Selbst als alles vorbei war, haben die Sicherheitsbehörden erstmal nicht richtig funktioniert. Am 4. November 2011 fahndete die Polizei in  Eisenach eigentlich nach zwei einfachen Bankräubern, als ein Wohnwagen in Flammen aufging. Darin fanden die Ermittler zwei tote Männer und außerdem die Dienstwaffen der vier Jahre zuvor auf einer Heilbronner Festwiese ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter und die ihres angeschossenen Kollegen. Die Toten waren schnell als die seit Jahren untergetauchten Rechtsextremen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt identifiziert.

Eine zusätzliche Woche dauerte es allerdings , bis den bis dato ganz offensichtlich ahnungslosen Behörden vollständig klar wurde, dass sie nicht nur zwei mutmaßliche Polizistenmörder gefunden, sondern – eher zufällig – eine rechtsextreme Terroristengruppe aufgedeckt hatten, die neun weitere Menschenleben auf dem Gewissen hat. Dieses Beispiel gebraucht Clemens Binninger gern, wenn er über fehlende "Analysefähigkeit" der deutschen Sicherheitsbehörden spricht. Der CDU-Innenpolitiker, der früher als Polizist gearbeitet hat, sitzt  nun für seine Partei im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Die Namen der Toten hätten die Ermittler schnell weiterbringen sollen, argumentiert Binninger: 1998 war öffentlich nach den beiden gefahndet worden, weil sie gemeinsam mit ihrer Kumpanin Beate Zschäpe mit Sprengstoff experimentiert hatten und dann abgetaucht waren. Doch um den Zusammenhang zwischen den beiden Männern und einer bisher ungeklärten Mordserie an Migranten herzustellen, brauchte es einen weiteren Waffenfund im Haus des Rechtsextremisten-Trios.

Für Binninger ist diese oftmals fehlende Analysefähigkeit der deutschen Sicherheitsbehörden ursächlich dafür, dass der NSU jahrelang sein Unwesen treiben konnte. Auf einer Fachtagung der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) am Mittwoch in Berlin gab der CDU-Politiker einen Zwischenbericht zur Arbeit seines Untersuchungsgremiums ab. Seit Januar gehen insgesamt elf Abgeordnete des deutschen Bundestages den Versäumnissen der Sicherheitsbehörden bei der Suche nach den 1998 untergetauchten Rechtsextremisten nach.

"Es sind Menschen gestorben, weil Behörden nicht miteinander geredet haben"

Wichtige Mosaiksteinchen seien von den verschiedenen Ermittlern und Geheimdienstlern in den verschiedenen Bundesländern nicht zusammengesetzt worden, betonte Binninger. Zum Teil sei schlampig gearbeitet worden. Es gebe Ungereimtheiten, die die Bürger stutzig machten und den Vertrauensverlust beförderten. Das Vernichten von Akten beispielsweise, die Tatsache, dass ein Vorgesetzter Kiesewetters zeitweise Mitglied im rechtsextremen Ku-Klux-Klan gewesen sei . Zudem hätten die drei Terroristen in Zwickau weniger als 100 Kilometer von ihrer Heimat Jena gelebt. Man frage sich schon "wie es sein kann, dass sie niemandem über den Weg gelaufen sind, der sie erkannt hat", sagte Binninger.

Verbesserungswürdig ist vieles an der Arbeit der deutschen Sicherheitsbehörden. Das sahen auch die anderen Tagungsteilnehmer so. "Es sind Menschen gestorben, weil Behörden nicht miteinander geredet haben", sagte zum Beispiel der Polizeigewerkschaft-Vorsitzende Rainer Wendt . SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann wiederum betonte, der Verfassungsschutz müsse bei seiner Arbeit wegkommen von der Mentalität "wir schnippeln mal aus und reichen an die nächste Dienststelle weiter". Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann ( CDU ) sagte, die Aus-und Fortbildung der Verfassungsschutz-Mitarbeiter sei bisher nicht ausreichend und vor allem nicht einheitlich gewesen.

Die Struktur der Sicherheitsbehörden komplett umzubauen, das lehnten alle Tagungsteilnehmer allerdings einmütig ab. "Die Forderung nach einer Abschaffung des Verfassungsschutzes ist völlig kontraproduktiv", sagte Schünemann. Auch müsse die föderale Struktur der Sicherheitssysteme beibehalten werden, forderte sein Parteikollege Binninger. Auch der SPD-Politiker Hartmann sieht das so – aus "realpolitischen" Erwägungen. Andernfalls könnten örtliche Entwicklungen aus dem Blickfeld geraten, fürchtet auch Berlins Verfassungsschutzpräsidentin Claudia Schmid. Vertreter von FDP und Grünen , die eine Zusammenlegung der Landesbehörden befürworten , waren von der Polizeigewerkschaft, die gern als CDU-nah bezeichnet wird, zur Tagung gar nicht erst eingeladen worden.