Stefan BirknerDer Mann, der Philipp Rösler retten soll

In Niedersachsen will FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner so sachlich bleiben wie er ist. Den Strategen in der Berliner Zentrale macht das Sorgen. von 

Der niedersächsische FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner

Der niedersächsische FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner  |  © Friso Gentsch/dpa

Es sind trübe Zeiten , doch Stefan Birkner hat nicht vor, sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Ein regennasser Novembermorgen, der Dienstwagen des niedersächsischen Umweltministers schiebt sich Serpentinen hinauf. Vorbei an Tannen, Holzhütten – idyllisch ist es hier im Naherholungsgebiet Harz. Fünf Ministertermine hat Birkner heute, unter anderem wird er eine Eisengießerei im Harz und eine Aluminiumfabrik in Göttingen besuchen. Orte, an denen geschuftet, viel Energie verbraucht und an Innovationsmöglichkeiten getüftelt wird. Ein Heimspiel für den FDP-Politiker. 

Die Kurven werfen Birkner im Auto hin und her, er wirkt gut gelaunt. Das ist nicht selbstverständlich, denn Birkner ist nicht nur Umweltminister, er ist auch Spitzenkandidat der FDP , am 20. Januar wird in Niedersachsen gewählt. "Es wäre falsch, sich jetzt verrückt zu machen", sagt der 39-Jährige. "Natürlich werde ich kämpfen. Aber ich werde dabei authentisch bleiben." Erst nach Weihnachten will die FDP ihre Werbeplakate aufhängen. Vorher seien die Leute für Politik nicht erreichbar, sagen die Strategen.

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Erstaunlich, diese Gelassenheit: In den Umfragen steht die FDP bei drei Prozent. Jeder zweite Niedersachse kennt Birkner nicht. Er ist auch erst seit zehn Monaten Minister. Vorher war der ruhige, zurückhaltende Politiker lange in der zweiten Reihe aktiv, als Generalsekretär der Landespartei, als Büroleiter, als Staatssekretär.

Hohe Erwartungen in Berlin

Ausgerechnet dieser rationale Jurist, der sich selbst als "Pragmatiker durch und durch" bezeichnet, soll nun die FDP retten – und den Bundesvorsitzenden gleich mit . Philipp Rösler hat seine Karriere in Niedersachsen begonnen, seine Familie lebt in Hannover . Manchmal treffen sich die Birkners und die Röslers privat. Klar ist: Fliegt die FDP in Niedersachsen aus dem Landtag, ist für Rösler Schluss. Entsprechend hoch sind die Erwartungen der Berliner Parteizentrale.

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Birkner aber hat sich vorgenommen, den Druck zu ignorieren. "Wir haben eine gute Bilanz vorzuweisen", sagt er über neun Jahre Schwarz-Gelb in Niedersachsen. Die Menschen würden das honorieren. Während Wolfgang Kubicki im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf mehr denn je gegen Rösler stänkerte, sagt der niedersächsische Kandidat: "Ich bin überzeugt davon, dass mein ausgleichender Stil bei den Niedersachsen gut ankommt." 300.000 Stimmen, also ein Ergebnis von 7 bis 8 Prozent, sei Ende Januar trotz allem noch drin, glaubt Birkner: "Jedes Mitglied muss 49 Wähler werben, dann funktioniert es." Er setzt auf Mundpropaganda, vor allem im ländlichen Raum. Über steigende Strompreise wollen er und seine Leute mit den Landwirten sprechen und über den Erhalt der Gymnasien mit den konservativen Familien. Themen statt Stänkereien gegen Rösler.

Birkner steht loyal zum Bundesvorsitzenden. Ihm fallen zwar durchaus Dinge ein, die sein Weggefährte falsch gemacht hat. Aber er sagt: "Rösler übernimmt in schwieriger Zeit Verantwortung für die FDP. Andere in der Partei, die ständig gegen ihn sticheln, ziehen sich aus der Affäre, wenn es ernst wird."

Eine SMS unterbricht das Gespräch. Sie ist vom FDP-Urgestein Walter Hirche . Der 71 Jahre alte ehemalige Wirtschaftsminister gibt Birkner gerade regelmäßig Wahlkampftipps. So fände er es zum Beispiel gut, wenn Birkner denn öfter mal in der Tagesschau vorkäme. Bekanntheit steigern und so.

Auch in Berlin spart man nicht mit Ratschlägen für den Kandidaten. Er solle doch mehr zuspitzen, heißt es aus der Parteizentrale, mehr draufhauen, nicht immer so moderierend daherkommen. Birkner versucht, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

" Unsere Wähler sind nicht doof"

Er hat keine Lust, draufzuhauen. Er versteht auch nicht, was das bringen soll. "Unsere Wähler sind nicht doof. Wir sollten nicht den Eindruck vermitteln, dass komplexe Probleme einfache Lösungen haben", sagt er. In der Firma Harz Guss Zorge GmbH, 600 Mitarbeiter, größter Arbeitgeber im bevölkerungsarmen Harz, ist man da ganz bei ihm. Hier ärgern sie sich über diese "verkürzte Neiddebatte" zu den steigenden Strompreisen und den Ausnahmen für energieintensive Unternehmen , wie Geschäftsführer Carsten Weißelberg sagt. Klar, der riesige Gussofen schlucke jede Menge Strom, aber er müsse eben immer brennen.

"Wir machen uns doch nicht die Taschen voll, wie immer suggeriert wird, sondern wir erhalten Arbeitsplätze", sagt ein leitender Mitarbeiter von Harz Guss Zorge. Wenn er im Fernsehen die verkürzten Berichte über die EEG-Umlage sehe und die ganzen plumpen Vorurteile höre, da mache ihn das sehr wütend. Birkner nickt freundlich, stellt Fragen, sagt, die FDP wolle an den Ausnahmen grundsätzlich festhalten. Verbindlich und freundlich wirkt er in solchen Momenten – und zugewandt. Alle Menschen, die ihn an diesem Tag im direkten Gespräch erleben, mögen ihn.

Ob Birkners Art am Ende aber reicht für 300.000 Stimmen? Der 39-Jährige sagt, er könne auch aufdrehen. Mit legitimem Zuspitzen habe er kein Problem. Seine Rede beim Landesparteitag in Osnabrück letztens sei zum Beispiel gut angekommen. Im Internet gibt es ein Video davon . "Wir müssen uns nicht verstecken", sagt der FDP-Mann da. Aber es ist eben wieder nur der freundliche, der ruhige Birkner, der spricht.

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Leserkommentare
  1. fordert die Parteispitze.

    Wir sind auf dieses Draufhauen reingefallen und quälen uns ohne eine Verbesserung als Gewerbetreibende mit den fehlenden Draufhauversprechungen der FDP im letzten Bundestagswahlkampf, hätten wir ein Hotel, vielleicht nicht, ansonsten konnten wir nur Verschlechterungen für unsere Situation durch die aktuelle regierende FDP bemerken.

    Doch rächen durften wir uns bereits bei der Senatswahl hier in Berlin und viele andere Wähler auch, so das diese Partei hier zur Zeit icht stattfindet :-)

    Mal sehen ob die Niedersachsen auch so schlau sind zu verhindern das die über 3% kommen.

    Und wenn man Parteien ständig vorwirft sie wären zerstritten, bei der FDP sind die drei vier populären Politiker die der Bürger kennt ja grundsätzlich völlig anderer Meinung und wie ich hier lese setzt sich das fort.

    Da ist noch eine Landarztstelle in Niedersachsen frei, ob Herr Dr. Rösler die bald übernimmt um einiges wieder gut zu machen?

    • lib-dem
    • 30. November 2012 19:11 Uhr

    ... zählt Frau Caspari in ihrer Vorstellung nur die politischen Ämter von Stefan Birkner auf. Tatsächlich war der Mann auch schon Staatsanwalt. Und sein Studium hat er an der Viadrina in Franfurt/Oder gemacht. Auch das spricht für ihn.

    Am Ende hoffe, dass sich Sachthemen durchsetzen und Herr Birkner den Einzug in den Landtag wieder schafft. Das würde der FDP auch helfen, sich langfristig von den Knalltüten a la Kubicki zu den Sachpolitikern hinzuverschieben.

    Spätestens, wenn wir von der nächsten großen Koalition regiert werden, wäre es gut, wieder eine solide FDP zu haben.
    Sonst fehlt eine ernsthafte Opposition (siehe z.B. in Berlin, wo ja seit der letzten Wahl alles besser geworden zu sein scheint ...).

  2. Typische FDP Wähler sind wegen Herrn Rösler keine mehr!
    Herr Rösler verliert mehr Stimmen als er durch sein Verhalten bekommt!
    Also Vorsicht ,die Wahlen in Niedersachsen mit Herrn Rösler zu verknüpfen,wirft Herrn Birkner nur zurück der ja wegen seiner Politik dort gewählt werden soll und nicht als Steigbügelhalter Röslers.

    Antwort auf
  3. 4. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    • lib-dem
    • 30. November 2012 19:24 Uhr

    ... die Zeit wird noch kommen.

    Wieviel von dem übrigbleibt, was die SPD und die Grünen (und die Piratenpartei übrigens auch) heute versprechen, sollten sie jemals (wieder) Verantwortung übernehmen dürfen, wird sich noch zeigen.

    .
    [...]

    T'schullige.

    Das ist nicht so einfach, in dem Zusammenhang.

    Bei "ernsthafter Opposition" fällt mir einfach nicht mal Ende nächster Woche die FDP ein, auch wenn ich ununterbrochen dran denke, an die ernsthafte Opposition, mein ich.

    Ganz sachlich, echt jetzt..

    • lib-dem
    • 30. November 2012 19:24 Uhr

    ... die Zeit wird noch kommen.

    Wieviel von dem übrigbleibt, was die SPD und die Grünen (und die Piratenpartei übrigens auch) heute versprechen, sollten sie jemals (wieder) Verantwortung übernehmen dürfen, wird sich noch zeigen.

    Antwort auf "[...]"
  4. ... ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber ich weiß, daß es anders werden muß, wenn es besser werden soll.
    Johann-Christoph Lichtenberg

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    • lib-dem
    • 30. November 2012 19:49 Uhr

    auch mal eben richtig schlecht werden kann.

    Aber dann kann man sich halt über andere aufregen.
    Es würde Ihnen sicherlich auch etwas fehlen, wenn Sie mit einer Regierung plötzlich zufrieden sein müssten ...

    Aber wo wir gerade dabei sind:
    Zur Zeit haben wir: die niedrigste Arbeitslosigkeit seit langem, eine gering Neuverschuldung seit langem, hohe Steuereinnahmen, geradezu vor Geld berstende Sozialsysteme, den höchsten Anteil von Menschen die sozialversichert arbeiten seit langem, etc. pp.

    Da gibt es einiges, das schlechter werden kann.

    • lib-dem
    • 30. November 2012 19:49 Uhr

    auch mal eben richtig schlecht werden kann.

    Aber dann kann man sich halt über andere aufregen.
    Es würde Ihnen sicherlich auch etwas fehlen, wenn Sie mit einer Regierung plötzlich zufrieden sein müssten ...

    Aber wo wir gerade dabei sind:
    Zur Zeit haben wir: die niedrigste Arbeitslosigkeit seit langem, eine gering Neuverschuldung seit langem, hohe Steuereinnahmen, geradezu vor Geld berstende Sozialsysteme, den höchsten Anteil von Menschen die sozialversichert arbeiten seit langem, etc. pp.

    Da gibt es einiges, das schlechter werden kann.

    Antwort auf "Ich weiß nicht, ..."
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    • Kelhim
    • 30. November 2012 21:16 Uhr

    Die Früchte der Vorgängerregierungen ernten, das kann selbst diese FDP. So zu tun, als wären es die eigenen Verdienste, ist allerdings ziemlich billig. Welche konkreten Maßnahmen hat diese Bundesregierung jemals verabschiedet, welche die Wirtschaft gestärkt hätten?

    Herr Birkner ist ein unbeschriebenes Blatt für mich, ich lese zum ersten Mal etwas über ihn. Mag sein, dass er für einen sachlichen, pragmatischen, nicht an rechter Ideologie orientierten Politikstil steht, aber seine Parteifreunde in Berlin (und Kiel) tun es nicht - auch nicht Herr Rösler, den er verteidigt.

    • sf2000
    • 01. Dezember 2012 6:55 Uhr

    ... vielleicht möchten Sie sie ergänzen um kurze Stichworte, welche politischen Akzente - Schritte- Programme - Entscheidungen- was immer Sie wollen! - *dieser* Regierung dazu geführt haben, dass das so ist.

    Danach können wir gerne diskutieren über die schöne Welt der Zahlen und Statistiken und was sich die Leute davon kaufen können.

  5. .
    [...]

    T'schullige.

    Das ist nicht so einfach, in dem Zusammenhang.

    Bei "ernsthafter Opposition" fällt mir einfach nicht mal Ende nächster Woche die FDP ein, auch wenn ich ununterbrochen dran denke, an die ernsthafte Opposition, mein ich.

    Ganz sachlich, echt jetzt..

    Antwort auf "[...]"

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