Oberbürgermeisterwahl in StuttgartFritz Kuhn und die Taktik des Krokodils

Der neue Stuttgarter Oberbürgermeister hat vom politischen Klima in der Stadt profitiert. Mitgeschaffen hat der Grüne es aber nicht. von 

Seitdem sein Parteifreund Fritz Kuhn am Sonntag die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart gewonnen hat , vermeint Grünen-Chef Cem Özdemir "super Rückenwind" zu verspüren. Die in den Umfragen eher mau dastehende Bundespartei müsse sehen, was sich aus Kuhns Erfolg in der baden-württembergischen Landeshauptstadt für die Bundestagswahl 2013 lernen und übernehmen lasse, sagt Özdemir .

Doch, was bleibt von der Oberbürgermeisterwahl in Deutschlands sechstgrößter Stadt? Und was davon ist dem Sieger Fritz Kuhn zuzuschreiben? Die Taktik des Krokodils vielleicht, eines Tiers, das lange unbewegt und hungrig bleiben kann, um im entscheidenden Moment zuzuschnappen. Kuhn, den langjährige Wegbegleiter schon immer ob seiner Cleverness lobten und einen latenten Hang zur Arroganz dabei großzügig übersahen, hat gelernt, was es heißt, zu warten. Noch 1996 hat er sich im Stuttgarter OB-Wahlkampf als Helfer Rezzo Schlauchs an den Haustüren nur Abfuhren eingeholt. Die CDU-Bastion war damals nicht zu stürmen gewesen. Viele fanden den kuriosen Schlauch sympathisch, wählten dann aber doch "christlich". Lange ist es her.

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Kuhn war schlicht das kleinere Übel

Von Berlin aus hat Kuhn, der frühere Bundestagsfraktionschef und jetzt einfacher Bundestagsabgeordneter seines Wahlkreises Heidelberg , die Zeitenwende in Stuttgart verfolgt. Er hat das wütende Aufbranden des Bürgerprotests um den Bau des neuen Tiefbahnhofs beobachtet, dann den erdrutschartigen Wahlerfolg seiner Partei bei der Stuttgarter Kommunalwahl 2009, aus der die Grünen als stärkste Fraktion hervorgingen. Eigentlich sah Kuhn, der sich als Mitglied des Berliner Ausschusses für Wirtschaft und Technologie kaum noch Meriten verdienen konnte, wie ein Mann von gestern aus, als Winfried Kretschmann im vergangenen Jahr auch noch Stefan Mappus als Regierungschef stürzte.

Der eigene Sieg nun ist für Kuhn ein Comeback auf größerer Bühne. Doch ein politischer Gladiator ist er damit noch lange nicht. Erstens neigt die Stuttgarter Volksseele grundsätzlich nicht zur Verherrlichung ihrer politischen Vertreter. Zweitens verkörperte der Bad Mergentheimer während des Wahlkampfs lediglich das kleinere Übel gegenüber dem Kontrahenten Sebastian Turner .

Leserkommentare
  1. ...zu stürzen war zuletzt wirklich keine große Kunst mehr: Ein verfassungswidriger Ministerpräsident Mappus samt einem verfassungswidrigen Finanzminister Stächele, eine korruptionsverdächtige "Verkehrsministerin" Gönner, ein Trump-Tower-wütiges Stadtoberhaupt Schuster, ein dissertationsfälschender CDU-Landtagsabgeordneter Pröfrock, ein titelmißbrauchender CDU-Bürgermeisterkandidat Renner: Ein paar Dutzend weiterer fragwürdiger, schwäbischer CDU-Figuren würden mir beim Nachdenken vermutlich noch einfallen.

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    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und differenziert zum Thema. Danke, die Redaktion/jp

    • Chilly
    • 22. Oktober 2012 16:32 Uhr

    Sie den Fehler im Beitrag: Zwar haben die GRÜNEN die Landtagswahl 2011 in BW gewonnen, stärkste Fraktion ist aber nach wie vor die CDU und das deutlich. Die GRÜNEN stellen nur innerhalb der Regierung die stärkere Fraktion damit - entsprechend der Absprache mit der SPD vor der Wahl - auch den Ministerpräsidenten.

    CHILLY

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    Die Rede ist im Artikel vom Gemeinderat, nicht vom Landtag. Im Gemeinderat sind die Grünen stärkste Fraktion.

    Redaktion

    Liebe(r) Chily,

    vielen Dank für den Hinweis. Allerdings muss ich Ihnen widersprechen. Die Formulierung im Text ist völlig korrekt, denn sie bezieht sich auf die Grünen im Gemeinderat und nicht im Landtag. Im Gemeinderat stellen sie die stärkste Fraktion.
    http://www.stuttgart.de/g...

    Viele Grüße aus der Redaktion,
    Lisa Caspari

    • Chilly
    • 22. Oktober 2012 16:39 Uhr

    an der OB-Wahl in Stuttgart orientieren wird. ABER: Es bleibt eine zu beobachtende Tendenz, dass die Union in größeren Städten aktuell nicht so recht zu reussieren vermag. In Berlin eher schwach, in Hamburg und Bremen fast atomisiert, Frankfurt, Köln, Nürnberg verloren. Selbst Duisburg.

    Die Union trifft einfach das Lebensgefühl aufgeklärter Städter nicht. Hier ist im Regelfall inzwischen das Bildungsniveau höher, die religiösen Bindungen geringer und die aktuellen Probleme andere. Auch eine vergleichsweise säkulare Frau wie Angela Merkel kann hier das verstaubte Image der Union nicht beseitigen; dort wird auch erkannt, dass es mit der angeblichen Modernisierung der Union nicht weit her ist.

    Für die BT-Wahl hat die Union allerdings doch Chancen, wenn es ihr gelingt, die Euro-Frage als Hauptthema beizubehalten. Solange die Mittelschicht und untere Mittelschicht sich mehr Gedanken darüber macht, kein Geld in den Süden der EU fließen zu lassen, statt über die jahrelange Verarmungsstrategie dieser Schichten in der nationalen Politik, wird die Union mit ihrer "ich verteidige das deutsche Geld vor raffgierigen Südländern-Merkel" wohl gewinnen. Wird dieses Problem bis Herbst 2013 gelöst oder entschärft und kommt mehr die soziale Frage in D aufs Tableau, dann wird es eng.

    CHILLY

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    • Slater
    • 22. Oktober 2012 16:57 Uhr

    wo man hinschaut,
    konservativ, ländlich, religiös, wie stehts um Bildung und Alter?
    Macht-Familien oder alter Adel/ Doktortiel, Reichtum und Großbesitz,
    als politische Ziele Steuern und Sozialsysteme runter, wenn nicht gar aus:
    Republikaner/ CDU

    in allem das Gegenteil, in den Städten stark: Demokraten/ SPD, Grüne & Co.

    Deutschland wählt immer noch Romney

    zur Anmerkung: für mich gehört auch ein Facharzt nicht zur Oberschicht.
    Ihr KOmmentar spiegelt die Kritik des Artikels gegen die grüne, latent immer vorhandene Arroganz auf, wider.E
    Eigentlich traurig, dass die Grünen immer glauben sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen.
    Die Statistik über die Einkommensverhältnisse der Wähler ist dabei mit Vorsicht zu genießen. Da übermäßig beamtete Lehrer die Grünen wählen und diese in Deutschland unverhältnismäßig viel verdienen, gelten deren Wähler gleich als reich.
    Ihr Kommentar zeigt auch den Flow-Effekt der Grünen.
    Wer im Viertel, was auf sich hält, wählt eben grün, da diese Partei ja allein die moderne Intelligenzia reoräsentiere.
    Wie tragisch und falsch

  2. 4. re #2

    Die Rede ist im Artikel vom Gemeinderat, nicht vom Landtag. Im Gemeinderat sind die Grünen stärkste Fraktion.

  3. Redaktion

    Liebe(r) Chily,

    vielen Dank für den Hinweis. Allerdings muss ich Ihnen widersprechen. Die Formulierung im Text ist völlig korrekt, denn sie bezieht sich auf die Grünen im Gemeinderat und nicht im Landtag. Im Gemeinderat stellen sie die stärkste Fraktion.
    http://www.stuttgart.de/g...

    Viele Grüße aus der Redaktion,
    Lisa Caspari

  4. Seien wir doch mal ehrlich, von der Union hat man absolut nichts mehr zu erwarten. Wer soll da was umsetzen? Wer wird da überhaupt noch wahrgenommen? Eine reine Merkelpartei, alle anderen Mitglieder machen höchstens einen guten Eindruck. Würden sie ernsthaft Politik machen wollen, hätten sie längst diese FDP zum Mond geschossen. Es geht letztendlich nicht nur um die eigene Bereicherung und die Bedienung irgendwelche Lobbyinteressen. Ich hoffe, die Koalition bekommt eine richtige Quittung ob der Weigerung den Filz und die Korruption aufzudecken. Auf Steinbrück kloppt man, wenn es ans eigene Leder geht, dann wird verweigert. Hat man was zu verbergen? Wahrscheinlich.

    Letztendlich ist einer wie Kuhn ne Wohltat. Die Schwaben haben das alles schon richtig gemacht.

  5. wenn man hart ist trotzdem ein schwaches Ergebnis gegen einen mit Stuttgart fremdelnden Turner. Nur 6-7% Differenz bei einer Wahlbeteiligung von 50%.

    Turner ein Politik Nobody aus Berlin gegen den langjährigen Berufspolitiker der schon im Bundestag war.

    Traurig scheint es auch zu sein das das Amt des Bürgermeisters keinen mehr reizt! Wo sind den die Überzeugungstäter, Lokalpatrioten die immer schon geträumt haben das Rathaus einer Stadt wie Stuttgart zu führen.

    Ein gewisser Willy Brandt war in Berlin Bürgermeister, ein gewisser Konrad Adenauer in Köln und haben dort ihr Handwerk für das Amt des Bundeskanzler erlernt.

    Es geht halt mit den überzeugenden Politikern in diesem Land bergab.

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    [Traurig scheint es auch zu sein das das Amt des Bürgermeisters keinen mehr reizt!]

    Abgesehen von den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sind Städte für Politiker nicht (mehr) sonderlich interessant. Der politische Einfluss ist ausgesprochen begrenzt und es handelt sich mehr um einen Verwaltungsjob, bei dem vor allem die Defizite verwaltet werden, die einem von Land und Bund aufgehalst werden. Bürgermeisterposten in großen Städte sind Sackgassen. Wer hat das letzte Mal den Sprung in die "große Politik" geschafft?

    Lokalpatrioten mit Leidenschaft?

    Kein normal denkender Mensch, und sei er noch so lokalpatriotisch, kann guten Gewissens heutzutage das Amt des OB in Stuttgart übernehmen. Das Klima in dieser Stadt ist so vergiftet, die Fronten so verhärtet und die Innenstadt ein riesiger Brandherd. Die Anti-S21 Demos haben die einst als verschlafen geltende und gemütliche Stadt Stuttgart in einen Haufen von Rechthaberei, Arroganz und Wut verwandelt. Trillerpfeifen, Aufkleber und Transparente überall und wo man hingeht. Man kann in dieser Stadt dem Thema nicht aus dem Weg gehen und einfach wieder zur Normalität zurück kehren.

    Und das nicht etwa wegen Krieg, Terror oder Hunger, SONDERN WEGEN EINEM BAHNHOF!!!

    Mir ist es mittlerweile sch***egal ob das Ding gebaut wird oder nicht, aber Hauptsache es ist endlich mal wieder Ruhe!

  6. Ob dieses grüne Modell "Kehrwoche" aus dem Landle einen Impuls für die Gesamtpartei im Bund auslösen wird, muss doch bezweifelt werden. Da wurde ein angeschlagener Gegner ausgeknockt, was keine Rückschlüsse auf die Kräfteverhältnisse in der Republik zulässt.
    Im Grunde hat eine Partei der Mitte eine andere Partei der Mitte abgelöst. Im Ländle war stets der ökolibertäre Flügel der Grünen, der sich von den Ökosozialisten scharf abgrenzte, zu Hause. Dieser Flügel hielt die "Kehrwoche" so penibel ein wie alle anderen Parteien auch. Nicht umsonst wanderte ein Hasenclever zur FDP ab.
    Die schwäbischen Hausmänner vom Schlage Kretschmann und Kuhn müssen nun erst einmal beweisen, ob sie wirklich "alles außer Hochdeutsch" können. Sieht man sich Kretschmann an, dann hat er bisher nur gezeigt, dass er kein Hochdeutsch kann. Da muss man sich nur den geplanten Abbau der Lehrerstellen vor Augen führen.

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    - da könnte was dran sein, ein Werner Schulz - der als einziger Grüner die Hartz Gesetze abgelehnt hat - ist "Fischer´s Fritze" (O-Ton Schulz) sicher nicht, eher zumindest damals ein loyaler Unterstützer des jetzigen Albright Mitarbeiters

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