Wofür stehen die Grünen ? Auf ihrem Delegiertentreffen in Hannover hat die Partei Signale ausgesandt, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen wollen.

Die Grünen-Führung bezeichnet sich nun endgültig als "bürgerlich". Das ist schon erstaunlich für eine ehemalige Protestpartei, aber diese Entwicklung zeichnet sich ja bereits seit Längerem ab. Die Grünen sind brav geworden, sie rechnen nun alle, wirklich alle ihre Konzepte durch. In Hannover fassten die Delegierten realpolitische Beschlüsse – allzu idealistische Änderungsanträge wurden abgeschmettert. Man findet es gar nicht mehr schlimm, angepasst zu sein. "Konservativ" nannte es der Parteichef Cem Özdemir , gar "wertkonservativ".

Fuchsig werden die Parteifunktionäre allerdings, wenn ihnen für 2013 Ambitionen für ein Bündnis mit der CDU unterstellt werden. Schaut man auf aktuelle Umfragen, folgt das einer gewissen Logik. Bleibt die SPD so schwach, wird es für eine rot-grüne Mehrheit nicht reichen. Und was ist wohl besser: Als kleine Oppositionspartei unter einer großen Koalition zu versauern oder eben Kompromisse zu machen, aber wenigstens einige grüne Inhalte durchzusetzen?

Merkels "Gurkentruppe"

Das aber lassen die Grünen nicht gelten. Vorsorglich wetterten alle Spitzenleute in Hannover recht ordentlich gegen Angela Merkel und ihre "Gurkentruppe". Im selben Atemzug wiederum erklärten die Grünen, 2013 enttäuschte Wähler aus dem Unionslager abgreifen zu wollen.

Fraglich ist allerdings, ob dieses umworbene bürgerliche Wählerlager goutiert, dass die Grünen sich gerade in Teilen von den selbst gezimmerten Hartz-IV-Reformen verabschieden. Und dass sie beschlossen haben, die deutschen Asylbestimmungen zu lockern. "Multikulti ist mega in", rief die alte und neue Parteichefin Claudia Roth den Delegierten zu. In Hannover bekannten sich alle Spitzenpolitiker außerdem vehement zum Adoptionsrecht für Homosexuelle.

Grüne Mitte der Gesellschaft

Passt das alles zusammen? Ja und Nein. Der ehemalige Kommunist Jürgen Trittin formulierte es recht treffend: Nicht die Grünen seien in die Mitte gerückt. Sondern die Mitte der Gesellschaft sei grün geworden . Tatsächlich gilt heute auch unter Nicht-Linken vieles als Konsens, wofür die Grünen einst kämpften. Die Gleichstellung von Mann und Frau und Homosexuellen zum Beispiel, der Dauerrenner Energiewende, eine Ablehnung von Massentierhaltung und genmanipulierter Landwirtschaft.

Andererseits haben sich die Grünen auch aktiv der sogenannten Mitte angepasst. Sie korrigieren nun zwar ihre eigenen Hartz-IV-Beschlüsse , ein wirklicher Linksruck ist dies aber nicht. Auf 420 Euro wollen sie den Regelsatz anheben, dies aber schrittweise tun und nur dann, wenn sie die Zusatzausgaben gegenfinanzieren können. Die Grünen lehnten es ab, Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger ganz abzuschaffen, aber sie wollen sie aussetzen und auf ihre Tauglichkeit überprüfen. Sie halten an der Rente mit 67 fest. Eine bedingungslose Kindergrundsicherung von rund 300 Euro im Monat pro Kind wird "angestrebt". Das heißt im Politikjargon: Wahrscheinlich wird diese Sozialleistung nie kommen.