Dresdner JustizViele Widersprüche im "Sachsensumpf"-Prozess

Die Anklage gegen die ehemaligen Zwangsprostituierten Mandy Kopp und Beatrix E. lässt viele Fragen offen. Ein Ende des Prozesses ist noch nicht in Sicht. von 

Beatrix E. (l) und Mandy Kopp im Amtsgericht in Dresden

Beatrix E. (l) und Mandy Kopp im Amtsgericht in Dresden  |  © Arno Burgi/dpa

Verdrehte Welt. Vier Jahre nach ihren Zeugenaussagen sitzen Mandy Kopp und Beatrix E. heute selbst auf der Anklagebank. Die Dresdener Staatsanwaltschaft wirft den beiden Frauen, die im Alter von 16 Jahren im Leipziger Kinderbordell "Jasmin" zur Prostitution gezwungen wurden, Verleumdung vor. Als Nebenkläger tritt ausgerechnet der pensionierte Richter Jürgen Niemeyer auf, der ihren Zuhälter vor vielen Jahren zu einer sehr milden Haftstrafe verurteilte.

Der Fall wird häufig mit dem sogenannten Sachsensumpf in Verbindung gebracht – ein vermeintlicher Skandal, bei dem sächsische Juristen, Politiker und Polizisten Verbindungen zur organisierten Kriminalität gehabt haben sollen. Diese Anschuldigungen konnten nie bestätigt werden.

Der Prozess gegen Mandy Kopp und Beatrix E. begann im März dieses Jahres. Zum Auftakt bot die Staatsanwaltschaft den Angeklagten einen Deal an. Im Gegenzug zu einer Einstellung des Verfahrens hätten sie ihre Aussagen zurückziehen müssen. Die Frauen lehnten ab, was den Prozess deutlich zeitaufwendiger gestaltete und das Gericht dazu veranlasste, ihn auf November zu vertagen.

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Kurz nach seiner Wiederaufnahme musste der Prozess Mitte dieses Monats erneut unterbrochen werden. Beide Angeklagten waren vor Verhandlungsbeginn zusammengebrochen und nach einer ärztlichen Untersuchung für verhandlungsunfähig erklärt worden. Auslöser war wahrscheinlich die Wiederbegegnung mit dem ehemaligen Bordellbetreiber Michael Wüst, den sie zuletzt 1994 bei seinem eigenen Prozess gesehen hatten. Damals war Wüst Angeklagter, die beiden kamen als Zeuginnen; diesmal ist es genau umgekehrt.

Anfang der neunziger Jahre in Leipzig

Wer diese absurde Situation verstehen will, muss 1993 in Leipzig beginnen. Damals stürmt die Polizei das Kinderbordell "Jasmin" und befreit mehrere junge Zwangsprostituierte, darunter Mandy Kopp und Beatrix E. Am Leipziger Landgericht verurteilt dessen späterer Vizepräsident Niemeyer den "Jasmin"-Betreiber Wüst wegen schwerem Menschenhandel, Förderung der Prostitution und sexuellem Missbrauch von Kindern zu vier Jahren Haftstrafe. Vielen Beobachtern erscheint diese Strafe auffällig mild und auch die Tatsache, dass die "Jasmin"-Kunden zunächst keinen zu interessieren scheinen, sorgt später für Argwohn.

Die Angelegenheit gerät in Bewegung, als einige Jahre später vermeintliche Verwicklungen der sächsischen Justiz in illegale Immobiliengeschäfte und Kontakte ins Rotlichtmilieu publik werden. 2007 veröffentlicht der sächsische Verfassungsschutz Akten, die die Korruptionsaffäre zunächst zu bestätigen scheinen. Auch Niemeyer gehört zu den Verdächtigten. Daraufhin leitet die Dresdner Staatsanwaltschaft erneut Ermittlungen ein. Die früheren "Jasmin"-Mädchen werden 2008 noch einmal verhört. Anhand von Fotos bestätigen Mandy Kopp und Beatrix E., was sie schon früher gegenüber Journalisten und möglicherweise auch der Polizei äußerten: In Niemeyer wollen sie ihren früheren Freier "Ingo" erkennen. Auch bei Norbert Röger, dem heutigen Präsidenten des Landgerichts Chemnitz, soll es sich um einen ehemaligen "Jasmin"-Kunden handeln.

Die Juristen streiten die Bordellbesuche ab. Dem ZEITMagazin sagt Niemeyer: "Ich weiß nicht, wie die Prostituierten darauf kommen. Sie lügen." Der Ansicht ist offenbar auch die Staatsanwaltschaft, denn das Verfahren in der "Sachsensumpf"-Affäre wird wenig später wegen mangelnder Beweise eingestellt. Stattdessen leiten die Staatsanwälte ein Verfahren gegen Kopp und E. ein – wegen Verleumdung.

"Die Dresdner Staatsanwaltschaft hat weder so tiefgründig noch so fair ermittelt, wie sie es darstellt." Zu diesem Schluss kommen die Journalisten Thomas Datt und Arndt Ginzel 2008 in einem Artikel, den sie für ZEIT ONLINE über den "Sachsensumpf" schreiben. Der Artikel bringt ihnen eine Anklage der Dresdner Staatsanwaltschaft und eine Verurteilung wegen übler Nachrede ein, Geldstrafen von jeweils 2.500 Euro sollen sie bezahlen. Sie gehen in Berufung; das Verfahren läuft derzeit in Dresden.

Leserkommentare
    • Macbird
    • 29. November 2012 19:27 Uhr

    Unabhängig von dem jetzigen Prozess finde ich es unmöglich, dass sowohl der klagende Richter als auch die Staatsanwaltschaft beide Frauen durchgängig als Prostituierte bezeichnen. Da sind zwei minderjährige Mädchen von Verbrechern ihrer Freiheit beraubt und zu Geschlechtsakten gezwungen worden. Und eine deutsche Staatsanwaltschaft will ihnen Jahre später auch noch ihre (vermutlich mühsam) zurück gewonnene Würde nehmen in dem durch das Wort 'Prostituierte' Unmoral und und vor allem Handlungsfreiheit insinuiert wird.

    Ich kann gar nicht so viel essen.....

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  1. "Unabhängig von dem jetzigen Prozess finde ich es unmöglich, dass sowohl der klagende Richter als auch die Staatsanwaltschaft beide Frauen durchgängig als Prostituierte bezeichnen."

    Ja, und Männer, die 13- und 16jährige Mädchen "mieten" und zum Geschlechtsverkehr zwingen, sollten Vergewaltiger genannt werden und nicht verharmlosend "Freier".

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  2. 26. Augen

    Die Augen verraten, ob ein Mensch vom Schatten des Räubers geplagt ist. Sollte besagter Richter diesen Schatten in sich tragen, so transportiert er den Schatten des Räubers auf den Richterstuhl.
    Der Schatten des Räubers öffnet die schwarze Astralebene. Darüber sollten sich Volk, Presse und der Bundesgerichtshof Gedanken machen.

    Wulff musste wegen Nichtigkeiten gehen. De Maiziere hat schwerwiegende Fehler begangen. Manchmal bedarf es nicht nur eines Beweises, sondern der Intuition. Und scharfer Blicke. Und einem Rückgrat.

    Zum Verständnis: Der Schatten des Räubers ist neben dem Teufel die schlimmste Energie und geht für gewöhnlich mit sexuellem Missbrauch und Mord einher. Es ist eine fressende Energie, die in ihrem Urgrund so leer ist, dass sie sich mit dem Licht anderer speisen muss.

    Die NSU ist nicht von ungefähr dort gediehen. Sie konnte nur im Sumpf gedeihen, weil der Sumpf ein verschlingendes Element ist wie dies der Räuber in seinem Prinzip auch ist.
    Ist ja schön, dass die Merkel sich für die NSU schämt. Für den Sachsensumpf sollte sie sich auch schämen und nicht Sicherheiten erlassen, die das Austrocknen des Sachsensumpfs verhindern.

    Auch sollten sämtliche Unfälle und Autounfälle untersucht werden. Ich frage mich ernsthaft, wieso die politische Ebene sich zurück hält? Hat sie vor lauter Verblendung in eigener Sache keine Augen mehr im Kopf?

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  • Schlagworte Brille | Prostitution | Prozess | Richter | Staatsanwaltschaft | Chemnitz
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