Deshalb wollen sie heute unbedingt vorankommen. Ungewöhnlich schnell beschließen die Mitglieder eine Tagesordnung und starten dann in die Diskussion ihrer Wirtschaftspolitik, das Thema wollen sie heute unbedingt durchbekommen. Es kehrt Konzentration ein in der Halle. Drei Stunden diskutieren sie über die verschiedenen Grundsatzanträge, stimmen schriftlich ab – und haben am Ende tatsächlich ein Wirtschaftsprogramm .

Von Freiheit, Gerechtigkeit und Transparenz ist darin ganz unspektakulär die Rede, aber auch vom Mindestlohn als Übergang zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die Piraten werden damit nicht die Systemkrise des Kapitalismus lösen, was für viele tatsächlich ein Ablehnungsgrund war, aber sie haben endlich etwas, auf das sie verweisen können, wenn es wieder heißt: Ihr habt doch gar keine Inhalte!

Doch als hätten sich alle nur notdürftig zusammengerissen, verfällt der Parteitag im Anschluss an diesen Erfolg wieder in altbekannte Selbstbeschäftigungs- und Streitrituale. Plötzlich regen sich alle auf, zuvorderst der Berliner Promi-Pirat Christopher Lauer, weil der Parteitag eine Debatte plötzlich und ohne Vorlauf abwürgt. Etliche Personen wollten noch etwas sagen – unter anderem Lauer selbst. "Zensur!", ruft eine, "Wir verraten unsere Prinzipien!" ein anderer. Länger als eine halbe Stunde drehen sie sich im Kreis, danach geht alles weiter wie zuvor. Einmal mehr haben die Piraten Zeit verloren in ihrem ewigen Dilemma zwischen Effizienz und radikaler Basisdemokratie.

Sie wollen so gerne schon weiter sein in ihrer Entwicklung, mehr Programm haben, bessere Strukturen, eben auf ihre Art etabliert werden. Dieser Ehrgeiz, diese Strebsamkeit ist den ganzen Tag über zu spüren, die vermeintlichen Politik-Spinner sind tatsächlich höchst ernsthafte Polit-Ehrgeizlinge. Nur: Sie stehen sich dabei selbst im Weg. Sie können nicht aus ihrer höchst idealistischen Haut. Deshalb reden sie über alles viel länger als nötig. So schaffen sie bis zum frühen Samstagabend gerade einmal fünf Programmanträge – von mehr als 800 eingereichten. Es dürften noch einige dieser Arbeitsparteitage folgen. Ein wenig Jubel über Erfolge, über gewonnene Wahlen, würde den Piraten sicher dabei helfen, das durchzustehen.