OB-Wahl Stuttgart : Ein grünes Fanal für Deutschland

Erstmals regiert ein Grüner eine Landeshauptstadt: Die Wahl Fritz Kuhns reicht weit über Baden-Württemberg hinaus, kommentiert Stephan-Andreas Castorff.

Stuttgart ist die sechstgrößte Stadt in Deutschland, eine Industriemetropole mit mehr als 1500 mittelständischen Unternehmen, die zum Rückgrat der Republik gehören, eine Region mit Bosch, Daimler, Porsche. Eine Stadt mit Kultur, mit der Oper – immer wieder – des Jahres, herausragendem Ballett, Theater, die Architektur nicht zu vergessen. Deutschlands beste Baumeister kommen aus: Stuttgart. Die Baufirmen auch. Das größte Infrastrukturprojekt des Landes unter und über der Erde gibt es dort. Und viele sprechen dort Hochdeutsch, weil in Stuttgart längst nicht mehr nur Schwaben (oder Badener) beheimatet sind. Wahlen in Stuttgart sind darum ein Hinweis darauf, wie es anderswo gehen kann.

Ein Parteiloser, der mit persönlicher Kompetenz und zum Teil antiberufspolitischen Argumenten für die CDU wirbt und ein grüner Berufspolitiker, der zum Teil mit Argumenten aus dem Fundus des Wertkonservatismus antritt: Sebastian Turner gegen Fritz Kuhn. Das ist, aufs Ganze gesehen, auf Deutschland, gewissermaßen eine Wahlkampffolie. Angela Merkel wirkt ähnlich parteilos wie Turner, Kuhn, obwohl Grüner, redet ähnlich wie Peer Steinbrück, mit schroffer Kompetenz.

Das Ergebnis wird auch in dieser Hinsicht Aussagekraft haben.

Und bei diesen Aspekten: ob und wie eine Industrieregion den ökonomischen Wandel mit ökologischer Herausforderung gestalten will; und ob und wie herausfordernde Infrastrukturprojekte Regierungen und Regierweisen nachhaltig verändern können. Die Aufgabe des neuen Oberbürgermeisters ist deshalb politisch anspruchsvoll, und das Ergebnis wird bundesweit beachtet werden.

Persönlich ist die Anforderung an Fritz Kuhn noch höher. Ihm fehlt die Aura der Verbindlichkeit, ein Stück Demut vor dem Amt, auch ein, sagen wir, "Rezzo-Faktor" in Stuttgart. Der war den Menschen zugewandt, Rezzo Schlauch, und wäre um ein Haar vor Jahren der erste Grüne auf diesem Posten geworden. In Kuhn ist aber auch gleich ein Kandidat für die spätere Nachfolge des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann von den Grünen gewählt worden.

Der Sieg jetzt kann darum Nachhaltigkeit zur Folge haben, in der Stadt, im Spitzenland Baden-Württemberg und darüber hinaus: geradezu als grünes Fanal für jede kommende Wahl. Bayern ist dann auch nicht mehr so weit entfernt.

Erschienen im Tagesspiegel.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Grüne Welle?

Hm, die Grünen in BW sind nun auch nicht so stark, wie aktuell in vielen Medien dargestellt. Sie profitieren in erster Linie von der enormen Schwäche und den Fehlern der anderen Parteien in BW und natürlich von der bürgerlichen-konservativ- christlichen Landesvaterfigut eines MP Kretschmann. Auch Kuhn steht für eher Realo- grünkonservativ und ist zumindest etwas bekannt. Turner dagegen war einfach ein politischer Notimport und politisch eine Nobody, der zudem bei vielen Stuttgartern nicht ankam.

Und versucht man Schlüsse aus den BW-Wahlen zu ziehen, dann müsste sich die SPD, im Vergleich zu Merkel/CDU wohl die größten Sorgen machen.

Ein Fanal wird es nur

wenn sich für die Stadt etwas zum Besseren ändert. Bedarf an nderungen zum Besseren gibt es in Stuttgart mehr als genug, es ist aber fraglich, ob ein grüner OB da etwas Nennenswertes bewirkt.
Das bleibt abzuwarten, doch Vorschusslorbeeren gibt es für Berufsparteipolitiker schon längst nicht mehr, nur weil sie irgendwo einen Job antreten.

Personen vor Programm

Auffallend ist, dass die Vertrauenswürdigkeit, die sehr stark auch mit der Bekanntheit korreliert, mehr Bedeutung besitzt, als die Aussage der jeweiligen Partei.

Das ist insofern verständlich, da sich die Programme der Parteien nach Wahlen und Wahlsiegen ziemlich weit unten im Zu-Erledigen-Stapel befinden. Was bleibt, sind die gewählten Personen. Und auf die kommt es in der Öffentlichkeit letztlich an.

Ideal finde ich diesen Zustand nicht. Denn man darf den langfristigen Einfluss von Parteiprogrammen und das darin enthaltene Menschenbild auf die Gesellschaft nicht unterschätzen.

Die Baden-Württemberger gehen also ein gewisses Risiko ein. Sie ersetzen eine über zig Jahre vergleichsweise erfolgreiche Politik gegen den Charme von netten Herren. Was sie am Ende bekommen, scheint im Augenblick nicht sehr zu interessieren.

Wenn das mal gut geht!

Risiken

Meinen sie Risiken, wie die, dass Schülern in Schulen mit sogar vergleichsweise noch guter Bausubstanz, während dem Unterricht Fenster auf den Kopf fallen?
Wie letztes Jahr in Stuttgart geschehen.

Da ein Herr Schuster lieber Geld in Verluste bei Cross-Boarder-Leasing oder Prestigeprojekte wie S21 steckt.
Aber die Bausubstanz von Schulen derart vernachlässigen ließ?

58 Jahre cdU-Filz haben auch viele Schäden angerichtet.