Stuttgart ist die sechstgrößte Stadt in Deutschland, eine Industriemetropole mit mehr als 1500 mittelständischen Unternehmen, die zum Rückgrat der Republik gehören, eine Region mit Bosch, Daimler, Porsche. Eine Stadt mit Kultur, mit der Oper – immer wieder – des Jahres, herausragendem Ballett, Theater, die Architektur nicht zu vergessen. Deutschlands beste Baumeister kommen aus: Stuttgart. Die Baufirmen auch. Das größte Infrastrukturprojekt des Landes unter und über der Erde gibt es dort. Und viele sprechen dort Hochdeutsch, weil in Stuttgart längst nicht mehr nur Schwaben (oder Badener) beheimatet sind. Wahlen in Stuttgart sind darum ein Hinweis darauf, wie es anderswo gehen kann.

Ein Parteiloser, der mit persönlicher Kompetenz und zum Teil antiberufspolitischen Argumenten für die CDU wirbt und ein grüner Berufspolitiker, der zum Teil mit Argumenten aus dem Fundus des Wertkonservatismus antritt: Sebastian Turner gegen Fritz Kuhn. Das ist, aufs Ganze gesehen, auf Deutschland, gewissermaßen eine Wahlkampffolie. Angela Merkel wirkt ähnlich parteilos wie Turner, Kuhn, obwohl Grüner, redet ähnlich wie Peer Steinbrück, mit schroffer Kompetenz.

Das Ergebnis wird auch in dieser Hinsicht Aussagekraft haben.

Und bei diesen Aspekten: ob und wie eine Industrieregion den ökonomischen Wandel mit ökologischer Herausforderung gestalten will; und ob und wie herausfordernde Infrastrukturprojekte Regierungen und Regierweisen nachhaltig verändern können. Die Aufgabe des neuen Oberbürgermeisters ist deshalb politisch anspruchsvoll, und das Ergebnis wird bundesweit beachtet werden.

Persönlich ist die Anforderung an Fritz Kuhn noch höher. Ihm fehlt die Aura der Verbindlichkeit, ein Stück Demut vor dem Amt, auch ein, sagen wir, "Rezzo-Faktor" in Stuttgart. Der war den Menschen zugewandt, Rezzo Schlauch, und wäre um ein Haar vor Jahren der erste Grüne auf diesem Posten geworden. In Kuhn ist aber auch gleich ein Kandidat für die spätere Nachfolge des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann von den Grünen gewählt worden.

Der Sieg jetzt kann darum Nachhaltigkeit zur Folge haben, in der Stadt, im Spitzenland Baden-Württemberg und darüber hinaus: geradezu als grünes Fanal für jede kommende Wahl. Bayern ist dann auch nicht mehr so weit entfernt.

Erschienen im Tagesspiegel.