Manchmal wenden sich die Dinge, ohne dass wir es wahrnehmen. So geschehen am Freitag vor einer Woche : Da erklärte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck seinen baldigen Rückzug vom Amt und rief Malu Dreyer als Nachfolgerin aus. Sie wird die fünfte Frau sein, die ein Bundesland regiert.

Deutschland erlebt eine neue Normalität. Frauen übernehmen wie selbstverständlich politische Spitzenämter, und sie müssen schon chronisch krank sein , damit uns das überhaupt noch auffällt. Ist die Frauenfrage nun beantwortet?

Seit sieben Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Als sie ins Amt kam, war die erste Ministerpräsidentin Deutschlands, Heide Simonis , gerade abgetreten. Lange schien es danach so, als würde Merkel die einzige Führungsfrau bleiben. Alle anderen, so stark oder schwach sie waren, gab es nur, weil Merkel sie wollte: Ursula von der Leyen , Anette Schavan , später Kristina Schröder . Ministerinnen von Kanzlerins Gnaden.

Doch seit knapp zweieinhalb Jahren verändert sich das Bild. Es begann in Ostdeutschland, in Thüringen . Da wurde die Christdemokratin Christine Lieberknecht Ministerpräsidentin, nachdem ihr Vorgänger Dieter Althaus zurückgetreten war. Dann Nordrhein-Westfalen: Hannelore Kraft vertrieb für die SPD ihren christdemokratischen Kontrahenten Jürgen Rüttgers aus der Staatskanzlei. Schließlich Annegret Kramp-Karrenbauer , wieder CDU , erste Innenministerin der Republik, folgte Peter Müller im Saarland nach. Nun also bald die Sozialdemokratin Malu Dreyer. Und sogar im konservativen CSU-Bayern kann sich mit Ilse Aigner eine Frau ernsthafte Chancen auf das Erbe Horst Seehofers ausrechnen.

Aufstieg aus Verlegenheit?

Es lässt sich lange diskutieren, was diese Frauen in ihre Ämter gebracht hat. Die Meinungen gehen weit auseinander, zumal unter Expertinnen. Da gibt es jene, die den Aufstieg von Frauen weitgehend aus dem Verlegenheitsprinzip heraus erklären: Wenn die Männer nicht mehr wollen, weil alles in Scherben liegt, dann darf auch mal eine Frau ran. Die CDU, fast zusammengebrochen unter der Kohlschen Spendenaffäre , brachte Angela Merkel hervor. Eine in Schockstarre verfallene Rhein/Ruhr-SPD überließ sich schließlich Hannelore Kraft . Ein Bundesland, dessen Ministerpräsident in einen tödlichen Skiunfall verwickelt war, sah in Christine Lieberknecht seine Chance auf Ruhe. Die CSU steht ebenfalls nicht gerade blendend da.

Gegen die These von den Trümmerfrauen argumentieren jene, die in deren Griff nach der Macht den Ausdruck einer veränderten gesellschaftlichen Dynamik zu erkennen meinen. Nach langen Jahren des emanzipatorischen Kampfes gibt es inzwischen eine kritische Masse an gut ausgebildeten Frauen, die das Spiel der Macht kennen und sich den Weg nach oben gebahnt haben. Malu Dreyer, deren Karriere über das Bürgermeisteramt in Bad Kreuznach und das Sozialdezernat der Stadt Mainz ins Ministeramt geführt hat. Annegret Kramp-Karrenbauer , die schon Bundestagsabgeordnete war, später parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Landtagsfraktion, schließlich zehn Jahre lang Ministerin mit verschiedenen Aufgaben. Oder Ilse Aigner , früher einmal stellvertretende JU-Vorsitzende in Bayern, dann stellvertretende Landesgruppen-Chefin im Bundestag, Vorsitzende des mächtigen CSU-Bezirksverbands Oberbayern, heute Bundesministerin.

Verändern die Frauen die Politik?

Gleich, welcher Theorie man folgt, hat sich jedenfalls die altväterliche Sorge erledigt: Kann die das? Denn mag die Gleichberechtigung auch statistisch noch nicht durchgesetzt sein (nur fünf Prozent aller Bürgermeisterposten in deutschen Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern sind beispielsweise mit Frauen besetzt), so ist die Sache qualitativ längst entschieden und bewiesen.

Spannender ist ohnehin eine andere Frage: Verändern die Frauen die Politik, jetzt, da sie an der Macht sind?

Ja sicher doch, steht nicht seit Merkel und von der Leyen plötzlich Familienpolitik im Zentrum der Debatte? Sind Frauen nicht weniger hierarchiebesessen, wie die Familienforscherin Gisela Erler sagt, streben sie nicht eher nach einer sinnvollen Aufgabe als nach Macht? "Ich möchte die Welt verbessern", sagt Hannelore Kraft . Wann haben wir das zuletzt von einem Mann gehört?

Christine Bauer-Jelinek , Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin, ist skeptisch. Dass sich alles zum Besseren wende, nur weil Frauen an der Macht seien, sei ein Klischee. Die Mechanismen des politischen Wettbewerbs seien geschlechtsneutral, die Regeln der Macht ebenso. So moderierend, offen, kommunikativ sich Angela Merkel zeige, so sehr gehe sie mit aller Härte in den Konflikt. Zu besichtigen war das beispielsweise, als sie knallhart ihren Umweltminister Norbert Röttgen hinauswarf . Auch Frauen nutzen die Macht eben nach den Spielregeln ihrer Zeit.

Trotzdem verändert sich etwas. Mit den Frauen etablieren sich neue Rollenbilder. Eine Familienministerin kann noch so konservativ sein und trotzdem nach der Geburt zügig in den Job zurückkehren wie Kristina Schröder . Eine Ministerpräsidentin kann mit Tränen in den Augen vor den Opfern des Loveparade-Unglücks stehen und trotzdem die Troikaner ihrer Partei vor sich hertreiben wie Hannelore Kraft. Eine Bezirksvorsitzende kann ihre Partei im Dirndl anführen und trotzdem auf Familie verzichten wie Ilse Aigner.

Das besondere an diesen Rollenmodellen ist, dass sie eigentlich nicht typisch weiblich sind, sondern vor allem nicht mehr herrisch-breitbeinig. Sie passen auch vielen nachfolgenden Männern, die keine Lust mehr haben, die rostigen Rüstungen ihrer Väter anzulegen. Die Männerbünde meiden und Sechzehnstundentage. Die nach einem zeitgemäßen Bild von Männlichkeit suchen. Darin liegt die eigentliche Pointe der Geschichte: Dass der Erfolg der Frauen den Männern den Weg eröffnet, sich zu emanzipieren.