Das liegt – und hier sind wir beim zweiten, viel fataleren Problem nach dem Parteitag – exakt an der Form von Basisdemokratie, auf die die Piraten eigentlich so stolz sind. Sie haben keine Delegierten, verzichten also auf eine Ebene von Repräsentation und Machtbündelung innerhalb der Partei. Jede Mitgliederstimme ist gleich viel wert. In diesem Piraten-"Schwarm" aber, der bei diesem Bundesparteitag aus über 2.000 Entscheidern bestand, finden sich nur noch große Mehrheiten für Weichgespültes.

Die Spitzen, Flügel oder Arbeitskreise anderer Parteien können auch mal gewagtere Inhalte durchfechten, ganz einfach, weil sie es sind, die mit ihrem Renommee dahinterstehen, die sich durch solide Arbeit und Kompetenz Macht verdient haben. Die Piraten aber reagieren allergisch auf Macht und landen deshalb beim kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner.

"Digitale Basisdemokratie" muss warten

Dabei hätte der Parteitag die Chance gehabt, dieses Problem anzugehen. Auf der Tagesordnung für Sonntag stand eigentlich eine Debatte über die "ständige Mitgliederversammlung" (SMV). Dabei geht es darum, das Online-Meinungsbildungs-Werkzeug "Liquid Feedback" auch für verbindliche Programmentscheidungen zu nutzen. So könnten wirklich alle Mitglieder ihre Stimme bequem von zu Hause übers Internet abgeben , wie es die Partei eigentlich schon seit Langem verspricht mit ihrem Gerede von "neuer Beteiligung" und "digitaler Basisdemokratie". Und sie könnten ihre Stimmen bei Themen, in denen sie nicht so bewandert sind, an Fachpolitiker abtreten, die es ja längst auch bei den Piraten gibt.

Doch am Sonntagmittag haben die Piraten in einem Akt seltener Kurzsichtigkeit die Diskussion über die SMV gleich komplett von der Tagesordnung gekegelt. Sie wollten sich lieber mit Landwirtschaft und Jugendschutz beschäftigen, als mit der Verbesserung ihrer eigenen Verfahren. Das ist deshalb so fatal, weil die Piraten damit weiterhin die Einlösung ihres einen, großen Versprechens schuldig bleiben: Mehr Basisdemokratie, auch dank des Internets.