Bundestagspräsident Norbert Lammert ( CDU ) hat Bedenken gegenüber einer Verschärfung der Auskunftspflichten von Abgeordneten zu Nebeneinkünften. "Mich hat an der aktuellen Debatte manches eher irritiert als überzeugt", sagte er der Welt am Sonntag . "Manche Vorwürfe – sowohl aus den Medien als auch aus den politischen Lagern – fand ich nicht aufrichtig."

Lammert sagte, Transparenz sei ein unverzichtbarer Bestandteil jedes demokratischen Systems, dürfe aber nicht zum Selbstzweck verkommen. Er nehme zur Kenntnis, dass "wir alle nicht den durchsichtigen Bürger wollen". "Aber wenn es einen nicht selbst betrifft, sondern den Nachbarn, kann es offensichtlich gar kein Übermaß an Durchsichtigkeit geben", sagte er. "Da erscheint mir oft die Neugier ausgeprägter als das demokratische Prinzip."

Anlass von Lammerts Äußerungen ist eine Initiative der SPD , die in den kommenden Tagen einen Gesetzentwurf zur besseren Kontrolle von Nebeneinkünften von Abgeordneten vorlegen will. Die Debatte war von der Kritik an den Vortragshonoraren des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück ausgelöst worden. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier warf der Union und FDP daraufhin Scheinheiligkeit vor. Sie blockierten Transparenzregeln seit Jahren, und "ob die es jetzt wirklich ernst meinen, wird sich schon bald zeigen," sagte er der Bild am Sonntag .

Grenze oder totale Transparenz für Nebeneinkünfte?

Bislang müssen die Abgeordneten ihre Nebeneinkünfte in drei Stufen angeben: bis 3.500 Euro, bis 7.000 Euro und mehr als 7.000 Euro. Die Opposition bietet unterschiedliche Vorschläge für neue Regeln an. Linksparteichefin Katja Kipping forderte etwa eine Begrenzung. Es müsse eine klare Trennlinie zwischen Nebeneinkünften und Bestechung gezogen werden, sagte sie der Leipziger Volkszeitung . "Wenn die Nebeneinkünfte den Betrag der Diät überschreiten, sollten die Abgeordnetenbezüge anteilig abgeschmolzen werden", sagte sie. Wer neben dem Abgeordnetenmandat mehr als das Doppelte des Diätenbetrags verdiene, "würde dann keine Diäten mehr bekommen".

Piratenpartei-Vorsitzender Bernd Schlömer verlangte dagegen völlige Transparenz. Angesichts der aktuellen Debatte verlören die Bürger das Vertrauen in die Politik, schrieb Schlömer in der Bild am Sonntag . "Ich fordere deshalb, dass die Nebeneinkünfte von Abgeordneten auf den Betrag genau veröffentlicht werden."

Schlömer verlangte, dass Aufwandsentschädigungen für Aufsichts- und Beiratsmandate sowie Honorare für Anwaltstätigkeiten offengelegt werden müssten. "Abgeordnete, die Lobbyisten juristisch beraten, müssen von ihrer anwaltlichen Schweigepflicht entbunden werden", forderte er. Ehemalige Ministerpräsidenten, Minister oder Staatssekretäre sollten nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt eine Zeit lang keine Arbeit annehmen dürfen, die inhaltlich im Zusammenhang mit ihrer politischen Tätigkeit steht.