Als in der belebten Kölner Keupstraße eine Bombe mit 800 Nägeln explodierte, als 22 Menschen durch das Metall zum Teil schwer verletzt wurden, hatte der damalige nordrhein-westfälische Innenminister gerade privaten Stress. Ein Umzug aufs Land stand an, Fritz Behrens hatte sich extra Urlaub dafür genommen. Es war der Abend des 9. Juni 2004. Die Gedanken des SPD-Politikers drehten sich damals sicher um vieles, aber bestimmt nicht um mögliche Bedrohungen durch rechtsextremistischen Terror.

Heute ist klar, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Sprengstoff in der mehrheitlich von türkischstämmigen Menschen bewohnten Straße deponiert hatten . Es existieren sogar Überwachungskamera-Bilder der beiden NSU-Angehörigen. Doch die von Behrens geführten Sicherheitsbehörden ermittelten jahrelang in andere Richtungen. Sie vermuteten organisierte Kriminalität und gingen außerdem Gerüchten über einen Konflikt zwischen türkisch- und kurdischstämmigen Ladenbesitzern in der Keupstraße nach. Sie fanden: nichts. 2008 legten sie den Fall ungelöst zu den Akten.

Erst durch das zynische NSU-Bekennervideo, das Beate Zschäpe, die dritte im NSU-Bund, vor genau einem Jahr versandte, löste sich das vermeintliche Rätsel. Dabei lag ein rechtsextremes Motiv nahe: eine von türkischstämmigen Menschen bewohnte Straße, ein brutaler Anschlag mit einer Nagelbombe, die vor einem Friseurgeschäft abgestellt war, also wahllos Passanten treffen sollte. Ein Verfassungsschutzdossier hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vor dem Jenaer Trio und Rechtsterroristen in Deutschland gewarnt.

Terror oder nicht Terror?

Noch nie seien die Chancen so gut gewesen, das seit 1998 untergetauchte Trio zu fassen, sagt heute auch CDU-Innenpolitiker Clemens Binninger. Der ehemalige Polizist ist Sprecher seiner Fraktion im NSU-Untersuchungsausschuss. Das Gremium beschäftigte sich am heutigen Donnerstag mit dem Kölner Anschlag und lud dazu auch Exminister Behrens vor. Binninger und die anderen Ausschussmitglieder macht es stutzig, dass im Lagebericht der Polizei nur 70 Minuten nach der ersten Meldung über die Explosion und die gefundenen "Zimmermannsnägel" ein Vermerk zu finden ist, dass der Begriff "terroristischer Anschlag" im Zusammenhang mit der Explosion in der Keupstraße bitte nicht mehr zu verwenden sei. Dabei hatte das Landeskriminalamt wegen der Nägel genau diese Einstufung der Explosion abgegeben: Terror.

Gab es also Anweisungen von oben, nicht in Richtung (Rechts-)Terrorismus zu ermitteln? Von der Aussage des Exministers Behrens erhoffte sich der Ausschuss am Donnerstag Aufklärung. "Haben frühe Vorfestlegungen der Politik mit dazu beigetragen, dass Ermittler sich gar nicht mehr getraut haben in Richtung Rechtsextremismus zu ermitteln?", fragt Binninger.

Doch Behrens, der politische Chef der Sicherheitsbehörden, hatte dazu wenig Erhellendes zu sagen. Um 17.25 Uhr, so dokumentieren es Unterlagen, erfuhr er vom Lagezentrum der Kölner Polizei vom Vorfall in der Keupstraße. Was er damals über den bisherigen Ermittlungsstand gesagt bekam, daran erinnert sich Behrens, heute Landtagsabgeordneter im Ruhestand und Anwalt, nicht mehr so genau. Nur, dass es geheißen habe, es gebe bislang keine Erkenntnisse zum Motiv.

"Es tut mir leid"

Behrens bestreitet, selbst die Anweisung gegeben zu haben, nicht mehr von Terror zu sprechen. Es müsse aber jemand aus seinem Ministerium gewesen sein. Das sei auch richtig so, schließlich habe man eine Vorfestlegung der Ermittlungen vermeiden müssen. Tragisch sei es allerdings, dass die Ermittler dann schnell völlig von einer Rechtsextremismus-These abrückten, so Behrens.

Um 21.03 Uhr am Abend des Anschlags rief der Minister noch einmal im Lagezentrum an. "Warum ist der Verfassungsschutz eingeschaltet?", fragte er. Woher er davon überhaupt wusste – Behrens sagt, er erinnere sich nicht. Er habe mit seiner Nachfrage auch nicht drohen wollen. Der Vorwurf, er habe so die Ermittlungen bewusst vom Rechtsextremismus abgelenkt, sei "absurd" und "an den Haaren herbeigezogen".

Vehement wehrt sich der Exminister auch gegen die Darstellung, er habe gemeinsam mit dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily ( SPD ) schon am Tag nach dem Anschlag einen rechtsextremistischen Hintergrund öffentlich ausgeschlossen. Tatsächlich finden sich nach Angaben von Ausschussmitgliedern auch im ausführlichen Pressearchiv des Bundestages keine Beweise dafür. Im Gegenteil: Behrens hat sich, ebenso wie sein damaliger Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD), zu dem spektakulären Fall auffällig selten geäußert. CDU-Mann Binninger spricht deshalb gar von einer "Medienstrategie des Schweigens". Es scheint, als habe sich der Minister möglichst aus allem heraushalten wollen.

Befremdliche Erinnerungslücken

An viele Details der acht Jahre zurückliegenden Ereignisse kann Behrens sich nicht erinnern. "So könnte es gewesen sein", antwortet er auf die allermeisten Fragen der Abgeordneten. Ob er selbst den Bundesinnenminister angerufen habe, fragt der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD). "Wir werden sicher telefoniert haben. Ich vermute am nächsten Vormittag", ist die Antwort. Diese Telefonate mit dem Parteikollegen Schily seien auch "nicht immer vergnügungssteuerpflichtig" gewesen.

Die Erinnerungslücken befremden die Abgeordneten. "Mit wie vielen terroristischen Anschlägen hatten Sie denn in ihrer Amtszeit zu tun, dass sie sich nicht mehr an dieses Ereignis erinnern können", fragt Edathy seinen Parteifreund mit kaum verhohlener Kritik. Behrens beteuert, der Fall sei ihm ans Herz gegangen. Die Opfer besucht aber habe er nicht. Auch hakte er nicht nach, warum die Ermittlungen der Polizei sich so gar nicht mit rechtsextremistischen Motiven und Spuren beschäftigten. Stattdessen: Resignation. "Was bleibt einem anderes übrig als politischer Verantwortlicher, als dieses Ermittlungsergebnis erst mal zur Kenntnis zu nehmen?" Im Nachhinein tue es ihm "persönlich leid", dass da so viel falsch gelaufen sei.