Die Europäische Union sollte nach Auffassung von Bundestagspräsident Norbert Lammert vorerst keine weiteren Mitglieder aufnehmen. "Für die unmittelbar bevorstehende Zukunft halte ich die Europäische Union nicht für erweiterungsfähig", sagte der CDU-Politiker der Welt am Sonntag . "Wir haben so viele dringende Aufgaben in der Konsolidierung der Gemeinschaft zu erledigen", so müsse etwa in allen Euro-Mitgliedsstaaten eine gemeinsame Haushalts- und Fiskalpolitik realisiert werden.

Wegen der Erfahrungen mit Bulgarien und Rumänien warnte Lammert insbesondere vor einem raschen Beitritt Kroatiens . Das Land sei "offensichtlich noch nicht beitrittsreif". Zwar hätten die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens eine Beitrittsperspektive, müssten die Voraussetzungen für einen Beitritt zur EU aber selber schaffen. "Dabei darf die gute Absicht nicht an die Stelle der nachgewiesenen Veränderungen treten." Nach derzeitigen Planungen soll Kroatien im kommenden Jahr der EU beitreten.

Bei der SPD stießen Lammerts Äußerungen auf scharfe Kritik, auch angesichts des Friedensnobelpreises, der der EU am Freitag zugesprochen wurde . Baden-Württembergs Europaminister Hans-Peter Friedrich (SPD) sagte Spiegel Online : "Wer den Beitritt Kroatiens infrage stellt, der spricht der EU die Kraft ab, auch in Zukunft Frieden in Europa zu stiften. Das ist der größtmögliche Fehlschluss aus dem Friedensnobelpreis ." Friedrich warf Lammert "leichtfertiges Gerede" vor. Für den Frieden in Europa sei der Balkan immer noch von zentraler Bedeutung.

Europa ist mehr als die Summe aller Einzelstaaten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief derweil die nationalen und europäischen Parlamente auf, das Projekt Europa weiterzuentwickeln. Das Vereinte Europa werde anders aussehen als die Vereinigten Staaten von Amerika , sagte Merkel auf dem CDU-Landesparteitag in Celle . "Aber es ist viel mehr als die Summe aller Einzelstaaten." Auch der Euro sei mehr als eine Währung, nämlich das Bekenntnis, sich nicht wieder auseinander dividieren zu lassen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ( CDU ) schrieb im Focus , 55 Jahre nach Beginn der europäischen Einigung stünden die Völker Europas so gut da wie noch nie in ihrer oft blutigen Geschichte. Allerdings sei das europäische Projekt noch lange nicht am Ziel, es blieben große Herausforderungen. Der Friedensnobelpreis sei Ansporn, das geeinte Europa zu einer wahren Europäischen Union weiterzuentwickeln.

Auch Lammert plädierte dafür, den europäischen Integrationsprozess fortzusetzen und das Ungleichgewicht zwischen der ökonomischen und der politischen Integration zu beseitigen. Der europäische Fiskalpakt habe eine wichtige Voraussetzung für eine gemeinsame Haushalts- und Fiskalpolitik geschaffen.

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier , rief indes zur Zurückhaltung bei der europäischen Integration auf. "Man kann nicht blindlings alles zentralisieren und immer nur an den weiteren Ausbau Europas denken", sagte Papier der Welt am Samstag . Viele Bürger sähen die europäische Integration eher skeptisch als Projekt der Eliten. Die überaus segensreiche europäische Idee dürfe nicht an einer Überdimensionierung Europas scheitern, sagte Papier. "Ich warne davor, die Europäer zu überfordern."