Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück © Thomas Peter/Reuters

Hurra, da ist sie wieder, die Empörung über faule Abgeordnete, die nichts weiter interessiert als Kohle und Kanzlerkandidatur. Lässt sich dieser Peer Steinbrück doch einfach in den Bundestag wählen, bloß um seine Diäten mit Vorträgen und Aufsichtsratsjobs aufzubessern. Wie kann er nur, ein Skandal!

Es ist so schön einfach, sich darüber aufzuregen. Und alle machen mit . Die Linkspartei sieht eine rote Linie überschritten. Die CSU fordert "volle Transparenz", die FDP sieht bei Steinbrück "alle Sicherungen durchbrennen" und selbst ein paar Grüne und Sozialdemokraten tun so, als gebe es ein Problem mit ihrem Wunschkanzler.

Das gibt es nicht. Der vermeintliche Skandal ist keiner. Weder ist neu, was Steinbrück neben seiner Abgeordnetentätigkeit sonst so tat, noch verstößt er damit gegen irgendeine Vorschrift. Er hat seine Nebenverdienste so deklariert, wie es das Gesetz vorschreibt .

Skandalös und schamlos ist vielmehr, was nun aus der Sache gemacht wird.

Manche Lautsprecher meinen, ein Abgeordneter, der so viel unterwegs ist, der überall Reden hält, bloß im Bundestag nicht, der könne doch kein guter Abgeordneter sein. Woher nehmen sie diese Einschätzung? Sagt die Anwesenheit im Plenum etwas darüber aus, ob ein Abgeordneter die Interessen seiner Wähler anständig vertritt? Natürlich nicht.

Billig vom eigenen Versagen ablenken

Andere tun so, als sei es verwerflich, vor irgendwelchen Finanzbonzen Reden zu halten – und dafür Geld zu kassieren. Ist es das? Wenn überhaupt, dann spricht dieses Gebaren gegen diejenigen, die für eine Politiker-Rede (Steinbrück ist nicht allein!) astronomische Summen bezahlen. Eher aber ist es schlicht Ausdruck von Angebot und Nachfrage.

Und was den Redner angeht: Sind von Steinbrück irgendwelche Redebeiträge bekannt geworden, die die Aussage von CSU-General Alexander Dobrindt decken, der SPD-Kanzlerkandidat stehe "im Verdacht, ein Produkt der Finanzindustrie zu sein"? Das Gegenteil ist der Fall. Eben hat Steinbrück ein Konzept zur Regulierung der Finanzmärkte vorgelegt , das die Bezeichnung revolutionär verdient: Es macht Schluss mit der naiven Vorstellung, das kapitalistische System könne sich selbst heilen. Doch was kümmert es die Dobrindts und Dörings, wenn man stattdessen so billig vom eigenen Versagen ablenken kann.

Bei der Bankenregulierung haben Union und FDP bislang nichts getan. Und in Sachen Nebeneinkünfte-Transparanz haben die Schwarz-Gelben genau das verhindert, was sie nun so lautstark von Steinbrück verlangen: Seit mehr zwei Jahren blockiert die Koalition schärfere Veröffentlichungsregeln für Nebeneinkünfte von Abgeordneten. Man darf jetzt gespannt sein, wie Horst Seehofer , der von Steinbrück totale Transparenz gefordert hatte, auf entsprechende Forderungen bezüglich seiner Nebeneinkünfte reagieren wird. Vielleicht bewegt sich Schwarz-Gelb ja doch noch.