NSU-Ermittlungen Lieberknecht verteidigt Weitergabe ungeschwärzter Geheimakten

Verfassungsschützer wittern Geheimnisverrat, doch Thüringens Ministerpräsidentin findet es richtig, dass Akten ungeschwärzt an den NSU-Ausschuss weitergeleitet wurden.

Und wieder gibt es Ärger im Zusammenhang mit dem NSU-Untersuchungsausschuss: Diesmal kommt die Kritik jedoch von den Sicherheitsbehörden selbst. Nach Spiegel-Informationen sind sie empört über Thüringens Innenministerium, das Geheimakten ungeschwärzt an den Untersuchungsausschuss des Bundestags weitergegeben hat. Unter den Verfassungsschutzchefs soll von "Geheimnisverrat" und "möglichen strafrechtlichen Konsequenzen" die Rede gewesen sein.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) verteidigte die Weitergabe: "Wer nicht aufklärt, fliegt auf", sagte sie auf ihrem Flug zu einem Russland-Besuch. Es dürfe keinen "parlamentarisch kontrollfreien Raum" geben. Auch die Abgeordneten in den Gremien unterlägen der Geheimhaltungspflicht.

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Maßstab für Thüringen seien für Lieberknecht die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bei der Trauerfeier für die NSU-Opfer lückenlose Aufklärung versprochen hatte. "Diesen Auftrag haben wir im Interesse der Opfer zu erfüllen, schonungslos und lückenlos, unabhängig von Personen oder Instituten."

Lieberknecht stellte sich damit hinter ihren Innenminister Jörg Geibert (CDU). Sein Ministerium bestätigte, bislang 778 Akten aus den Jahren 1991 bis 2002 an die Geheimschutzstelle des Bundestages weitergegeben zu haben, die etwa die Klarnamen von V-Mann-Führern und anderen Mitarbeitern des Verfassungsschutzes enthalten.

Das Ministerium kündigte an, es werde Ende Oktober oder Anfang November weitere 1.000 Akten an den Bundestag geben, die die Jahre 2003 bis 2012 betreffen. Die Akten seien weiter als Verschlusssachen eingestuft und würden der Geheimschutzverordnung des Bundestages und des Landtages unterliegen, begründete ein Ministeriumssprecher das Vorgehen: "Es gibt überhaupt keinen Grund, an der Verfahrensweise etwas zu ändern."

Vorwurf des Landesverrats gegen Geibert

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sei gegen Geibert auch der Vorwurf des Verdachts auf Landesverrat laut geworden. Ein Amtskollege hatte demnach vergangenen Montag bei der Innenministerkonferenz eine entsprechende Vorlage zur Prüfung vorgelegt. Diese habe jedoch keine Mehrheit erhalten. Lieberknecht nannte den Verdacht "unvorstellbar".

Lieberknecht forderte eine neue Debatte über Standards der parlamentarischen Aufklärung für den Fall, dass "der Thüringer Weg der Transparenz" gestoppt werden sollte. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, Behörden würden Dinge verschleiern und so möglicherweise sich selbst schützen wollen.

 
Leser-Kommentare
    • Lyaran
    • 08.10.2012 um 12:02 Uhr

    welcher Kolege bei der Innenministerkonferenz denn den Antrag auf Landesverrat vorgebracht hat. Ist ja nicht schlimm wenn man bei der nächsten Wahl mal ein paar Namen und deren Einstellungen im Hinterkopf hätte.

    7 Leser-Empfehlungen
  1. Landesverrat.Warum nicht gleich Hochverrat ?

    Entschuldigung,aber hier wurden 10 Menschen exekutiert
    und das gehört aufgeklärt.Schlimm genug dass unsere
    Verfassungsschützer Akten vernichtet und zurückgehalten haben.

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  2. kann es nicht sein, dass involvierte behörden (un-)wissentlich das treiben des mörder-trios (vorsichtig ausgedrückt) begünstigt haben. jetzt haben eben diese behörden angst, dass das herauskommt und wehren sich mit händen und füßen.

    für mich ist das ergebnis der aufklärungsversuche eine klare ansage, wo ich nächstes jahr bei der wahl mein kreutz setze.

    wach bleiben!

    4 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • deDude
    • 08.10.2012 um 13:29 Uhr

    ... macht da keinen Unterschied, denn die Minister wechseln aber die Beamten Blind, Taub und Stumm bleiben der Amtsstube noch weitere Jahre, unabhängig vom Ausgang der Wahl, erhalten.

    "Der Staat" das sind nicht die Abgeordneten im Bundestag sondern das Heer von Beamten das wir uns leisten zu können glauben. Den wählen Sie aber nicht, Sie wählen nur die Leute die jetzt im "Kontrollausschuss" den Akten hinterherlaufen die der Verfassungsschutz leider ausversehen durch den Reisswolf gedreht hat.

    • deDude
    • 08.10.2012 um 13:29 Uhr

    ... macht da keinen Unterschied, denn die Minister wechseln aber die Beamten Blind, Taub und Stumm bleiben der Amtsstube noch weitere Jahre, unabhängig vom Ausgang der Wahl, erhalten.

    "Der Staat" das sind nicht die Abgeordneten im Bundestag sondern das Heer von Beamten das wir uns leisten zu können glauben. Den wählen Sie aber nicht, Sie wählen nur die Leute die jetzt im "Kontrollausschuss" den Akten hinterherlaufen die der Verfassungsschutz leider ausversehen durch den Reisswolf gedreht hat.

  3. Hmm, die Geheimen sind verärgert dass ihre Schusseleien nicht geheim blieben? Das Demokratieverständniss dieser Herren Schlapphutträger ist erschreckend.

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    • hladik
    • 08.10.2012 um 13:20 Uhr

    Die Dreistigkeit, mit der die VS-Spitzel in aller Offenheit das Ausbleiben jeglicher Kontrolle einfordern, ist fuer mich schon Grund genug, den VS insgesamt abzuschaffen.

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    • deDude
    • 08.10.2012 um 13:29 Uhr

    ... macht da keinen Unterschied, denn die Minister wechseln aber die Beamten Blind, Taub und Stumm bleiben der Amtsstube noch weitere Jahre, unabhängig vom Ausgang der Wahl, erhalten.

    "Der Staat" das sind nicht die Abgeordneten im Bundestag sondern das Heer von Beamten das wir uns leisten zu können glauben. Den wählen Sie aber nicht, Sie wählen nur die Leute die jetzt im "Kontrollausschuss" den Akten hinterherlaufen die der Verfassungsschutz leider ausversehen durch den Reisswolf gedreht hat.

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  4. Ich glaube zwar nicht, das Angie die lückenlose Aufklärung ernst gemeint hat, aber die Handlungsweise des Thüringer Innenministeriums und der Ministerpräsidentin unterstütze ich ausdrücklich.

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    • CM
    • 08.10.2012 um 13:54 Uhr

    ...daß eine Landesregierung bei diesem Skandal etwas richtig macht!

    Trauen die Verfassungsschützer etwa dem Untersuchungssausschuß, der ihr Totalversagen untersucht, etwa keine Geheimhaltung zu?

    Oder haben sie Angst, daß die immer offenkundigere Kumpanei unserer "Dienste" mit den Verfassungsfeinden noch deutlicher an's Licht kommt?

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