Ob er aufgeregt sei, wird Martin Delius gefragt. "Nein", sagt er selbstsicher. Delius, 28, Mitglied der Piratenfraktion des Berliner Abgeordnetenhauses, leitet den Untersuchungsausschuss zum Berliner Flughafen BER , der jetzt erstmals tagte. Dies ist eine Premiere in zweifacher Hinsicht: Erstmals gehören Piraten einem Untersuchungsausschuss an, erstmals leitet ein Pirat ein solches Gremium. "Was ist für die Piraten nicht alles eine Premiere", plaudert Delius lächelnd und meint damit: Ein Jahr nach ihrer Wahl ins Landesparlament ist seine Partei noch immer weit von Routine entfernt.

Delius bewegt sich auf historischem Parkett: In dem Sitzungssaal in der ersten Etage des Preußischen Landtags präsentierte sich im September 2011 die Piratenfraktion erstmals öffentlich . Heute wie damals kann man der Versuchung nicht widerstehen, den Auftritt der Piraten auch nach Äußerlichkeiten zu bewerten: Delius hat sich, abgesehen davon, dass er keine Krawatte trägt, dem vorherrschenden Stil angepasst. Seine Parteikollegen am rechten Tischende jedoch entziehen sich in betont lässigen Sakkos und Pullovern den parlamentarisch-konformen Kleidungsgepflogenheiten.

Der Ausschuss will erhellen, warum der Berliner Großflughafen BER zwei Jahre später öffnet als geplant und mit 4,4 Milliarden Euro 1,2 Milliarden Euro teurer wird. Das als "Jobmotor" gelobte, größte deutsche Infrastrukturprojekt der jüngeren Geschichte entwickelte sich zum Planungs- und Kostendesaster: Ein ganzes Architekturbüro wurde in die Wüste geschickt, der Chefplaner des Flughafens musste gehen, der Streit um Flugrouten und Baupläne beschäftigte Scharen von Anwälten und Richtern.

Die Parlamentarier wollen die gesamte Entstehungsgeschichte des Airports aufarbeiten und viele Zeugen vorladen: Berlins Ex-Innensenator Ehrhart Körting ( SPD ), die frühere Finanzsenatorin Anette Fugmann-Heesing (SPD), den früheren brandenburgischen Regierungschef Manfred Stolpe (SPD), Ex-Verkehrsminister Matthias Wissmann ( CDU ), Verantwortliche der Flughafengesellschaft. Auf der Wunschliste stehen weiterhin der Aufsichtsratsvorsitzende und Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und dessen brandenburgischer Amts- und Aufsichtsratskollege Matthias Platzeck (SPD). Die Abgeordneten werden Akten anfordern von Staatskanzleien und Ministerien, Rechnungshöfen, der Flugsicherung, der Projektgesellschaft, sogar von den Wasserbetrieben.

Vergleich der Piraten mit der NSDAP

Mit der dritten Aufforderung gelingt es Delius, alle Ausschussmitglieder auf die Plätze zu bewegen. Auf dem Tisch liegen wenige Blatt Papier – heute beraten die Abgeordneten nur Verfahrensfragen. Die Aktenberge kommen später, die Zeugen auch. Delius hat sich am Buffet eine Schale mit Obst gesichert – Mango, Trauben, Physalis. Sie steht zwischen einem Wälzer mit dem Untersuchungsausschuss-Gesetz und seinem silbernen Macbook.

Der Mann mit dem Pferdeschwanz hat sich penibel vorbereitet, das ist zu spüren, er kennt sich aus, er achtet auf jedes Wort. Delius weiß, warum: Nachdem er im Frühjahr in einem Interview unbedacht seine Partei mit der NSDAP verglichen hat , musste er seine Ambitionen auf den Bundesvorstand aufgeben.

Souverän navigiert er durch die Vielzahl von Änderungsanträgen und klärt Verfahrensfragen. Mit einem Lächeln auf den Lippen filtert er aus Diskussionsbeiträgen Beschlussvorschläge und lässt darüber abstimmen. Sein persönliches Ansinnen ist es, die fraktionsgegliederte Sitzordnung zu liberalisieren, um im Interesse der Aufklärung die Grenzen von Koalition und Opposition aufzulösen. "Ja, das kann man mal machen", spricht sich Delius selbst Mut zu. Doch er scheitert an der Übermacht der Koalitionsabgeordneten von SPD und CDU.

Dann reden sie darüber, ob stellvertretende Ausschussmitglieder Rede- und Antragsrecht haben sollen. Delius' Stellvertreter im Ausschuss, der Pirat Oliver Höfinghoff, ist verwirrt. "Ohne Rede- und Fragerecht wird die Arbeit für mich quasi unmöglich gemacht", tippt er in seinen Twitteraccount . Er meldet sich und sagt, dass er noch gar nicht wisse, ob er sich überhaupt hier melden dürfe. Was zu tun sei, wenn die Sitzungszeit für die Vernehmung geladener Zeugen nicht mehr reicht, will er wissen.