Die Frage ist: Wie bunt sind die Grünen überhaupt noch? In jedem Fall sind sie überparteilich vorzeigbar geworden. Kandidat Trittin schaffte es am Freitag fast nicht rechtzeitig zum Delegiertentreffen nach Hannover: Am Morgen hatte er noch beim Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung in Berlin eine Rede über grüne Finanzpolitik gehalten. Für seine Spitzenkandidatenrede am Abend behielt er den schicken hellgrauen Stoffanzug gleich an. Auch Göring-Eckardt hatte sich in Schale geschmissen und präsentierte sich den Delegierten im schwarzen Hosenanzug.

Beide Kandidaten scheuten sich nicht, mit der angeblichen neuen Bürgerlichkeit der Grünen zu kokettieren. Die Grünen würden inzwischen als "Spießbürger im Bionade-Biotop" bezeichnet, sagte Trittin: "Wir wären die ersten Spießbürger, die einen konsequenten Wandel in diesem Land durchstreiten." 76 Prozent der Bürger seien inzwischen für einen Mindestlohn, betonte Trittin, 80 Prozent für Homo-Ehe. "Das ist die Mitte, es ist eine grüne Mitte", rief er. Grünen-Chef Cem Özdemir befand in seiner Eingangsrede in Hannover gar, die Grünen seien eine konservative Partei – "wertkonservativ eben": "Sich für die Mitte zu öffnen, heißt nicht Inhalte zu schleifen."

"Neue Töne" seien dies vor allem vom vermeintlichen Linken Trittin, freut sich ein Landespolitiker der Grünen, der eher realpolitisch unterwegs ist. Dann hat Göring-Eckardt in ihrer Rede auch noch sehr deutliche Worte für den angeblichen Lieblingskoalitionspartner im Gepäck: SPD-Parteichef Sigmar Gabriel habe die Grünen aufgefordert, sich zu einem Bündnis mit der SPD zu bekennen: "Lieber Sigmar, Bekenntnisse gibt es nur in der Kirche." Rot-Grün sei dennoch das Ziel, schiebt Göring-Eckardt schnell hinterher. Man soll sie wohl bloß nicht falsch verstehen. Doch schon folgt der nächste Seitenhieb. Die Grünen beurteilten "niemanden danach, was er auf dem Konto hat", "sondern nach den Inhalten in der Politik". Ob das Peer Steinbrück freut? Schwer zu sagen.

Die Grünen zeigen also Selbstbewusstsein gegenüber der SPD. Doch für 2013 dürfte trotz aller Koketterie mit der Mitte kaum ein anderes Bündnis für sie infrage kommen. Mindestlohn, Gleichstellung von Homosexuellen, Energiewende – die Differenzen zur Merkel-CDU sind zu groß. Auch das beruhigt den linken Flügel bei den Grünen.