In puncto Brille sieht die Staatsanwaltschaft schließlich ein, dass das "Beweisfoto" und die Zeugenaussagen einige Zweifel zulassen. In der Anklageschrift vom 26. November 2008 tauchen die angeblich falschen Aussagen der Zeuginnen Mandy Kopp und Beatrix E. zur "rahmenlosen Brille" nicht mehr auf. Stattdessen wird Kopp jetzt beschuldigt, widersprüchliche Angaben zur Brille gemacht zu haben. In einem Zeitungsartikel der Süddeutschen Zeitung vom 2. April 2008 habe sie von einer Brille "mit sehr feinem Rahmen" gesprochen und sei damit von ihrer Zeugenaussage abgewichen.

Auch auf Nachfrage erkennt die Staatsanwaltschaft nicht, warum es sich hier um eine Abweichung zwischen der Einstellungsverfügung und der Anklageschrift handeln solle. Stattdessen merkt sie nun an, dass dem Indiz "Brille" keine übermäßige Bedeutung zugemessen werden dürfe. Denn "bereits der Versuch, die Brille eines angeblichen Freiers nach fünfzehn Jahren detailliert beschreiben zu wollen" erscheint ihr "nahezu ausgeschlossen".

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt die Angeklagten also einerseits, widersprüchliche Aussagen über eine lang zurückliegende Angelegenheit gemacht zu haben. Gleichzeitig weist sie jedoch darauf hin, dass eine lückenlose Erinnerung an alle Details nach fünfzehn Jahren kaum möglich sei.

Zeugen verheddern sich in Widersprüche

Um lückenhafte Erinnerungen geht es auch am 13. November 2012 im Prozess gegen Datt und Ginzel. Dort wird Niemeyer, an diesem Tag als Zeuge geladen, mit einem weiteren, bisher unveröffentlichten Foto aus dem Jahr 1993 konfrontiert, auf dem er eindeutig eine größtenteils rahmenlose Brille trägt. Plötzlich erinnert er sich wieder. Und seine kategorische Verneinung von 2008? "Eine Erinnerungslücke."

Niemeyer ist nicht der einzige Zeuge, der sich inzwischen in Widersprüche verheddert hat. Die Ehefrau des Chemnitzer Richters Röger schließt nicht mehr aus, dass ihr Mann zu Anfang der neunziger Jahre an manchen Abenden möglicherweise auch alleine unterwegs war. Damit verliert Röger sein Alibi. Der ehemalige "Jasmin"-Betreiber Wüst hat sich nach Einschätzung der Verteidigung mit seinen widersprüchlichen Aussagen sogar so unglaubwürdig gemacht, dass er als Zeuge unbrauchbar geworden ist. Sollte sich dies bestätigen, wäre es ein kleiner Sieg für die Angeklagten, denn ein Teil der Anklage stützt sich auf Wüsts Aussagen vor der Staatsanwaltschaft. "Bis zum Abbruch waren die Anwälte der Frauen mit dem Verlauf des Prozesses sehr zufrieden", sagt Thomas Datt, der den Prozess in Dresden verfolgte.

In diesem Verfahren steht viel auf dem Spiel. Nicht nur für Mandy Kopp und Beatrix E., sondern auch für die sächsische Justiz. Im März soll der Prozess wieder aufgenommen werden.