Rhetorik "Steinbrück ist ein Meister der kalkulierten Ungehobeltheit"

Sprachforscher Oliver Lubrich erklärt im Interview, wie der SPD-Kandidat ganz bewusst mit Sprachbildern spielt und warum Merkels "Anti-Rhetorik" so erfolgreich ist.

ZEIT ONLINE: Herr Lubrich, Sie haben zahlreiche Reden des früheren Bundesfinanzministers und heutigen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf Sprachbilder und andere rhetorische Besonderheiten hin untersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?

Oliver Lubrich: Es gibt einen ganz eigenen "Steinbrück-Sound". Die Tonlage, der Rhythmus, der leichte norddeutsche Dialekt – all das hat einen hohen Wiedererkennungswert. Steinbrück ist ein lakonischer Redner. Er formuliert kurze Sätze, prägnante Aussagen. Sein Sprachstil ist sehr bildfreudig. Steinbrück versucht oft, anschauliche Metaphern für komplexe Vorgänge zu finden. Kürzlich sprach er von "Beinfreiheit", als es um sein schwieriges Verhältnis zur SPD-Basis ging. Aber nicht immer passen die Ausdrücke genau zueinander.

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ZEIT ONLINE: Wo hat Steinbrück denn mal rhetorisch daneben gegriffen?

Lubrich: "Ob die Leitplanken auf der Zeitachse etwas versetzt werden müssen, ist abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung." Mit solchen Sprachblüten hat er es sogar in die Harald Schmidt Show geschafft – in der Rubrick "Peers Politische Poesie".

Oliver Lubrich
Oliver Lubrich

ist Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern. Bis 2011 Professor für Rhetorik am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin und dort Leiter des Projektes "Emotionen in Wirtschaftskrisen".

ZEIT ONLINE: Bekannt ist der Kandidat vor allem für seine Schnoddrigkeit.

Lubrich: Steinbrück ist ein Meister der kalkulierten Ungehobeltheit. Wenn er von finanzökonomischen Fachtermini zu umgangssprachlichen Wendungen übergeht oder wenn er seine Parteigenossen als "Heulsusen" bezeichnet, dann sind das gezielte Provokationen.

ZEIT ONLINE: Woran merken Sie, dass das kalkuliert ist?

Lubrich: Das macht ein Politiker nicht unüberlegt. Das hat bei Steinbrück Methode. So wirkt er spontan und aufrichtig, kompetent und zupackend. Bei seinem gepflegten norddeutschen Dialekt hat man manchmal sogar das Gefühl, er übertreibt es ein wenig, es wirkt dann manieriert. Das Eigensinnige, Rohe, Rabiate gibt ihm die Möglichkeit, unpopuläre Dinge mit einem Augenzwinkern zu sagen. NIcht jedes Wort muss dann auf die Goldwaage gelegt werden.

"Den Leuten kommen wir im Moment wie eine Heulsuse vor: Wir ziehen eine Flunsch wegen der Popularität der Kanzlerin. Wir gucken verkniffen auf das Phänomen der Linkspartei. Wir klagen darüber, dass die Globalisierung uns erwischt, obwohl Deutschland davon profitiert. Wir heulen, weil wir Reformpolitik machen müssen. Wir heulen ein bisschen über Hartz IV und über die Agenda 2010"

Peer Steinbrück 2007 in einem Zeitungsinterview

ZEIT ONLINE: Ist das nicht auch riskant?

Lubrich: Allerdings. Weil Steinbrück oft sehr trocken ironisch ist und ein gewisser schwarzer Humor bei ihm durchschimmert, ist man sich nicht sicher: Will er sarkastisch sein, will er provozieren, oder meint er es ernst? Damit geht er durchaus das Risiko ein, missverstanden zu werden. Ich erinnere nur an seine Kavallerie-Metapher im Streit mit der Schweiz, die ist hier in Bern jedenfalls nicht gut angekommen.

ZEIT ONLINE: Es heißt, die Kanzlerin sei Steinbrück rhetorisch unterlegen. Stimmt das?

Lubrich: Nicht unbedingt. Angela Merkels Rhetorik ist als Anti-Rhetorik durchaus sehr wirksam.

ZEIT ONLINE: Wie ist das zu verstehen?

Lubrich: Indem sie auf rednerischen Schmuck verzichtet, erweckt die Kanzlerin den Anschein, sie sei ungekünstelt und lege keinen Wert auf oberflächliche Finessen. Gerade das macht sie für viele CDU-Anhänger sympathisch und glaubwürdig, sie wirkt vertrauenswürdig, zuverlässig, authentisch. Ähnlich war es übrigens bei Helmut Kohl. Bei konservativen Wählern scheint eine einfache, bodenständige Ausdrucksweise besonders gut anzukommen. George W. Bush hat sich mit einer schlichten Sprache volksnah gegeben, während Barack Obama mit seinen geschliffenen Reden viel intellektueller wirkt.

Leser-Kommentare
  1. Steinbrück wäre ein guter Kanzler. Merkels Politik ist zur Zeit so konturlos und leer, ich hoffe wirklich, dass Deutschland die Veränderung wagt. Es braucht eine Regierung in Deutschland, die die Energiewende vorantreibt, die die sozial schwächeren unterstützt und die Europa wieder die Bedeutung zukommen lässt, die es verdient. Wir müssen einen Schritt nach vorne wagen. Ich hoffe, Steinbürck schafft es.

    11 Leser-Empfehlungen
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    gegangen..denn was will der Artikel: Steinbrück hochschreiben, wie die MEhrzahl der Artikel der letzten WOche.
    Die Rhetorik ist so toll auch nicht. Mit dem Vortragsskandal hat er sich ja schon das erste Eigentor geschoßen.

    Na, mit der Agenda 2010, die er ja gut findet und seinen Amtshandlungen als Finanzminister hat er ja alles dafür getan, damit es denn Menschen eben nicht besser geht.

    Die Frage ist nur, warum die Leute immer wieder darauf reinfallen.

    "Es braucht eine Regierung[...], die die sozial schwächeren unterstützt und die Europa wieder die Bedeutung zukommen lässt, die es verdient"

    Steinbrück der öffentlich verkündet die SPD soll stolz auf die Agenda 2012 und Hartz IV sein, der soll die sozial Schwachen unterstüzen! Das ich nicht lache!
    Mit Europa meinen sie wohl die unbegrenzte und bedingungslose Hilfe mit Eurobonds. Da werden sich noch alle ansehen die schon jetzt glauben Merkel würde deutsche Interessen nicht verteidigen und uns mit den Schulden der Südländer ruinieren!

    völlig richtig, aber dazu ist Steinbrück nicht in der Lage

    als Finanzminister öffentlich von höchsten Richtern
    kritisiert, weil er Grundsatzurteile ignorierte.

    Ohh,Ohh, Steinbrück Kanzler ?
    Das hätte noch gefehlt. Wer ihm eine Plattform bietet ist selber schuld.
    Lernen Deutsche eigentlich nie etwas dazu ?
    Mittlerweile ist es traurig hier leben zu müssen und ebenfalls Deutscher zu sein.
    Was hebt ihn denn hervor ?
    Er ist am Dilemma wie Altersarmut usw. doch genau so Schuld wie alle anderen.
    Man weiß doch nicht, wen man überhaupt wählen soll.
    Da kommen leider nur die Piraten in Frage.
    Und das ganz bestimmt nicht aus Überzeugung, aber auf jeden Fall aus Protest.
    Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

    gegangen..denn was will der Artikel: Steinbrück hochschreiben, wie die MEhrzahl der Artikel der letzten WOche.
    Die Rhetorik ist so toll auch nicht. Mit dem Vortragsskandal hat er sich ja schon das erste Eigentor geschoßen.

    Na, mit der Agenda 2010, die er ja gut findet und seinen Amtshandlungen als Finanzminister hat er ja alles dafür getan, damit es denn Menschen eben nicht besser geht.

    Die Frage ist nur, warum die Leute immer wieder darauf reinfallen.

    "Es braucht eine Regierung[...], die die sozial schwächeren unterstützt und die Europa wieder die Bedeutung zukommen lässt, die es verdient"

    Steinbrück der öffentlich verkündet die SPD soll stolz auf die Agenda 2012 und Hartz IV sein, der soll die sozial Schwachen unterstüzen! Das ich nicht lache!
    Mit Europa meinen sie wohl die unbegrenzte und bedingungslose Hilfe mit Eurobonds. Da werden sich noch alle ansehen die schon jetzt glauben Merkel würde deutsche Interessen nicht verteidigen und uns mit den Schulden der Südländer ruinieren!

    völlig richtig, aber dazu ist Steinbrück nicht in der Lage

    als Finanzminister öffentlich von höchsten Richtern
    kritisiert, weil er Grundsatzurteile ignorierte.

    Ohh,Ohh, Steinbrück Kanzler ?
    Das hätte noch gefehlt. Wer ihm eine Plattform bietet ist selber schuld.
    Lernen Deutsche eigentlich nie etwas dazu ?
    Mittlerweile ist es traurig hier leben zu müssen und ebenfalls Deutscher zu sein.
    Was hebt ihn denn hervor ?
    Er ist am Dilemma wie Altersarmut usw. doch genau so Schuld wie alle anderen.
    Man weiß doch nicht, wen man überhaupt wählen soll.
    Da kommen leider nur die Piraten in Frage.
    Und das ganz bestimmt nicht aus Überzeugung, aber auf jeden Fall aus Protest.
    Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

    • Mieheg
    • 13.10.2012 um 16:30 Uhr

    Ich bin zwar kein Kommunikationsexperte, aber wozu bezahlen die ganzen Politiker den Ihre Berater? Doch unter anderem für Imagepflege gerade durch Ihre Reden. Logisch ist da alles kalkuliert. Trotzdem sind Politiker keine (guten) Schauspieler und letztendlich können sie nur "Typen" glaubwürdig rüberbringen die auch etwas mit Ihrer Person zu tun haben.

  2. Vor allem: nicht alles unbedacht übel nehmen. Der Mann ist ein Esprit-Bündel, geistreich, energisch und hat bei aller Rauheit einen humanen Kern, wie er einem Linksdemokraten eigen zu sein hat.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/jz

    3 Leser-Empfehlungen
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    also als waschechten Linksdemokrat sehe ich diesen Mann nicht.
    Vielmehr als zweiten GErd Schröder. Ich meine: Mir solls recht sein. Aber die Genossen schießen sich schon selbst ins BEin. Anders kann mans nicht sagen

    also als waschechten Linksdemokrat sehe ich diesen Mann nicht.
    Vielmehr als zweiten GErd Schröder. Ich meine: Mir solls recht sein. Aber die Genossen schießen sich schon selbst ins BEin. Anders kann mans nicht sagen

    • bmovie
    • 13.10.2012 um 16:52 Uhr

    http://www.zeit.de/politi...

    wie auch der modernen Politik im deutschen Bundestag. Allerdings ist er rhetorisch sehr geschickt.

    2 Leser-Empfehlungen
  3. gegangen..denn was will der Artikel: Steinbrück hochschreiben, wie die MEhrzahl der Artikel der letzten WOche.
    Die Rhetorik ist so toll auch nicht. Mit dem Vortragsskandal hat er sich ja schon das erste Eigentor geschoßen.

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ich glaube..."
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    Offensichtlich sind die CDUCSU-Anhänger durch die Bank von schlichtem Gemüt. Und deshalb empfänglich für Angelas bescheidene Rhetorik.

    Im Übrigen: Hochschreiben muss kein Mensch den Steinbrück. Zwergenhafte Schmalspur-Politiker vom Schlage der A.M. und Co überragt man lässig auch im Sitzen.

    >> denn was will der Artikel: Steinbrück hochschreiben, wie die MEhrzahl der Artikel der letzten WOche <<

    ... wenn der "mündige Leser" keiner ist und die (Ihrer Meinung nach) schönfärberischen Artikel gar nicht gelesen hat?

    Man kann durchaus ohne die Lektüre von ZEIT-Artikeln zu der Ansicht kommen, dass Steinbrück die bessere Besetzung als Merkel sein könnte. Und dafür muss Steinbrück noch nicht einmal irgendetwas tun.

    >> Mit dem Vortragsskandal hat er sich ja schon das erste Eigentor geschoßen. <<

    Der Ball fliegt noch. Mal sehen, in wessen Tor er landet.

    Offensichtlich sind die CDUCSU-Anhänger durch die Bank von schlichtem Gemüt. Und deshalb empfänglich für Angelas bescheidene Rhetorik.

    Im Übrigen: Hochschreiben muss kein Mensch den Steinbrück. Zwergenhafte Schmalspur-Politiker vom Schlage der A.M. und Co überragt man lässig auch im Sitzen.

    >> denn was will der Artikel: Steinbrück hochschreiben, wie die MEhrzahl der Artikel der letzten WOche <<

    ... wenn der "mündige Leser" keiner ist und die (Ihrer Meinung nach) schönfärberischen Artikel gar nicht gelesen hat?

    Man kann durchaus ohne die Lektüre von ZEIT-Artikeln zu der Ansicht kommen, dass Steinbrück die bessere Besetzung als Merkel sein könnte. Und dafür muss Steinbrück noch nicht einmal irgendetwas tun.

    >> Mit dem Vortragsskandal hat er sich ja schon das erste Eigentor geschoßen. <<

    Der Ball fliegt noch. Mal sehen, in wessen Tor er landet.

    • Kelhim
    • 13.10.2012 um 17:00 Uhr

    Gelegentlich (übrigens auch ein sehr häufig verwendetes Wort, wenn er Kritik durch eine harmlose erscheinende Hintertür einleitet) - also gelegentlich verfällt er etwas zu sehr in die abstrakte Fachsprache zurück, die er überwinden möchte. Aber gerade auf den Feldern, auf denen er sehr sicher und eingearbeitet ist, kann er mit kurzen Sprachbildern überzeugen.

    Das ist auch ein großer Unterschied zum nicht minder klugen Frank-Walter Steinmeier: Der Fraktionsvorsitzende hält seine Reden wie Referate. Selbst wenn er versucht, sie mit Humor aufzulockern oder mit Angriffslust zu würzen, wirken sie trocken, weil die Öffentlichkeit sich bereits seit Langem das Bild des seriösen, sachkundigen, aber langweiligen Weißschopf gemacht hat.

    Steinbrück ist dagegen seit jeher ein Mann mit Esprit und sprachlichem Talent.

    Im Gegensatz zu all den Robotern und Sprechblasen-Fabrikanten kann er Menschen begeistern und für seine Argumentation gewinnen.

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  4. also als waschechten Linksdemokrat sehe ich diesen Mann nicht.
    Vielmehr als zweiten GErd Schröder. Ich meine: Mir solls recht sein. Aber die Genossen schießen sich schon selbst ins BEin. Anders kann mans nicht sagen

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  5. Steinbrück verklärt die Auswüchse der sog. Finanzindustrie zu Naturereignissen.Das ist unredlich und manipulativ,zumal er höchstpersönlich die Einführung hochgefährlicher "Finanzprodukte" befürwortete um die Kosten des "Schiffbruchs" später der Allgemeinheit aufzubürden.

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