"Ja, ihr Lieben", sagt Renate Künast ins Bühnen-Mikrofon. Ein Freitag Ende September, es ist das erste Urwahlforum der Grünen in Hannover , das Schaulaufen der 15 Kandidaten für einen Spitzenposten im  Bundestagswahlkampf hat gerade begonnen. Nur drei Minuten Zeit hat Künast, um sich vorzustellen, so sind die Regeln. "Ich bin mal so frech und sag: Ich heiß' Renate und lass die sonstigen Daten weg", ruft sie.

Die anderen Bewerber haben ihren vollen Namen, den Job, den Grund für ihre Ambitionen genannt – doch damit hält Künast sich nicht auf, sie geht sofort zu ihren Wahlkampfthemen über, es gibt ja auch viel zu sagen: Energiewende, soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen.

Sie hat schon recht, die "Renate", sie braucht sich nicht weiter vorzustellen. Nicht nur die Parteimitglieder, viele Deutsche kennen ihr Gesicht. Renate Elly Künast, 56 Jahre alt, aus dem Ruhrgebiet stammend, ursprünglich Sozialarbeiterin, später Rechtsanwältin, ist als Verbraucherschutzministerin der rot-grünen Bundesregierung in Erinnerung geblieben. Lang ist es her. Sie war und ist die forsche, schlagfertige Frau im Hosenanzug. Die mit den kurzen Haaren.

Der Vertrauensbonus als kümmernde Ministerin, das ist Künasts Kapital, jetzt wo sie sich bei den Parteimitgliedern als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl bewirbt. Hinzu kommt die Aufmerksamkeit, die sie durch ihren Job als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag erfährt. Am Freitagmorgen spricht sie im Deutschlandfunk zum Thema Geschlechterquoten in Aufsichtsräten ("Die Geduld der Frauen ist am Ende."). In den gleichen Stunden erscheint ein Zeitungsinterview mit ihr, in dem sie der CSU-Spitze vorwirft, gezielt die Medien zu beeinflussen . Bürgernahe Themen sind dies, mit denen sie im Gedächtnis bleibt.

Die Berlin-Wahl hing ihr lange nach

Die Grünen sind die erste Partei in der Geschichte der Bundesrepublik, die ihre beiden Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl durch die Mitglieder auswählen lassen. Fast 60.000 Grüne gibt es in Deutschland, sie haben die Wahl und dabei auch die Macht, über die weitere Karriere langjähriger Partei-Promis zu befinden.

Unter den fünfzehn Kandidaten sind vier altgediente Grünen-Funktionäre: Künast, Jürgen Trittin , Katrin Göring-Eckardt und Parteichefin Claudia Roth . Sie dürften die besten Chancen bei dieser Urwahl haben, auch weil der Rest der Bewerber eher schräg ist . Doch im Spitzenduo ist, wie der Name schon sagt, nur Platz für zwei. Mindestens eine Frau muss dabei sein. So sind die Regeln bei den Grünen.

Als sich im Sommer nach langem innerparteilichen Streit der Mitgliederentscheid abzeichnete , galt Künast als politisch angeschlagen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass sie als Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhaus-Wahl in Berlin antrat und ein an den hohen Erwartungen gemessen eher maues Ergebnis holte . Die Berlin-Wahl hing ihr lange nach: "Renate kämpft", "Renate sorgt", es waren seltsame Zahnpasta-Lächel-Großleinwandplakate , die im September 2011 die Wähler in der Hauptstadt überzeugen sollten. Es war eine seltsame Renate Künast, die da Wahlkampf führte, zerrieben zwischen der ihr eigenen forschen Art und einem künstlich präsidialen Gehabe. Als das nicht funktionierte und sie vor allem die linken Wähler verschreckt hatte, ergoss die Partei Spott und Häme über sie.

Funktionäre aus ihrem eigenen Realo-Parteiflügel versuchten, Künast weiter zu schwächen. "Ganz schlecht" stehe die Renate da, wurde einem in den nachfolgenden Monaten zugeraunt: Uneinsichtig sei sie und politisch irgendwie verbraucht, das sei dann wohl das Ende ihrer Karriere. Tatsächlich: Im März hätte sich der Realo-Flügel fast auf den Parteilinken Jürgen Trittin als alleinigen Spitzenkandidaten für 2013 geeinigt.