"Wo kommen Sie her?" – eigentlich eine ganz einfache Frage. Doch Deutsche mit Migrationshintergrund suchen oft ein Leben lang nach einer adäquaten Antwort, weil sie selbst nicht genau wissen, was ihre Heimat ist und ob sie überhaupt eine haben. Diese Suche wird ihnen in Deutschland manchmal schwer gemacht. Am Donnerstagabend sprachen Rita Süßmuth ( CDU ), die Autorinnen Irena Brežná und Khuê Pham (ZEIT), die Wissenschaftlerin Naika Foroutan und die Journalisten Jörg Lau (ZEIT) und Alan Posener (WELT) beim Berliner Integrationsforum fast vier Stunden darüber, wie es ist, deutsch und gleichzeitig fremd zu sein. Gibt es ein Recht aufs Anderssein, eine Pflicht zum Deutschsein, wenn man hier lebt? Und was ist in der Debatte in den vergangenen Jahren schiefgelaufen?

Die Diskussion über Integration in Deutschland hat sich verschärft und ist zugleich oberflächlich geblieben. Beschneidungshysterie und NSU-Schock , Buschkowksy-Getöse und Sarrazin-Provokationen ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Mit den Betroffenen selbst wird wenig über ihre alltäglichen Integrationsprobleme gesprochen – sie gelten noch immer als "das Andere".

Das gilt in besonderem Maße für die hier lebenden Muslime, selbst für diejenigen mit deutschem Pass. Ein Team um die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hat jetzt 50 Interviews mit diesen deutschen Muslimen geführt, um sie selbst zu Wort kommen zu lassen – und vor allem, um mehr über ihre schwierige Suche nach der eigenen Identität zu erfahren. Darüber, wie ihnen die Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft bei der Selbstfindung zu schaffen macht. Das Projekt mit dem Titel Heymat zeigt: Viele deutsche Muslime fühlen sich auch deshalb in Deutschland fremd, weil sie zu Fremden und Unerwünschten erklärt werden. 46 Prozent der Deutschen finden, hierzulande würden längst zu viele Muslime leben. Die so Abgelehnten hängen zwischen ihren verschiedenen Identitäten: Als Deutsche, als Muslime, als Kinder der Herkunftsländer ihrer Eltern oder Großeltern. "Hybride" nennt Foroutan sie deshalb.

Ist die "German Angst" schuld?

Die ZEIT-Redakteurin und Buchautorin Khuê Pham hingegen nennt Menschen mit verschiedenen Heimaten "die neuen Deutschen". Sie versuchte bei der Diskussion zu klären, warum diesen "neuen Deutschen" von den "alten Deutschen" so viel Ablehnung entgegenschlägt. Ihre Vermutung: Angst. Angst davor, etwas zu verlieren. Davor, dass dort, wo früher deutsche Hausmannskost gegessen und deutsche Lieder gesungen wurden, nun fremde Kulturen Einzug halten. Rita Süßmuth (CDU) geht sogar noch weiter. Sie unterstellt den Deutschen grundsätzliche Angst vor Veränderung. Beim Thema Integration werde diese nur besonders sichtbar. Die ehemalige Bundestagspräsidentin erzählt auch von der Vorsicht, die Politiker bei dem Thema deshalb oft walten lassen. Sie berichtet von Abgeordneten, die montags eingeschüchtert aus ihrem Wahlkreis zurückkehren, weil sie dort ihre Basis wieder mit ihrem Unmut über die Zugewanderten bedrängt hat. Woher kommt diese Ablehnung des Fremden? Aus echter eigener Erfahrung anscheinend kaum, wie der Journalist Alan Posener schildert. Denn gerade da, wo nur wenige Einwanderer leben, zum Beispiel in Ostdeutschland, fülle Sarrazin die Turnhallen.

Die "German Angst" – das ist also die eine Seite. Die andere Seite ist die der Menschen mit Migrationshintergrund und ihr Umgang mit diesen Ausgrenzungen. Davon berichtete der ZEIT-Journalist Jörg Lau. Viele seiner in Deutschland lebenden Bekannten mit ausländischen Wurzeln machten gerade eine Art "innere Kündigung ihrer Liebe zu Deutschland" durch, weil sie sich ausgegrenzt fühlten und die hitzigen Debatten der letzten Jahre schwer ertragen könnten. Scharf kritisierte er, weite Teile der deutschen Bevölkerung seien immer noch der Ansicht: "Wir Deutschen sind die Guten" und "alle sollen so werden wie wir."

Dieser Zwang zur Anpassung, zur Assimilation, kann aber nach Ansicht der Wissenschaftlerin Foroutan nicht erfolgreich sein. Andere Länder wie die USA und Kanada hätten längst verstanden, dass es, egal wie lange man rührt, keinen Identitätseinheitsbrei gibt, sondern nur eine "Gemüsesuppe."