Es gab kein Entkommen. Wer am Wochenende die großen oder kleinen Onlinemedien Deutschlands besuchte (auch ZEIT ONLINE ) sah überall Piraten. Liveticker , Portraits, Video-Schalten, Blitz-Analysen und Spontan-Interviews, das Orange der Partei dominierte die Seiten. Sonntagabend war ihr Parteitag in Bochum erste Meldung in der Tagesschau, am Montag dann zogen die Tageszeitungen nach. Die großen Reportagen und Leitartikel waren fest in Piraten-Hand, oft ergänzt um weitere Texte.

Das Treffen einer Kleinpartei, von der noch nicht einmal klar ist, ob sie 2013 in den Bundestag einzieht, beherrscht tagelang die deutsche Öffentlichkeit. Wie kann das sein? Und was bedeutet das für beide Seiten, für die Piraten und die Medien?

Anita Möllering müsste darauf Antworten haben. Sie ist die Pressesprecherin der Piraten, also eigentlich das Scharnier zwischen Partei und Journalisten. "Medien brauchen Stories, und bei uns finden sie die", sagt sie am Rande des Parteitags. Das ist wohl der erste Grund: Bei den Piraten liegen die Geschichten quasi offen dar, die Journalisten müssen nur hingehen und sie einsammeln. Personalstreitereien wie inhaltliche Debatten, alles findet mindestens halböffentlich statt.

Ideales Versuchsfeld für neuen Journalismus

Für Möllering ist genau das die Herausforderung. Wo bei anderen Parteien Pressesprecher die Kommunikation der Partei nach außen so weit wie möglich zu kontrollieren versuchen, läuft an Möllering das allermeiste vorbei. Die Telefonnummer des politischen Geschäftsführers steht bis heute offen im Netz, der gesamte Vorstand ist über Twitter direkt erreichbar. Die Pressestelle anzurufen, wäre ein unnötiger Umweg. An keine andere Partei kommen Journalisten so leicht nah heran wie an die Piraten, weil keine andere Partei aus Prinzip so offen ist. Möllering kann da nur "Leitlinien" vorgeben und "beraten", wie sie sagt.

Tatsächlich verbrachte gerade die erste Reihe der Partei kaum Zeit bei den Debatten in der Parteitagshalle. "Ich habe nicht mal meinen Stimmzettel ausgepackt", sagt Chef Bernd Schlömer . Stattdessen waren sie andauernd bei Interviews im Pressebereich anzutreffen.

Dort hatten unter anderem 13 Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule ihr umfangreiches Equipment aus Kameras, Computern, Aufnahmegeräten aufgebaut, sechs weitere saßen in der Schule in Hamburg . Für sueddeutsche.de haben sie vom Parteitag berichtet – zusätzlich zu den sowieso schon angereisten Reportern von Online- und Printredaktion. Die Piraten sind mit ihrem Fokus auf das Internet auch ein ideales Versuchsfeld für neue, multimediale Formen des Journalismus.