GrüneRenate Künast kämpft wieder

Die Fraktionschefin der Grünen hat ein schweres Jahr hinter sich. Jetzt bewirbt sich Renate Künast als Spitzenkandidatin für 2013. Was treibt sie an? von 

"Ja, ihr Lieben", sagt Renate Künast ins Bühnen-Mikrofon. Ein Freitag Ende September, es ist das erste Urwahlforum der Grünen in Hannover , das Schaulaufen der 15 Kandidaten für einen Spitzenposten im  Bundestagswahlkampf hat gerade begonnen. Nur drei Minuten Zeit hat Künast, um sich vorzustellen, so sind die Regeln. "Ich bin mal so frech und sag: Ich heiß' Renate und lass die sonstigen Daten weg", ruft sie.

Die anderen Bewerber haben ihren vollen Namen, den Job, den Grund für ihre Ambitionen genannt – doch damit hält Künast sich nicht auf, sie geht sofort zu ihren Wahlkampfthemen über, es gibt ja auch viel zu sagen: Energiewende, soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen.

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Sie hat schon recht, die "Renate", sie braucht sich nicht weiter vorzustellen. Nicht nur die Parteimitglieder, viele Deutsche kennen ihr Gesicht. Renate Elly Künast, 56 Jahre alt, aus dem Ruhrgebiet stammend, ursprünglich Sozialarbeiterin, später Rechtsanwältin, ist als Verbraucherschutzministerin der rot-grünen Bundesregierung in Erinnerung geblieben. Lang ist es her. Sie war und ist die forsche, schlagfertige Frau im Hosenanzug. Die mit den kurzen Haaren.

Der Vertrauensbonus als kümmernde Ministerin, das ist Künasts Kapital, jetzt wo sie sich bei den Parteimitgliedern als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl bewirbt. Hinzu kommt die Aufmerksamkeit, die sie durch ihren Job als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag erfährt. Am Freitagmorgen spricht sie im Deutschlandfunk zum Thema Geschlechterquoten in Aufsichtsräten ("Die Geduld der Frauen ist am Ende."). In den gleichen Stunden erscheint ein Zeitungsinterview mit ihr, in dem sie der CSU-Spitze vorwirft, gezielt die Medien zu beeinflussen . Bürgernahe Themen sind dies, mit denen sie im Gedächtnis bleibt.

Die Berlin-Wahl hing ihr lange nach

Die Grünen sind die erste Partei in der Geschichte der Bundesrepublik, die ihre beiden Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl durch die Mitglieder auswählen lassen. Fast 60.000 Grüne gibt es in Deutschland, sie haben die Wahl und dabei auch die Macht, über die weitere Karriere langjähriger Partei-Promis zu befinden.

Unter den fünfzehn Kandidaten sind vier altgediente Grünen-Funktionäre: Künast, Jürgen Trittin , Katrin Göring-Eckardt und Parteichefin Claudia Roth . Sie dürften die besten Chancen bei dieser Urwahl haben, auch weil der Rest der Bewerber eher schräg ist . Doch im Spitzenduo ist, wie der Name schon sagt, nur Platz für zwei. Mindestens eine Frau muss dabei sein. So sind die Regeln bei den Grünen.

Als sich im Sommer nach langem innerparteilichen Streit der Mitgliederentscheid abzeichnete , galt Künast als politisch angeschlagen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass sie als Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhaus-Wahl in Berlin antrat und ein an den hohen Erwartungen gemessen eher maues Ergebnis holte . Die Berlin-Wahl hing ihr lange nach: "Renate kämpft", "Renate sorgt", es waren seltsame Zahnpasta-Lächel-Großleinwandplakate , die im September 2011 die Wähler in der Hauptstadt überzeugen sollten. Es war eine seltsame Renate Künast, die da Wahlkampf führte, zerrieben zwischen der ihr eigenen forschen Art und einem künstlich präsidialen Gehabe. Als das nicht funktionierte und sie vor allem die linken Wähler verschreckt hatte, ergoss die Partei Spott und Häme über sie.

Funktionäre aus ihrem eigenen Realo-Parteiflügel versuchten, Künast weiter zu schwächen. "Ganz schlecht" stehe die Renate da, wurde einem in den nachfolgenden Monaten zugeraunt: Uneinsichtig sei sie und politisch irgendwie verbraucht, das sei dann wohl das Ende ihrer Karriere. Tatsächlich: Im März hätte sich der Realo-Flügel fast auf den Parteilinken Jürgen Trittin als alleinigen Spitzenkandidaten für 2013 geeinigt.

Leserkommentare
  1. Aussicht auf einen lukrativen Ministerposten, sei es nun unter Steinbrück oder Merkel.
    Klappt beides nicht, kann man seinen Hintern ja schließlich noch in einen der Abgeordnetensessel pflanzen.

    Oder kürzer: Geld

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    • Bastie
    • 27. Oktober 2012 21:31 Uhr

    Mir wäre jetzt eher Geltungssucht oder Machtgeilheit in den Sinn gekommen.

    können es sich gar nicht vorstellen, dass es nicht immer nur um Geld geht. Gell, Otto.

  2. ich glaube, frau künast hat da eine andere sicht auf ihr eigenbild.

    das fremdbild ist m.E. deutlich anders. die wahl in berlin hätte ihr ein indiz sein können, oder?!

    => sie wird es erkennen.

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    dass Künast die Grünen zu einem Spitzenergebnis führen konnte, das so noch nie da war in Berlin. Ihr Fehler war nicht ihr Selbstbild, sondern zu sagen, sie würde, wenn es nicht klappt, wieder in den Bund zurückgehen. Das mögen die Wähler garnicht. Röttgen hat aus Künasts Verfehlung nicht gelernt und ihm ist das gleiche passiert.

  3. Herr Fleischhauer vom Spiegel hat das so schööönnnn auf den Punkt gebracht:

    "In den Medien, die den Grünen prinzipiell wohlgesonnen sind, gilt Künasts Biestigkeit bis heute irgendwie als frech und unangepasst. Ich würde allerdings einwenden wollen: Was mit 30 charmant ist, ist das nicht zwangsläufig auch noch bei jemandem, der auf die 60 zusteuert.

    Tatsächlich stand Renate Künast immer schon für das Experiment, wie weit man es mit schlechter Laune in der Politik bringen kann. In einer Umgebung, in der bereits die Wahl der falschen Kaffeesorte einen Verrat an den eigenen Idealen bedeutet, mag das gut gehen. In der normalen Welt, also dort, wo man zum Regieren solide Mehrheiten braucht, punktet man mit Umerziehungsprogrammen als Wahlversprechen schon sehr viel weniger, wie ihre missglückte Bewerbung um das Amt des Berliner Regierenden Bürgermeisters gezeigt hat."

    http://www.spiegel.de/pol...

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    Das kann er? Wo? In dem Zitat? Kann ich nicht erkennen. Ist doch nur das übliche Grünenbashing, dass seit vielen Jahrzehnten vorhanden ist. Da stehen die drüber.

    Haha, danke für diesen Link. Wirklich sehr amüsant und spiegelt genau meine Meinung über Künast und teilweise über die Grünen wieder.

    • Azenion
    • 28. Oktober 2012 7:45 Uhr

    Ein Problem für Frauen in der Politik ist, daß es sehr leicht keifig wirkt, wenn sie energisch auftreten.
    Ich glaube, es liegt im Grunde nur am Klang der Stimme. Frau Nahles hat da übrigens ein noch größeres Problem als Frau Künast.

    Das allein wäre natürlich kein Grund, sie nicht zu wählen (andere wurden hier in Kommentaren schon genannt), aber sympathisches Auftreten ist in der "repräsentativen Demokratie" nicht ganz unwichtig, sichert es doch noch den einen oder anderen Prozentpunkt gefühlsgesteuerter Wähler.

    Obwohl Frau Künast 6 Jahre älter ist als Herr Fleischhauer wirkt sie deutlich jünger und kreativer, hat progressivere Ideen und damit die Kompetenz Deutschland unter sich verändernden Bedingungen fit für die Zukunft zu machen. Gesellschaften, die auf tradierte Denkmuster setzten wie sie ein Herr Fleischhauer vertritt, sind früher oder später immer auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Ich weiß ja nicht wie's Ihnen geht, aber ich für meinen Teil hab keine Lust zu vergammeln.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und setzen sich inhaltlich mit dem konkreten Artikelthema auseinander. Danke, die Redaktion/ls

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    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  5. dass Künast die Grünen zu einem Spitzenergebnis führen konnte, das so noch nie da war in Berlin. Ihr Fehler war nicht ihr Selbstbild, sondern zu sagen, sie würde, wenn es nicht klappt, wieder in den Bund zurückgehen. Das mögen die Wähler garnicht. Röttgen hat aus Künasts Verfehlung nicht gelernt und ihm ist das gleiche passiert.

    Antwort auf "eigen- und fremdbild"
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    • edgar
    • 27. Oktober 2012 23:41 Uhr

    "dass Künast die Grünen zu einem Spitzenergebnis führen konnte, das so noch nie da war in Berlin."
    Das stimmt - aber:
    1.) zu diesem Zeitpunkt standen die Uhren ohnedies auf Grün, so dass man keine Ergebnisse vergleichen kann
    2.) höchstens gegen anfängliche Prognosen, wonach GRÜN hätte Bürgermeister(in) werden können - dies hat Frau Künast persönlich verk...

    Sie bemängeln nur eines an Künasts Verhalten in Berlin:
    "Ihr Fehler war nicht ihr Selbstbild, sondern zu sagen, sie würde, wenn es nicht klappt, wieder in den Bund zurückgehen."

    Nein, Frau Künast hat vieles falsch gemacht - nur als Beispiel:
    - sie hat sich lange Zeit nicht gegen eine Koalition mit der CDU ausgesprochen, erst auf den letzten Pfiff
    - sie hat, wissend, dass Berlin eine Autofahrerstadt ist, eklatante Äußerungen gegen diese Interessen gemacht, die frau auch wesentlich "diplomatischer" machem kann.
    - sie hat eine Steilvorlage bei der Abstimmung für die Offenlegung der Verträge mit den Wasserwerken einfach verdampfen lassen (näheres bei Bedarf)

    Ich als potenzieller GRÜNEN-Wähler bin absolut enttäuscht, das diese Frau das so verk... hat.
    M.E. hätte selbst ein sehr extremer Kanditat wie Ströbele in Berlin ein besseres Ergebnis gegen den mittlerweile müden Wowereit eingefahren.

  6. Das kann er? Wo? In dem Zitat? Kann ich nicht erkennen. Ist doch nur das übliche Grünenbashing, dass seit vielen Jahrzehnten vorhanden ist. Da stehen die drüber.

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    Zugegeben das Zitat von Fleischhauer geht mit Künast hart ins Gericht, aber gleich mit Bashing anfangen?

    Wenn man sich über die FDP lustig macht, ist es natürlich die reine Wahrheit und Fakten die für sich sprechen. Wird hier mal der ein oder andere grüne mitfünfziger Hipster kritisch beäugelt ist es gleich Bashing? Einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Das Politiker aller Couleur in der Branche auch einstecken müssen, ist bekannt und wird durchaus verkraftet.

    • MeÖz
    • 27. Oktober 2012 20:51 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Die Redaktion/ls

  7. solange die Renate Künast nicht in der Lage ist, die wahren Interessen des deutschen Volkes zu vertreten, wird sie mehr oder weniger eine unangenehme Person in der Politik für mich jedenfalls bleiben. Möge es Jeder nach seiner Version händeln und danach glücklich werden.
    Allerdings habe ich die Linken und Grünen als heimatlose Gesellen identifiziert, welche Europa einen höheren Stellenwert als Deutschland zu billigen. Mit Verlaub, dieses geht nun ja ganz und gar nicht. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als höchste rechtliche Instanz hat es sehr wohl geregelt.
    Es gilt auf dem Boden des Grundgesetzes auf die zukünftige
    Rolle Deutschlands hinzuarbeiten, alles andere Gedöns ist mit Verlaub ein eklatanter Rechtsbruch gegenüber dem deutschen Volke und der erkämpften parlamentarischen Demokratie.
    Deutschland ist mein Heimatland,Europa dagegen eine Vision, welche an der Realität scheitert.

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    "...solange die Renate Künast nicht in der Lage ist, die wahren Interessen des deutschen Volkes zu vertreten...",

    Dazu 3 Unterfragen:

    a) Wer ist Ihrer Meinung nach das "deutsche Volk"
    b) Was sind dessen "wahre Interessen"?
    c) Wer wäre in der Lage diese zu vertreten?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jürgen Trittin | Grüne | Claudia Roth | Bundesregierung | Fritz Kuhn | Bundestag
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