Mitglieder der Piratenpartei stimmen auf dem Bundesparteitag in Bochum über Anträge ab. © Oliver Berg/dpa

Eigentlich ist das der Super-GAU. Kein Internet auf dem Piratenparteitag. Nicht über Kabel, nicht per Funk. "Es gibt leider gerade in der kompletten Halle kein Netz", verkündet einer der Organisatoren und reicht zum Trost Marzipankartoffeln durch die Reihen. Schlimmer könnte es ja eigentlich nicht kommen für eine Partei, deren Diskussionen Dokumente und Programmanträge auch während eines Parteitages zu Großteilen online zu finden sind.

Aber was passiert am Samstagvormittag? Nichts. Fast zwei Stunden lang sind die Piraten nahezu komplett offline, doch keiner murrt, keiner meckert in der Bochumer Veranstaltungshalle. Abgeschaltet, und doch zufrieden.

Das ist der beste Beweis für die überraschende Nüchternheit und Gedämpftheit, mit der die Piraten in ihren Parteitag gestartet sind. Erstmals haben sie keine Erfolge zu feiern, haben nicht gerade ein weiteres Landesparlament erobert, sinken die Umfragewerte. Die Piraten spüren, dass sie die nächste Entwicklungsstufe nehmen müssen. "Professionalisierung" nennt das ihr Chef Bernd Schlömer , er drängt bei jeder Gelegenheit darauf. An diesem Wochenende in Bochum sieht einiges danach aus, als sollte seine Partei ihm darin folgen – zumindest anfangs.

Von hyperventilierenden Wutausbrüchen keine Spur

Das beginnt am Freitagabend, bei der großen Aussprache von Basis und Vorstand . Eigentlich könnte es hier so richtig hoch hergehen nach all den Skandälchen und Rücktritten der vergangenen Monate. Auf dem Podium sitzt auch der politische Geschäftsführer Johannes Ponader, der vor wenigen Wochen offen mit dem Rest des Vorstandes aneinandergerasselt ist, Chef Schlömer hatte ihm unter anderem gesagt, er solle mal lieber arbeiten. Ponader polarisiert , steht im Zentrum etlicher Shitstorms.

Hier aber haben er und die anderen drei Vorstände vergleichsweise leichtes Spiel. Anstatt ihre oft so verhassten Funktionäre frontal anzugehen, bedankt sich erst einmal jeder zweite Basis-Redner dafür, dass der Vorstand überhaupt gekommen ist. Und dann klatschen alle artig. Ein bisschen meckern sie über vermeintlichen Neoliberalismus und weichgespülte Rhetorik, über zu wenig Kontakt zur Basis und angeblich zu viel Macht für die Spitzenleute.

Von den hyperventilierenden Wutausbrüchen auf "die da oben" in der eigenen Partei – hier keine Spur. Die Piraten wissen auch, dass sie kaum noch andere geeignete Personen für die Spitzenämter haben, deshalb gehen sie lieber zivil mit ihren jetzigen um. Da ist die Partei mittlerweile pragmatisch. Das größte Aufsehen erregt letztlich der Hausmeister der Veranstaltungshalle, er scheucht die verdutzten Piraten einfach auf die Straße. Da müssen alle drüber grinsen, Vorstand wie Basis.

Auch der Samstag ist zuerst vor allem eins: gemütlich . Plaudernde Piraten überall, Wiedersehensfreude und entspannte Gesichter. Eher nebenbei hält Schlömer seine Einführungsrede, der Applaus ist freundlich, mehr nicht. Die Piraten sind keine Aufsteigerpartei mehr, sie sind jetzt angekommen in den Mühlen der politischen Ebene. "Natürlich ist das hier kein Jubelparteitag, sondern ein Arbeitsparteitag", sagt Vorstandsmitglied Klaus Peukert. "Wir merken jetzt, dass es kein Selbstläufer ist."

Im ewigen Dilemma zwischen Effizienz und radikaler Basisdemokratie

Deshalb wollen sie heute unbedingt vorankommen. Ungewöhnlich schnell beschließen die Mitglieder eine Tagesordnung und starten dann in die Diskussion ihrer Wirtschaftspolitik, das Thema wollen sie heute unbedingt durchbekommen. Es kehrt Konzentration ein in der Halle. Drei Stunden diskutieren sie über die verschiedenen Grundsatzanträge, stimmen schriftlich ab – und haben am Ende tatsächlich ein Wirtschaftsprogramm .

Von Freiheit, Gerechtigkeit und Transparenz ist darin ganz unspektakulär die Rede, aber auch vom Mindestlohn als Übergang zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die Piraten werden damit nicht die Systemkrise des Kapitalismus lösen, was für viele tatsächlich ein Ablehnungsgrund war, aber sie haben endlich etwas, auf das sie verweisen können, wenn es wieder heißt: Ihr habt doch gar keine Inhalte!

Doch als hätten sich alle nur notdürftig zusammengerissen, verfällt der Parteitag im Anschluss an diesen Erfolg wieder in altbekannte Selbstbeschäftigungs- und Streitrituale. Plötzlich regen sich alle auf, zuvorderst der Berliner Promi-Pirat Christopher Lauer, weil der Parteitag eine Debatte plötzlich und ohne Vorlauf abwürgt. Etliche Personen wollten noch etwas sagen – unter anderem Lauer selbst. "Zensur!", ruft eine, "Wir verraten unsere Prinzipien!" ein anderer. Länger als eine halbe Stunde drehen sie sich im Kreis, danach geht alles weiter wie zuvor. Einmal mehr haben die Piraten Zeit verloren in ihrem ewigen Dilemma zwischen Effizienz und radikaler Basisdemokratie.

Sie wollen so gerne schon weiter sein in ihrer Entwicklung, mehr Programm haben, bessere Strukturen, eben auf ihre Art etabliert werden. Dieser Ehrgeiz, diese Strebsamkeit ist den ganzen Tag über zu spüren, die vermeintlichen Politik-Spinner sind tatsächlich höchst ernsthafte Polit-Ehrgeizlinge. Nur: Sie stehen sich dabei selbst im Weg. Sie können nicht aus ihrer höchst idealistischen Haut. Deshalb reden sie über alles viel länger als nötig. So schaffen sie bis zum frühen Samstagabend gerade einmal fünf Programmanträge – von mehr als 800 eingereichten. Es dürften noch einige dieser Arbeitsparteitage folgen. Ein wenig Jubel über Erfolge, über gewonnene Wahlen, würde den Piraten sicher dabei helfen, das durchzustehen.