Piraten-Parteitag in Bochum © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Es gab kein Entkommen. Wer am Wochenende die großen oder kleinen Onlinemedien Deutschlands besuchte (auch ZEIT ONLINE ) sah überall Piraten. Liveticker , Portraits, Video-Schalten, Blitz-Analysen und Spontan-Interviews, das Orange der Partei dominierte die Seiten. Sonntagabend war ihr Parteitag in Bochum erste Meldung in der Tagesschau, am Montag dann zogen die Tageszeitungen nach. Die großen Reportagen und Leitartikel waren fest in Piraten-Hand, oft ergänzt um weitere Texte.

Das Treffen einer Kleinpartei, von der noch nicht einmal klar ist, ob sie 2013 in den Bundestag einzieht, beherrscht tagelang die deutsche Öffentlichkeit. Wie kann das sein? Und was bedeutet das für beide Seiten, für die Piraten und die Medien?

Anita Möllering müsste darauf Antworten haben. Sie ist die Pressesprecherin der Piraten, also eigentlich das Scharnier zwischen Partei und Journalisten. "Medien brauchen Stories, und bei uns finden sie die", sagt sie am Rande des Parteitags. Das ist wohl der erste Grund: Bei den Piraten liegen die Geschichten quasi offen dar, die Journalisten müssen nur hingehen und sie einsammeln. Personalstreitereien wie inhaltliche Debatten, alles findet mindestens halböffentlich statt.

Ideales Versuchsfeld für neuen Journalismus

Für Möllering ist genau das die Herausforderung. Wo bei anderen Parteien Pressesprecher die Kommunikation der Partei nach außen so weit wie möglich zu kontrollieren versuchen, läuft an Möllering das allermeiste vorbei. Die Telefonnummer des politischen Geschäftsführers steht bis heute offen im Netz, der gesamte Vorstand ist über Twitter direkt erreichbar. Die Pressestelle anzurufen, wäre ein unnötiger Umweg. An keine andere Partei kommen Journalisten so leicht nah heran wie an die Piraten, weil keine andere Partei aus Prinzip so offen ist. Möllering kann da nur "Leitlinien" vorgeben und "beraten", wie sie sagt.

Tatsächlich verbrachte gerade die erste Reihe der Partei kaum Zeit bei den Debatten in der Parteitagshalle. "Ich habe nicht mal meinen Stimmzettel ausgepackt", sagt Chef Bernd Schlömer . Stattdessen waren sie andauernd bei Interviews im Pressebereich anzutreffen.

Dort hatten unter anderem 13 Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule ihr umfangreiches Equipment aus Kameras, Computern, Aufnahmegeräten aufgebaut, sechs weitere saßen in der Schule in Hamburg . Für sueddeutsche.de haben sie vom Parteitag berichtet – zusätzlich zu den sowieso schon angereisten Reportern von Online- und Printredaktion. Die Piraten sind mit ihrem Fokus auf das Internet auch ein ideales Versuchsfeld für neue, multimediale Formen des Journalismus.

"Hysterisch und lächerlich"

Auch andere Häuser waren gleich mit einer zweistelligen Mitarbeiterzahl in Bochum, insgesamt beschäftigten sich 250 Journalisten mit den etwas mehr als 2.000 angereisten Mitgliedern. Eins zu acht – eine Quote, von der andere Parteien nur träumen können. Bei dieser Verteilung war es wahrscheinlich und logisch, dass sich immer wieder Journalisten aus Versehen gegenseitig zu interviewen versuchten, ein absurdes Bild.

"Wir sind für viele immer noch etwas Neues, Interessantes", erklärt sich Pressesprecherin Möllering den Medienandrang. Tatsächlich kann man die mediale Bedeutung der Piraten nicht nur an ihren Umfragen messen. Für Leser und Zuschauer ist es verständlicherweise spannender, bei der wirren, turbulenten Entstehungsgeschichte einer neuen Partei dabei zu sein, als sich mit vermeintlich immer gleichen Debatten in längst etablierten Parteien zu beschäftigen.

Chaos als Vorteil

Auch das zeigt dieses Wochenende beispielhaft: Am Samstag traf sich auch die SPD , die bald den Kanzler stellen will und aktuelle mindestens so viele Wähler wie die Piraten hat. In Berlin hat die Partei ihr Rentenkonzept beschlossen, das mehr Chancen auf Umsetzung hat als jeder Bestandteil des Piratenprogramms. Den meisten Medien aber war das nur einen knappen Bericht wert. Es war einfach vorher schon klar, was herauskommen würde. So gesehen profitieren die Piraten vom Chaos bei ihren Veranstaltungen – es macht die Parteitage erst spannend genug für den großen Medien-Auflauf. Zusätzlich haben gerade die Onlinemedien das Gefühl, die Piraten besonders wichtig nehmen zu müssen. Schließlich finden beide in der gleichen Welt statt: im Netz.

In der Partei selbst sehen sie den andauernden Hype unterschiedlich: "Die Medienaufmerksamkeit für den Parteitag ist hysterisch und lächerlich", erregt sich das scheidende Vorstandsmitglied Julia Schramm. Das sei schon fast Boulevardjournalismus, die Piraten "die Klickgeneratoren für Onlinemedien".

Ganz anders sieht das Martin Delius. Der Berliner Piraten-Abgeordnete sitzt am späten Sonntagabend ganz entspannt im ICE zurück nach Berlin. Spricht man ihn auf die enorme Medienpräsenz seiner Partei an, sagt er nur: "Es ist doch geil, dass wir Berichte über Dinge kriegen, die bei anderen Parteien keinen interessieren."

Das ist bemerkenswert bei allen Piraten, mit denen man über das Thema spricht. Sie alle wundern sich beständig über die riesige Aufmerksamkeit und verbrauchen große Teile ihrer Ressourcen, um sich über vermeintlich fiese Berichte aufzuregen. Die Namen der wichtigsten Reporter kennen selbst einfache Piraten wie selbstverständlich – auch das bei anderen Parteien unvorstellbar.

Doch ernsthafte Sorgen, dass ihnen die unverhältnismäßig intensive Berichterstattung schaden könnte, macht sich fast niemand. Ein Vorstandsmitglied sagt: "Ohne die Medien hätten wir die Fünfprozentmarke auf Bundesebene nicht geknackt, das hat uns sehr geholfen. Doch jetzt haben sie nicht die gleiche Macht, uns wieder unter die Marke zu schreiben."