Man sieht ihm das jetzt nicht an, wie er hier in weißem Hemd und Strickjacke in einem Café in der Braunschweiger Innenstadt sitzt. Doch Birger Haarbrandt ist ein energischer Hund mit Sternchen. Das weiß aber kaum jemand, weil Haarbrandt keiner ist, der laut bellt und jedem Stöckchen hinterherläuft. Dabei müsste seine Partei, die Piraten , eigentlich stolz auf ihn sein: bräuchte sie doch so viele mehr wie ihn.

Der 28-jährige Haarbrandt ist seit knapp dreieinhalb Jahren Pirat und arbeitet seit gut zwei Jahren in der Arbeitsgruppe Gesundheitspolitik. Auf seiner Profilseite im Wiki der Partei prangt die Auszeichnung "energischer Hund mit *", ein Dackelbild, vom typischen Orange der Piraten umfasst. "Für deine Konstruktivität, deine sachliche und faire Argumentationsweise und dein Engagement", heißt es in der Begründung.

Und damit ist genau das benannt, was die Piraten jetzt, in ihrer ersten schweren Krise, dringender brauchen als je zuvor. Gequält von Skandälchen und Personalstreitereien sind sie in bundesweiten Umfragen unter die Fünfprozenthürde gefallen. Auf ihrem Parteitag an diesem Wochenende in Bochum müssen sie nun dringend ein Programm zusammenzimmern und ein Bild vermitteln, das sie wieder zu der ernstzunehmenden politischen Alternative macht, die sie längst zu sein schienen.

"Emotionslosere, nüchternere Politik"

Haarbrandt, der sagt, er wünsche sich eine "emotionslosere, nüchternere Politik", will dazu seinen Beitrag leisten. Er hat mit seiner AG sechs Anträge vorbereitet. Einer davon, der Grundsätze von Piraten-Gesundheitspolitik zu definieren versucht, wird wohl auch zur Abstimmung kommen. Alle anderen haben sie erst einmal umsonst verfasst – für sie ist in Bochum keine Zeit.

Das ist ein oft übersehenes Problem der Piraten: Sie arbeiten inhaltlich – 1.400 Seiten umfassen die Anträge für den Parteitag. Aber sie schaffen es einfach nicht, all die Inhalte schnell genug ins Parteiprogramm zu hieven. Weil die Zeit zu knapp ist, die Diskussionslust zu groß oder die Positionen zu gegensätzlich. Insbesondere vermeintlich nebensächliche Themen wie die Gesundheitspolitik leiden darunter. "Langfristig werden wir Sonderparteitage brauchen, um unser Programm zu vervollständigen", sagt Haarbrandt.

Klare Regeln und Strafen

Zehn Stunden die Woche steckt der studierte Medizin-Informatiker in sein Piraten-Engagement. Viel davon geht drauf für die Kommunikation mit Parteifreunden und die regelmäßigen Treffen der Arbeitsgruppe im Internet. Dort diskutieren sie nach strikter Tagesordnung und mit Protokollant. Wer dreimal unentschuldigt fehlt, verliert sein Stimmrecht in der Gruppe.

Das mag radikalen Basisdemokraten, wie es sie in der Partei viele gibt, drakonisch erscheinen. Haarbrandt aber schwört auf klare Regeln. So sei die Arbeit "verbindlicher und koordinierter". Als Belohnung für die selbstauferlegte Strenge sei es dann auch ein "Gütesiegel", wenn seine Gruppe Programmanträge mittrage.

Noch kein Wort im Programm



Detailliert und wohlüberlegt kann Haarbrandt über private Gesundheitsvorsorge und Gerechtigkeitsfragen sprechen. Er bringt dann wie selbstverständlich Wortungetüme wie "morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich" über die Lippen und wirft mit Zahlen um sich. Gerade arbeitet er an einem weiteren Antrag, bei dem es um eine gerechte Finanzierung des gesamten Gesundheitssystems gehen soll, er liest viel Fachliteratur dazu. "Doch da muss ich noch mehr recherchieren", gibt er sich bescheiden.

Haarbrandt ist wie so viele Piraten der Meinung, dass Politik nicht sachlich genug sei, sondern zu ideologisch geprägt. Deshalb ist er nie mit den Grünen warm geworden, obwohl er doch im grünen Milieu sozialisiert sei, wie er selbst sagt.

Was also findet sich von Haarbrandts Engagement wieder im Piraten-Programm? "Noch nichts", gibt er ohne Missmut zu. 2010 stellte er einmal auf eigene Faust einen Antrag, über den noch nicht einmal abgestimmt wurde. Seit zwei Jahren opfert er also seine Freizeit der Partei, ohne dass das sichtbare Ergebnisse gebracht hätte. Aber statt darüber zu jammern, macht er einfach weiter. Ohne Ausdauer geht es nicht an der Piratenbasis.

"Engagierte Hunde" formen das Programm

In dem Grundsatzantrag seiner AG fürs Wochenende finden sich viele Allgemeinplätze. "Bei den Piraten steht der Mensch im Mittelpunkt des Gesundheitssystems", steht dort zum Beispiel. Aber auch: "Privilegien der Privaten Krankenversicherungsunternehmen sind (...) abzuschaffen." Kommt der Antrag durch, haben die Piraten ein eigenes gesundheitspolitisches Konzept – wenn auch noch kein besonders ausgefeiltes.

Zu verdanken wäre das dann nicht nur Haarbrandt, sondern auch seinen Mitstreitern. Zahnärzten, emeritierten Professoren, Studenten. Es gibt viele von diesen stillen Engagierten in der Partei. Wer die Profile im Wiki der Piraten durchstöbert, stößt immer wieder auf das Bild vom "engagierten Hund", jener so piraten-typischen Form der Auszeichnung.

"Twitter interessiert den Stammtisch nicht"

Das Beispiel Haarbrandt zeigt zudem, dass nicht die modernen Kommunikationsmittel das Problem der Piraten sind, sondern die Art und Weise, wie allzu viele von ihnen sie benutzen. Haarbrandt twittert zwar auch , aber er beherrscht gleichzeitig die Kunst des Schweigens und der Zurückhaltung. Wenn mal wieder ein Shitstorm losbricht, lässt er sich höchstens zu ein wenig öffentlicher Selbstironie oder Galgenhumor hinreißen. "Die Piraten waren schon immer eine laute Partei, in der sich viele auch unbedacht und voreilig äußern", sagt er. An den Stammtischen aber "interessiert das kaum jemanden, was im Biotop Twitter los ist."

An diesem Wochenende kommen sie nun zusammen, die Twitter-Lautsprecher und die stillen AG-Piraten. Haarbrandt freut sich schon auf seine Partei. Und seine Partei kann sich über ihn freuen.