ParteitagDer konservative Beat der Grünen

Auf dem Parteitag der Grünen werden die neuen Spitzenkandidaten gefeiert. Viele fragen sich aber, wofür Katrin Göring-Eckardt inhaltlich steht. Von L. Caspari, Hannover von 

Katrin Göring-Eckardt macht Faxen. Die Tochter eines Tanzlehrers aus Gotha formt auf der Parteitagsbühne ein Herz mit beiden Händen. Sie zuckt ihre Schultern im Takt der Musik, sie reckt den Daumen in die Höhe und wiegt den Kopf wie beim Disko-Ausdruckstanz. Die grünen Delegierten jubeln ihr zu. Auf dem grünen Parteitag an diesem Wochenende hat Göring-Eckardt ihren ersten großen Rede-Auftritt als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl und die 46-Jährige hat sich sichtlich vorgenommen, ihn spaßig zu gestalten.

"Keinen Beat ungetanzt lassen" – das ist seit einiger Zeit das Mantra der Realpolitikerin, wenn sie vom Bundestagswahlkampf spricht. In Teilen der Partei herrscht eine gewisse Besorgnis darüber, was das inhaltlich zu bedeuten hat. Göring-Eckardt, das merkt man auf dem Delegiertentreffen in Hannover , ist vor allem den linken Funktionären reichlich suspekt. Steht die überparteilich anerkannte Evangelin am Ende nicht doch für eine Öffnung der Partei zu Schwarz-Grün ? Göring-Eckardt bestreitet das vehement.

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Ihr schlimmstes Erlebnis seit Bekanntgabe des Urwahl-Ergebnisses vor genau einer Woche sei gewesen, dass die bei vielen Grünen verhasste CDU-Familienministerin Kristina Schröder politische Gemeinsamkeiten mit ihr sehe, kokettierte die grüne Kandidatin bei ihrer Rede in Hannover. Die CDU wolle sich doch nur aus purer Verzweiflung an sie als grüne Spitzenkandidatin "ran robben". Man werde den Konservativen aber einfach Wähler abluchsen, sonst nichts: " Grün oder Merkel , darum geht's", sagte Göring-Eckardt. Die Grünen seien die wahre Partei für alle Bevölkerungsschichten: "Wir wissen, was eine Frisörin wirklich verdient und dass die Geschäftsführerin sich nicht traut, Teilzeit zu arbeiten."

Da ist es wieder, das sozialpolitische Konzept, dass sich die Thüringerin für den Urwahlkampf gegeben hat. Auch in ihrer Rede in Hannover betont sie blumig ihre Sorge um die Abgehängten und Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Darüber können Vertreter des linken Parteiflügels nur den Kopf schütteln. "Vermeintliche Sozialpolitikerin", nennt sie eine Grüne in Hannover. Als Fraktionsvorsitzende der rot-grünen Bundesregierung sei es schließlich genau jene Katrin Göring-Eckardt gewesen, die die umstrittenen Hartz-IV-Gesetze und die damit verbundene Gängelung von Arbeitssuchenden an vorderster Front durchgefochten habe.

Die Aufregung über Claudia Roths Pleite hat sich gelegt

Göring-Eckardt sagt, sie habe ihre Meinung halt in den vergangenen Jahren geändert. Tatsächlich gehört sie zu den Mitunterzeichnerinnen eines Antrages für eine bedingungslose Kindergrundsicherung von 300 Euro im Monat, eine Sozialleistung, die selbst ihr Co-Spitzenkandidat, der frühere Kommunist Jürgen Trittin , für zu teuer und daher unumsetzbar hält. Manch ein Linker unterstellt Göring-Eckardt, den Antrag im Urwahlkampf nur aus taktischen Gründen unterschrieben zu haben.

Genau eine Woche ist es her in Hannover, dass das Ergebnis des Mitgliederentscheids über die beiden grünen Spitzenkandidaten bekanntgegeben wurde. Der erste Schock über das schlechte Abschneiden der Vorsitzenden Claudia Roth hat sich gelegt. Sie will am späten Samstagnachmittag trotz allem noch mal als Parteichefin kandidieren . Die Parteilinke ist beruhigt. Den gewählten Kandidaten Jürgen Trittin , der politisch in den letzten Jahren in die Mitte gerückt ist, sehen die Linken ja eh als einen von ihnen an. Und mit Göring-Eckardt können sie auch irgendwie leben.

Nicht wenige sind pragmatisch genug, um die Chancen dieses eher realpolitischen Wahlkampfduos zu sehen. "Nach außen hin sind sie ein hervorragendes Team", betont einer aus dem linken Parteiflügel. Die Kandidaten seien "eine kluge Wahl, denn sie maximieren unsere Chancen bei der Wahl", sagt auch der Vorsitzende der eher linken NRW-Grünen Sven Lehmann ZEIT ONLINE. Er fügt hinzu: "Mir ist es allerdings wichtig, dass wir auch weiterhin als Partei der gesellschaftlichen Buntheit wahrgenommen werden." Auch an solchen Äußerungen hört man die Skepsis der Parteifunktionäre heraus.

Leserkommentare
    • lonetal
    • 17. November 2012 11:05 Uhr

    Sie schreiben: "Die Grünen werden vielleicht lieber mit Rot regieren. Aber wenn das nicht geht, regieren sie dann eben auch mit Schwarz."

    Wenn es für Rot- Grün nicht reicht, haben das die Wähler so entschieden. Warum sollten die Grünen dann unglaubwürdig sein?

    Die Politik steht dann nach wie vor vor der Aufgabe, regierungsfähige Gruppierungen zu finden. Wenn die Grünen dann bereit sind, Verantwortung zu übernehmen - notfalls auch in Grün-Schwarz -, warum sollten sie dann unglaubwürdig sein? Demokratische Parteien müssen grundsätzlich alle untereinander koalitionsfähig sein, auch wenn es dann nicht immer zu Wunschkoalitionen reicht.

    Gelegentlich habe ich den Eindruck, manche kommen aus dem politischen Freund-Feind-Denken einfach nicht raus, etwa bei dem blödsinnigen Geschwafel von "Einheitspartei" in Berlin oder Machtversessenheit oder den Fleischtöpfen an der Macht ...

    Die deutsche Politik hat seit 1945 fast Unvorstellbares für Land und Volk geleistet, so dass wir gegenwärtig alles in allem weltweit glänzend dastehen.

    Alle, die damit nicht zufrieden sind, seien aufgefordert, es besser zu machen.

    Antwort auf "Unglaubwürdig"
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    "Gelegentlich habe ich den Eindruck, manche kommen aus dem politischen Freund-Feind-Denken einfach nicht raus, etwa bei dem blödsinnigen Geschwafel von "Einheitspartei" in Berlin oder Machtversessenheit oder den Fleischtöpfen an der Macht ..."

    Nennen Sie doch mal 3 Punkte bei denen sich CDU, SPD und Grüne GRUNDLEGEND (und nicht nur für die Fernsehkameras) unterscheiden.

    Und was die Fleischtöpfe angeht: Wulff schon vergessen? Steinbrück, der Abgeordneter bleibt, das Geld dafür mitnimmt, die Arbeit oftmals schwänzt und "nebenbei" Millionen einnimmt? Silvana Koch-Mehrin, die offenkundig betrogen (nicht: "geschummelt") hat und ihren lukrativen Posten einfach beibehält?

    "Die deutsche Politik hat seit 1945 fast Unvorstellbares für Land und Volk geleistet, so dass wir gegenwärtig alles in allem weltweit glänzend dastehen."

    Oh ja, ich weine gleich vor Ergriffenheit. Die Menschen in diesem Land haben Großartiges geleistet, nur darf die Mehrheit derselben seit ca. 15 Jahren an den von ihnen erschaffenen Erfolgen weniger und weniger teilhaben.

    "Alle, die damit nicht zufrieden sind, seien aufgefordert, es besser zu machen."

    Ein Anfang wäre damit gemacht, nicht die schwarz-rot-grüne Einheitspartei zu wählen.

    • bond24
    • 17. November 2012 11:07 Uhr

    wer grün und rot mischt erhält schwarze Politik (Farbenleere) durch die Hintertür. Dieser Versuch von rot grün hat Deutschland nur geschadet; denn hinterher wollen sie alles wieder rückgängig machen. Also warum soll man Parteien wählen die als Ziel nur die Anpassung der Lebensverhältnisse an die europäischen Nachbarn in Form von Stillstand produzieren. Wenn wir als Zahler für die EU ausfallen geht die Auflösung noch schneller voran.

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    • lonetal
    • 17. November 2012 12:12 Uhr

    Sie schreiben: "Dieser Versuch von rot grün hat Deutschland nur geschadet;"

    Klar, wer sich in Europa umschaut - lauter blühende Landschaften: Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland ... Die waren so schlau, Reformen zu verweigern, bis es ihnen jetzt einfach glänzend geht.

    Und Deutschland unter rot-grün war so blöd, unter Schröder Reformen durchzupauken - Basta-Politik - und steht jetzt da als das Armenhaus Europas.

    Ist doch so - oder habe ich da was verwechselt?

  1. ..unsägliche Anmaßung der Claudia Roth, die „grüne Seele“ zu verkörpern, endlich ein Ende hat. Sie verkörperte allenfalls den Flügel der kinderlosen 68er! [...]

    In den glorreichen Anfangsjahren der Grünen fanden mal unterschiedlichste Strömungen unter dem Dach der Partei zusammen, bis hin zu Erzkonservativen, die um den „deutschen Wald“ besorgt waren! Die meisten Minderheitenpositionen wurden aber unter Parteiführern vom Schlage Roth gnadenlos untergebuttert. So war ein Hauptanliegen der Partei mal, mindesterns ebenso engagiert wie für die gleichgeschlechtliche Ehe, für eine kinderfreundliche Gesellschaft einzutreten! In dieser Hinsicht war bei Frau Roth aber all die Jahre nur Schweigen im Walde zu vernehmen. Das Thema ging ihr offensichtlich vollständig am [..] vorbei. Ich hoffe, daß Frau Göring-Eckhardt jetzt endlich wieder etwas Leben in die Bude bringt.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "[..]"
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    • lonetal
    • 17. November 2012 12:29 Uhr

    Sie schreiben: "Auf jeden Fall bin ich aber froh, daß diese...
    unsägliche Anmaßung der Claudia Roth, die „grüne Seele“ zu verkörpern, endlich ein Ende hat."

    Es war Claudia Roth, welche die Urwahl der Spitzenkandidaten durchgesetzt hat und damit ein Stück mehr Bürger- und Basisbeteiligung durchsetzte.

    Bleibt zu hoffen, dass die Folgen in Richtung Bürgerbeteiligung weitreichender sind als 1993 bei der von der SPD überhaupt erstmals durchgeführten Urwahl des Spitzenkandidaten (Scharping).

  2. "Wertkonservativ" ist ein nicht von allen, aber von vielen Grünen seit Parteigründung zur Selbstbeschreibung benutztes Eigenschaftswort. Wer da jetzt den großen Richtungswandel erkennen will, muss in den letzten dreißig Jahren recht einäugig durch die politische Landschaft gestakt sein.

  3. "Gelegentlich habe ich den Eindruck, manche kommen aus dem politischen Freund-Feind-Denken einfach nicht raus, etwa bei dem blödsinnigen Geschwafel von "Einheitspartei" in Berlin oder Machtversessenheit oder den Fleischtöpfen an der Macht ..."

    Nennen Sie doch mal 3 Punkte bei denen sich CDU, SPD und Grüne GRUNDLEGEND (und nicht nur für die Fernsehkameras) unterscheiden.

    Und was die Fleischtöpfe angeht: Wulff schon vergessen? Steinbrück, der Abgeordneter bleibt, das Geld dafür mitnimmt, die Arbeit oftmals schwänzt und "nebenbei" Millionen einnimmt? Silvana Koch-Mehrin, die offenkundig betrogen (nicht: "geschummelt") hat und ihren lukrativen Posten einfach beibehält?

    "Die deutsche Politik hat seit 1945 fast Unvorstellbares für Land und Volk geleistet, so dass wir gegenwärtig alles in allem weltweit glänzend dastehen."

    Oh ja, ich weine gleich vor Ergriffenheit. Die Menschen in diesem Land haben Großartiges geleistet, nur darf die Mehrheit derselben seit ca. 15 Jahren an den von ihnen erschaffenen Erfolgen weniger und weniger teilhaben.

    "Alle, die damit nicht zufrieden sind, seien aufgefordert, es besser zu machen."

    Ein Anfang wäre damit gemacht, nicht die schwarz-rot-grüne Einheitspartei zu wählen.

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    • lonetal
    • 17. November 2012 12:19 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

    • TDU
    • 17. November 2012 11:50 Uhr

    die Grünen seien eine konservative Partei – „wertkonservativ eben“: „Sich für die Mitte zu öffnen, heißt nicht Inhalte zu schleifen.“

    Und Normal Konservative haben keine Werte oder wie? Und die Mitte ist da wo Grün ist?.

    Normal Ehe oder Homo Ehe. Wer für beides ist, ist auch einfach ein Stück konservativ. Den er erkennt den Wert von Bindung. Also was soll das "wertkonservativ"? Einfach nur verdekcen, adss dei ehemaligen Revoluitionäre die Bürgerlichkeit entdeckt haben.

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    Der Begriff "wertkonservativ" ist kein "Neusprech" der vom wahren Glauben Abgefallenen, sondern zirkulierte von Anbeginn der Grünen.

    Als sie Ende der 1970er Jahre als Grüne Listen und später auch als Bundespartei auftraten, wurden sie immer wieder gefragt, ob sie denn "links" oder "rechts" seien.

    Dem journalistischen Druck nachgebend, sich möglichst in einem Begriff darzustellen, verwendeten viele Grüne den Begriff "wertkonservativ", den Erhard Eppler 1975 mit einem Buch eingeführt hatte.

    Ein Begriff, mit dem man sich von den "Strukturkonservativen" im rechten wie im linken Parteienspektrum abheben konnte.

    Und ja, der "Normal-Konservative", der etwas nur erhalten will, weil es bisher so war, hat in der Tat keine Werte, sondern nur ein Dogma.

    • TDU
    • 17. November 2012 11:58 Uhr

    Wir wissen, was eine Frisörin wirklich verdient und dass die Geschäftsführerin sich nicht traut, Teilzeit zu arbeiten.“

    Aber gerne neue Belastungen auferlegen und wer nicht bezahlen kann, soll betteln gehen.

    Und wo ist der Teilzeit Geschäftsführer? Die Geschäfte bestimmen das Tempo den Druck und den Umsatz und damit die Arbeitsintensität.

    Wenn 2 Telefonate am Tag fürs Auskommen reichen, kann man halt den Rest auf dem Golfplatz verbringen. Was hat Politk damit zu tun. Und wenns eng wird, und man will Teilzeit? Bitte sehr, wenn man pleite geht, hat man sogar Auszeit.

    Auch sie kommt leider ohne platten Populismus nicht aus. Schade.

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