Der Grünen-Parteivorsitzende Cem Özdemir © Michael Gottschalk/dapd

Von außen besehen ist Baden-Württemberg das gelobte Land für die Grünen . Den Ministerpräsidenten stellen sie hier, den Bürgermeister in Freiburg und nun auch in Stuttgart . Wer aber genauer hinsieht, erfährt, dass die Partei im Südwesten gerade wieder alte Kämpfe austrägt.

Es geht um Parteichef Cem Özdemir , und es geht um links und rechts. Um Platz zwei auf der Liste seines Baden-Württembergischen Landesverbands ist ein Flügelkampf entbrannt, wie man ihn eigentlich längst beerdigt glaubte. Özdemir will den Platz unbedingt. Seitdem er 2002 wegen der Bonusmeilen-Affäre aus dem Parlament schied , ist er kein Abgeordneter mehr. Ohne ein Bundestagsmandat, wie es seine Co-Vorsitzende Claudia Roth innehat, hängt ein grüner Vorsitzender oft ein wenig machtlos im politischen Limbo – weniger Aufmerksamkeit, weniger Talkshows, weniger Wumms.

Bislang hatte es so ausgesehen, als sei das im Landesverband, bei Reformern wie Linken, auch Konsens: der Bundesvorsitzende braucht einen herausragenden Platz, basta. Den ersten Platz sollte die Freiburger Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae bekommen, auch vom realpolitischen Flügel. Aber nun hat Özdemir einen Herausforderer, der nicht mit Wattebäuschen kämpfen will: den Mannheimer Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick, der sich in der Fraktion einen Namen als linker Finanzpolitiker gemacht hat.

Konflikt im David-und-Goliath-Schema

Schick präsentiert den Konflikt im David-und-Goliath-Schema. Hier die machtbewussten Realos um Landesvater Winfried Kretschmann , den Tübinger OB Boris Palmer und eben den Stuttgarter Cem Özdemir, dort der freche junge Linke, den die Machtbewussten nun wegschieben wollten, wie sie schon versucht hätten, Renate Künast als Frontfrau des Realo-Flügels wegzumuskeln.

Als Beleg führt Schick einen Anruf des Ministerpräsidenten an, bei dem dieser in unmissverständlichen Worten klargemacht habe, was er von Schicks Kampfkandidatur hält. Schick sagt, der Anruf sei nicht durch ihn bei der Südwest-Presse bekannt geworden – ein Umstand, der zu einigem Ärger im Staatsministerium geführt hat.

Auch eine Facebook-Äußerung des rauflustigen Tübinger OB Palmer gilt Schick als Beleg für Herrschaftstechniken von vorgestern. In dem Posting hatte Palmer öffentlich von der Kandidatur abgeraten: "Lasst diesen Kampf aus!" All das passe nicht, sagt Schick, zu der "Politik des Gehörtwerdens", wie sie Ministerpräsident Winfried Kretschmann ausgerufen hat. Insgesamt fühlt er sich von den Reaktionen auf die Ereignisse gestärkt: "Wäre meine Kandidatur nur das Anliegen einer kleinen Randgruppe, würde sie wohl kaum so ernst genommen!"

Es ist der dritte Anlauf Özdemirs auf einen sicheren Listenplatz. Sein Waterloo erlebte er 2008 in der Stadthalle von Schwäbisch-Gmünd, als er erst die Abstimmung um Platz sechs gegen einen Parteilinken verlor, und wenig später die um Platz acht gegen einen Realo. "Das war also keine Entscheidung gegen den Flügelmann Özdemir, sondern gegen den Politiker Özdemir", sagt eine Parteifreundin Schicks. "Der Özdemir ist einfach nicht so wahnsinnig beliebt in Baden-Württemberg, auch bei seinen eigenen Leuten nicht."