Dresdner JustizViele Widersprüche im "Sachsensumpf"-Prozess
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Abweichungen zwischen Anklage und tatsächlichen Aussagen

Im Prozess gegen die beiden Zwangsprostituierten beschuldigt die Staatsanwaltschaft Kopp und E., "wider besseres Wissen falsche Tatsachen" behauptet zu haben. Ihre Angaben seien "ehrenrührig und falsch", steht in der Anklageschrift. Das will die Staatsanwaltschaft anhand verschiedener Widersprüche in den Aussagen der Frauen beweisen. Doch genau das ist das Problem: Es gibt auffällige Abweichungen zwischen dem, was in den Vernehmungsprotokollen steht, und dem, was davon in der Anklageschrift landete. ZEIT ONLINE dokumentiert die Widersprüche: 

Narbe

Die Angeschuldigte Kopp "könne sich [bei ihrem ehemaligen Freier 'Ingo'] an eine Narbe über dem Schambereich auf der linken Seite erinnern", steht in der Anklageschrift. Niemeyer bestreitet, eine solche Narbe zu haben. Laut dem Vernehmungsprotokoll vom 19. Februar 2008 sagt Kopp jedoch, dass "Ingo" "an dem ersten Abend einen schwarzen Gürtel trug, der eine silberne Schnalle hatte, die eben halt so eher etwas Feineres war, kein 0815-Gürtel, der war so dick mit Luft drin. Dann kann ich mich erinnern, dass einer eben eine Narbe also über dem Schambereich hatte auf der linken Seite."

In ihrer tatsächlichen Aussage wird also nicht deutlich, ob sie die Narbe "Ingo" oder einem anderen Freier zuordnet. Sie sagt lediglich, dass "einer" eine Narbe gehabt habe. Auf Nachfrage von ZEIT ONLINE bestätigt die Staatsanwaltschaft Kopps Aussage. Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Kopp in derselben Vernehmung einen zweiten Freier erwähnt, der ebenfalls unter dem Decknamen "Ingo" verkehrte. Dass sie sich nicht mehr erinnern kann, welcher der beiden "Ingos" die Narbe gehabt haben soll, wird in der Anklageschrift gegen sie verwendet.

(K)ein spendabler Freier?

In der Anklage heißt es: "Auch im Übrigen gehen die Angaben der Angeschuldigten Kopp und E. zum Freier 'Ingo' nicht mit den weiteren Ermittlungsergebnissen konform. Insbesondere die Angabe, 'Ingo' sei ein besonders spendabler Freier gewesen, der stets 500 DM bezahlte, wurde weder durch die anderen vernommenen Prostituierten [wie die Staatsanwaltschaft die Mädchen konsequent nennt] noch durch [den Zuhälter] Wüst bestätigt."

Damit weckt die Anklageschrift den Anschein, dass sowohl Kopp als auch E. hinter der Angabe von 500 DM stehen. Tatsache ist jedoch, dass die Aussage alleine auf E. zurückgeht. Kopp hat vor Gericht nie behauptet, dass "Ingo" stets 500 DM bezahle.

"Der hat damals glaub ich so 400 oder 500 Mark damals dagelassen", sagt Kopp am 14. Januar 2008. Am 19. Februar 2008 wiederholt sie ihre Aussage, dass sie an einem Abend mit "Ingo" "definitiv zwischen 400 und 500 Mark verdient" habe.

Der Abschnitt aus der Anklageschrift beruhe "hauptsächlich auf Aussagen einer Angeklagten", bestätigt die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Kopps Aussage bezüglich der 400 bis 500 DM sei an früherer Stelle ebenfalls in der Anklageschrift zitiert. Die Aussage wird später jedoch nicht wieder aufgegriffen. Darauf, dass das Dokument dadurch verwirrend – wenn nicht widersprüchlich – wird, geht die Staatsanwaltschaft in ihrer Stellungnahme nicht ein.

Mehrfache Einzeleinnahmen von 500 DM seien den vorliegenden "Kassenbüchern" des Bordells nicht zu entnehmen, steht in der Anklageschrift. In dem Kassenbuch des "Jasmin", das die Polizei 1993 beschlagnahmte, sind bei beiden Mädchen jedoch Einnahmen von 400 DM notiert – was Kopps Aussage stützt. Davon erwähnt die Anklageschrift nichts. Auch auf Nachfrage sieht die Staatsanwaltschaft jedoch nicht ein, warum das ein Problem sein sollte.

Rahmenlose Brille

In der Einstellungsverfügung des "Sachsensumpf"-Prozesses 2008 werden die beiden Frauen beschuldigt, sie hätten Niemeyer fälschlicherweise eine rahmenlose Brille zugeordnet. Die Staatsanwaltschaft begründet die Einstellung des Verfahrens unter anderem damit, "dass die Zeuginnen Kopp und E. in Wirklichkeit keine tatsächlichen Freier 'wiedererkannt' haben, sondern vielmehr solche Personen, die sie aus vorherigen Lichtbildvorlagen im Gedächtnis hatten".

Diesen Vorwurf stützt die Staatsanwaltschaft auf ihre "übereinstimmende Beschreibung einer 'rahmenlosen Brille' bei dem angeblichen Freier 'Ingo'". Den Zeuginnen seien 2008 aktuelle Fotos von Niemeyer mit einer rahmenlosen Brille gezeigt worden. Doch der beharrt zunächst darauf, Anfang der neunziger Jahre keine solche Brille getragen zu haben. In einem Brief an die Staatsanwaltschaft bedauert er, dass es ihm "aus zeitlichen Gründen bisher leider noch nicht möglich" gewesen sei, ein Foto aus der besagten Zeit herauszusuchen. Er wolle dies nachholen. Das hat er bis heute nicht getan.

Dieses Foto aus der Leipziger Volkszeitung am 26. Oktober 1995 sah die Dresdner Staatsanwaltschaft als Beweis dafür, dass Niemeyer keine rahmenlose Brille, wie sie die Frauen beschrieben, getragen hatte.

Dieses Foto aus der Leipziger Volkszeitung am 26. Oktober 1995 sah die Dresdner Staatsanwaltschaft als Beweis dafür, dass Niemeyer keine rahmenlose Brille, wie sie die Frauen beschrieben, getragen hatte.  |  © Leipziger Volkszeitung/A. Kempner

Doch die Staatsanwaltschaft gibt sich mit einer Bestätigung des beisitzenden Richters im "Jasmin"-Prozess sowie einem Zeitungsfoto aus dem Jahr 1995 zufrieden. Auf dem Foto trägt Niemeyer eine Brille mit sehr dünnem Rand. Ohne große Mühe könnte man sie jedoch auch als "rahmenlos" beschreiben, denn das Gestell umschließt nur die obere Hälfte der Gläser.

Kopp sprach von einer "rahmenlosen Brille". E. erinnert sich dagegen auch an einen silbernen, doppelstegigen Nasenrücken und silberne Bügel.Beide Ergänzungen beschreiben exakt die Einzelteile der Brille auf dem Zeitungsfoto.

Ganz ähnlich lautet auch die Beschreibung der zweiten beisitzenden Richterin im "Jasmin"-Prozess. Es sei eine "relativ unauffällige Brille" gewesen, sagt sie. "Also nicht mit sehr dicken Bügeln oder so. Es war immer sehr dezent." Ob rahmenlos oder nicht, kann sie sich nicht mehr erinnern. Ihre Aussage taucht in der Einstellungsverfügung mit keinem Wort auf.

Leserkommentare
    • hairy
    • 29. November 2012 18:44 Uhr

    "Zum Auftakt bot die Staatsanwaltschaft den Angeklagten einen Deal an. Im Gegenzug zu einer milderen Strafe hätten sie ihre Aussagen zurückziehen können. Die Frauen lehnten ab..."

    Was hätten die Frauen durch falsche Beschuldigungen eigentl. zu gewinnen? Wohl garnichts. Das Ganze klingt mir tatsächlich nach einem Sumpf.

  1. Mal wieder der Fall, dass man nicht weiß, ob man vor Fremdscham aus dem Fenster springen soll oder doch lieber aus Angst vor so manch einer Justiz nicht anfangen sollte, alles festzuhalten, was man tut, sagt, denkt. Wer weiß womit bzw. weswegen man sonst morgen verklagt wird.,,,

  2. Kontraste Sendung vom 28. Juni 2007:

    "Auch wenn er es nicht wahr haben möchte, er steht im Mittelpunkt des Skandals. Thomas de Maizière, heute Staatsminister im Kanzleramt und damit der oberste Kontrolleur aller Geheimdienste."

    http://www.youtube.com/wa...

    • H.v.T.
    • 29. November 2012 19:20 Uhr
    • Macbird
    • 29. November 2012 19:27 Uhr

    Unabhängig von dem jetzigen Prozess finde ich es unmöglich, dass sowohl der klagende Richter als auch die Staatsanwaltschaft beide Frauen durchgängig als Prostituierte bezeichnen. Da sind zwei minderjährige Mädchen von Verbrechern ihrer Freiheit beraubt und zu Geschlechtsakten gezwungen worden. Und eine deutsche Staatsanwaltschaft will ihnen Jahre später auch noch ihre (vermutlich mühsam) zurück gewonnene Würde nehmen in dem durch das Wort 'Prostituierte' Unmoral und und vor allem Handlungsfreiheit insinuiert wird.

    Ich kann gar nicht so viel essen.....

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    die Herren der höheren Justiz werden schon wissen wovon sie reden.
    Nicht wenige der hohen Herren, sind nun mal gern gesehene Gäste, zumindest von dem der gut an Ihnen verdient.

    Wenn jemand auf die Hilfe der Justiz, gegen einen der die Justiz vertritt hofft, hilft nur Beten und/oder auf Glück hoffen.

    Schade das ich das so sehe, war mal anders!

  3. Ich hoffe, die zwei Frauen haben fähige Verteidger.

  4. Einfach nur traurig, was da abgeht! Ich hoffe, dass die ZEIT und andere Zeitungen weiterhin an dem Fall dran bleiben und diesen Sumpf...nein wohl eher diese Jauchegrube trockenlegen!

  5. "Unabhängig von dem jetzigen Prozess finde ich es unmöglich, dass sowohl der klagende Richter als auch die Staatsanwaltschaft beide Frauen durchgängig als Prostituierte bezeichnen."

    Ja, und Männer, die 13- und 16jährige Mädchen "mieten" und zum Geschlechtsverkehr zwingen, sollten Vergewaltiger genannt werden und nicht verharmlosend "Freier".

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  • Schlagworte Brille | Prostitution | Prozess | Richter | Staatsanwaltschaft | Chemnitz
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