viel Gesprächsstoff abgeben.

    Abgesehen davon dürfte es der Lösung real existierender Probleme kaum förderlich sein relativistische Vergleiche zwischen Neukölln und Deutschlands zweitreichster Gemeinde zu ziehen.

  5. 8. [...]

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  • Schlagworte Heinz Buschkowsky | Ganztagsschule | Rütli-Schule | Neukölln | Berlin
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