Parteitag : Der Piraten-Exzess der Medien

250 Journalisten für 2.000 Piraten: Der Bundesparteitag war auch eine Ressourcenschlacht der Presse. Warum stürzen sie sich so auf die Jung-Partei und wer profitiert davon?
Piraten-Parteitag in Bochum © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Es gab kein Entkommen. Wer am Wochenende die großen oder kleinen Onlinemedien Deutschlands besuchte (auch ZEIT ONLINE ) sah überall Piraten. Liveticker , Portraits, Video-Schalten, Blitz-Analysen und Spontan-Interviews, das Orange der Partei dominierte die Seiten. Sonntagabend war ihr Parteitag in Bochum erste Meldung in der Tagesschau, am Montag dann zogen die Tageszeitungen nach. Die großen Reportagen und Leitartikel waren fest in Piraten-Hand, oft ergänzt um weitere Texte.

Das Treffen einer Kleinpartei, von der noch nicht einmal klar ist, ob sie 2013 in den Bundestag einzieht, beherrscht tagelang die deutsche Öffentlichkeit. Wie kann das sein? Und was bedeutet das für beide Seiten, für die Piraten und die Medien?

Anita Möllering müsste darauf Antworten haben. Sie ist die Pressesprecherin der Piraten, also eigentlich das Scharnier zwischen Partei und Journalisten. "Medien brauchen Stories, und bei uns finden sie die", sagt sie am Rande des Parteitags. Das ist wohl der erste Grund: Bei den Piraten liegen die Geschichten quasi offen dar, die Journalisten müssen nur hingehen und sie einsammeln. Personalstreitereien wie inhaltliche Debatten, alles findet mindestens halböffentlich statt.

Ideales Versuchsfeld für neuen Journalismus

Für Möllering ist genau das die Herausforderung. Wo bei anderen Parteien Pressesprecher die Kommunikation der Partei nach außen so weit wie möglich zu kontrollieren versuchen, läuft an Möllering das allermeiste vorbei. Die Telefonnummer des politischen Geschäftsführers steht bis heute offen im Netz, der gesamte Vorstand ist über Twitter direkt erreichbar. Die Pressestelle anzurufen, wäre ein unnötiger Umweg. An keine andere Partei kommen Journalisten so leicht nah heran wie an die Piraten, weil keine andere Partei aus Prinzip so offen ist. Möllering kann da nur "Leitlinien" vorgeben und "beraten", wie sie sagt.

Tatsächlich verbrachte gerade die erste Reihe der Partei kaum Zeit bei den Debatten in der Parteitagshalle. "Ich habe nicht mal meinen Stimmzettel ausgepackt", sagt Chef Bernd Schlömer . Stattdessen waren sie andauernd bei Interviews im Pressebereich anzutreffen.

Dort hatten unter anderem 13 Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule ihr umfangreiches Equipment aus Kameras, Computern, Aufnahmegeräten aufgebaut, sechs weitere saßen in der Schule in Hamburg . Für sueddeutsche.de haben sie vom Parteitag berichtet – zusätzlich zu den sowieso schon angereisten Reportern von Online- und Printredaktion. Die Piraten sind mit ihrem Fokus auf das Internet auch ein ideales Versuchsfeld für neue, multimediale Formen des Journalismus.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wer profitiert davon?

Nachrichten sind auch nur ein Ware. Je bunter und schriller, desto leichter an den Mann zu bringen. Schließlich zählt jeder KLICK.
Erst das Chaos herbeischreiben, dann x Artikel über das ausbleibende Chaos. Was Langhans dazu meint, was Schlömer glaubt und hofft...Und der Gipfel in SPON: Die Frisuren der Piraten!

Wer profitiert davon? Redakteure, die ihren Arbeitstag irgendwie ausfüllen müssen? Die den Eindruck eines unkonventionellen Parteitages verarbeiten müssen? Keine Ahnung.
Wer davon NICHT profitiert ist der Leser, der den gefühlt 27. nichtssagenden Bericht zum PP-Parteitag liest, während wichtigere Themen eben nicht beackert werden.

Und da beklagt der Chefredakteur der Zeit den Imageverlust seiner Zunft und den Einbruch der Akzeptanz seiner Branche?

Lustig I

ich dachte, der Zeitreisenantrag hätte keine Mehrheit gefunden. :-)

"Ohne die Medien hätten wir die Fünfprozentmarke auf Bundesebene nicht geknackt, das hat uns sehr geholfen. Doch jetzt haben sie nicht die gleiche Macht, uns wieder unter die Marke zu schreiben."

Bis jetzt schwanken nach meiner Kenntnis die Piraten mal kanpp über, mal kanpp unter der 5% Marke - in den Umfragen.
Bis jetzt ist bei keiner Wahl auf Bundesebene die 5% Hürde genommen worden, es sei denn, die Piraten an sich können DOCH Zeitreisen veranstalten und befinden sich schon im September 2013.

Aber zum Artikel: Der Medienhype um die PP ist schon sehr auffällig, dass sich die Piraten da solange es in den Umfragen aufwärts ging, hübsch gebauchpinselt fühlten und in ihren Ansichten und Meinungen x-fach durch die vielen Berichte bestätigt sahen, ist kein Wunder.Vermutlich hatten und haben viele JouranlistInne auch ganz eigene Wünsche und Hoffnungen auf die PP projeziert, so wie die PP für viele als Projektionsfläche für alles mögliche gewählt wurde.

Piraten

Was wird erwartet? Skandale, persönliche Befindlichkeiten, lächerliche Vorkommnisse usw. Was braucht nicht erwartet werden? Auseinandersetzung mit irgendwelchen wichtigen Fachthemen. Von daher ist der Boulevard da und wartet ab.

Lächerlich die ganze Sache. Der Vorstand gibt Interview? Worüber? Über eine sogenannte NULL Aussage? Über parteiinterne Querelen?