Detailliert und wohlüberlegt kann Haarbrandt über private Gesundheitsvorsorge und Gerechtigkeitsfragen sprechen. Er bringt dann wie selbstverständlich Wortungetüme wie "morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich" über die Lippen und wirft mit Zahlen um sich. Gerade arbeitet er an einem weiteren Antrag, bei dem es um eine gerechte Finanzierung des gesamten Gesundheitssystems gehen soll, er liest viel Fachliteratur dazu. "Doch da muss ich noch mehr recherchieren", gibt er sich bescheiden.

Haarbrandt ist wie so viele Piraten der Meinung, dass Politik nicht sachlich genug sei, sondern zu ideologisch geprägt. Deshalb ist er nie mit den Grünen warm geworden, obwohl er doch im grünen Milieu sozialisiert sei, wie er selbst sagt.

Was also findet sich von Haarbrandts Engagement wieder im Piraten-Programm? "Noch nichts", gibt er ohne Missmut zu. 2010 stellte er einmal auf eigene Faust einen Antrag, über den noch nicht einmal abgestimmt wurde. Seit zwei Jahren opfert er also seine Freizeit der Partei, ohne dass das sichtbare Ergebnisse gebracht hätte. Aber statt darüber zu jammern, macht er einfach weiter. Ohne Ausdauer geht es nicht an der Piratenbasis.

"Engagierte Hunde" formen das Programm

In dem Grundsatzantrag seiner AG fürs Wochenende finden sich viele Allgemeinplätze. "Bei den Piraten steht der Mensch im Mittelpunkt des Gesundheitssystems", steht dort zum Beispiel. Aber auch: "Privilegien der Privaten Krankenversicherungsunternehmen sind (...) abzuschaffen." Kommt der Antrag durch, haben die Piraten ein eigenes gesundheitspolitisches Konzept – wenn auch noch kein besonders ausgefeiltes.

Zu verdanken wäre das dann nicht nur Haarbrandt, sondern auch seinen Mitstreitern. Zahnärzten, emeritierten Professoren, Studenten. Es gibt viele von diesen stillen Engagierten in der Partei. Wer die Profile im Wiki der Piraten durchstöbert, stößt immer wieder auf das Bild vom "engagierten Hund", jener so piraten-typischen Form der Auszeichnung.

"Twitter interessiert den Stammtisch nicht"

Das Beispiel Haarbrandt zeigt zudem, dass nicht die modernen Kommunikationsmittel das Problem der Piraten sind, sondern die Art und Weise, wie allzu viele von ihnen sie benutzen. Haarbrandt twittert zwar auch , aber er beherrscht gleichzeitig die Kunst des Schweigens und der Zurückhaltung. Wenn mal wieder ein Shitstorm losbricht, lässt er sich höchstens zu ein wenig öffentlicher Selbstironie oder Galgenhumor hinreißen. "Die Piraten waren schon immer eine laute Partei, in der sich viele auch unbedacht und voreilig äußern", sagt er. An den Stammtischen aber "interessiert das kaum jemanden, was im Biotop Twitter los ist."

An diesem Wochenende kommen sie nun zusammen, die Twitter-Lautsprecher und die stillen AG-Piraten. Haarbrandt freut sich schon auf seine Partei. Und seine Partei kann sich über ihn freuen.